Trauma-Experte: Facebook-Videos können Kinder traumatisieren
Aktualisiert

Trauma-ExperteFacebook-Videos können Kinder traumatisieren

Auf Facebook sieht man täglich Gewaltvideos – ohne es zu wollen. Für Kinder kann dies ernsthafte psychische Folgen haben, sagt ein Experte. Vor allem, wenn sie vorbelastet sind.

von
tab
1 / 4
Warnung: Die folgenden Bilder können Ihre Gefühle verletzen. Weiterklicken auf eigene Gefahr!

Warnung: Die folgenden Bilder können Ihre Gefühle verletzen. Weiterklicken auf eigene Gefahr!

Keystone/AP/Paul Sakuma
Ein Kindermädchen schlägt und tritt ein kleines Mädchen. Ein Leser-Reporter hat dieses Video auf Facebook gesehen und sich bei 20 Minuten gemeldet mit der Aussage: «Mir hat es den Magen umgedreht.»

Ein Kindermädchen schlägt und tritt ein kleines Mädchen. Ein Leser-Reporter hat dieses Video auf Facebook gesehen und sich bei 20 Minuten gemeldet mit der Aussage: «Mir hat es den Magen umgedreht.»

Youtube
Auch dieses Exekutions-Video ist auf Facebook zu sehen.

Auch dieses Exekutions-Video ist auf Facebook zu sehen.

Youtube

«Ich habe heute ein absolut verstörendes Video auf Facebook gesehen», schrieb S. V. gestern in einem Mail an die 20-Minuten-Redaktion. «Man sieht eine Frau, die mehrmals auf ein Kind einschlägt, es von der Couch schubst und dann sogar mit Tritten malträtiert. Absolut abscheulich! Mir hat es ohne Witz den Magen verdreht.»

Genau diese Erfahrung machen viele Social-Media-User fast täglich. Ist auf Facebook die Autoplay-Funktion bei Videos noch aktiviert, hat man keine Kontrolle mehr darüber, welche Filme man ansehen möchte und welche nicht. Ohne es zu wollen, sieht man plötzlich, wie etliche Männer enthauptet werden, ein Mädchen Hundewelpen in einen See wirft, eine Frau mit einem Stiletto ein junges Kätzchen zertritt – Bilder, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Ohne Vorwarnung

Markus Landolt, Leitender Psychologe am Kinderspital Zürich und Experte in Psychotraumatherapie, kennt dieses Phänomen. Schockierende Videos sehe man nicht nur auf Facebook, sagt er. Ihm seien auch Fälle bekannt, bei denen jemand beispielsweise per Handy ein Video zugeschickt bekommen habe. «Die Leute klicken es an, ohne zu wissen, was sie erwartet.» Dieses Unmittelbare, Plötzliche berge die grösste Gefahr. «Der Schock ist viel grösser, wenn man ahnungslos ein solches Video anschaut, als wenn man eine Vorwarnung bekommt und sich wappnen kann.»

Schlimm sei die Situation insbesondere dann, wenn man beim Betrachten von brutalen Gewaltszenen auch noch allein sei und das Gesehene mit niemandem besprechen könne, so Landolt. «Je jünger, je unvorbereiter und je ‹alleiner› jemand ist, desto schlimmer der Effekt.» Vor allem für Kinder könnten Gewaltfilme einen sehr negativen Einfluss auf die Psyche haben. «Sie können nicht einordnen, was sie da sehen, es verstört sie nur.»

«Sie denken, Mami und Papi müssten auch sterben»

Deshalb sei es sehr wichtig, dass sie sofort mit jemandem darüber reden könnten, der ihnen erkläre, was diese Bilder bedeuten. Sie müssten verstehen, was sie gesehen haben, damit sie es verarbeiten könnten. «Ich habe schon Kinder erlebt, die einen Film über einen terroristischen Anschlag gesehen haben und danach Angstzustände hatten. Sie dachten, dass ihr Mami oder Papi jetzt auch sterben müsse.»

Ein psychisch gesundes Kind mit guten Familienbeziehungen verdaue solche Szenen aber verhältnismässig schnell. Dass bei ihnen aufgrund eines Gewaltvideos eine langfristige Störung entstehe, sei unwahrscheinlich, so Landolt. «Die Bilder verfolgen die Kinder eine Zeit lang, vielleicht haben sie Albträume, aber in der Regel geht das vorüber.»

Bereits vorhandenes Trauma verstärken

Bei vorbelasteten Jugendlichen sehe die Situation hingegen anders aus. «Sagen wir, eine 15-Jährige hat sexuelle Gewalt erlebt. Sie steht im Tram und will auf ihrem Handy schnell ihren Facebook-Status aktualisieren, dann sieht sie unvorbereitet ein Video von einer Vergewaltigung. Diese junge Frau kann eine Panikattacke mit Flashback erleben.» Bei ihr könne ein derartiges Video ihr bereits vorhandenes Trauma verstärken. «Dasselbe passiert auch mit Kindern, die beispielsweise im Krieg waren und später einen IS-Film auf Facebook sehen.»

Videos auf Social Media zu teilen, um anhand von brutalen Szenen auf irgendwelche Missstände aufmerksam zu machen, sei sicher für Kinder und Jugendliche nicht empfehlenswert, sagt Landolt. «Auch Filme von Tierquälerei können vor allem bei Kindern eine heftige Reaktion auslösen.» Sie vermenschlichten Tiere noch viel mehr als Erwachsene und könnten mit solchen Bildern nicht umgehen.

Deine Meinung