Aktualisiert 23.09.2011 20:44

Neugieriges NetzwerkFacebook will es wissen

Dank neuen Funktionen sollen die Nutzer noch mehr von sich preisgeben und noch mehr Zeit auf Facebook verbringen. Die Werbewirtschaft freuts. Kritiker warnen vor dem Ende der Privatsphäre.

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owi/sda/dapd

Es sind die grössten Änderungen in der Geschichte von Facebook, die Mark Zuckerber am Donnerstag in einer langfädigen Live-Präsentation vorstellte. Die Nutzer des Online-Netzwerks können ihre Freunde künftig in Echtzeit wissen lassen, was sie gerade tun. Das Online-Netzwerk kündigte auf der Entwicklerkonferenz etliche neue Funktionen an, mit denen Nutzer mehr aus ihrem Alltag preisgeben können.

Ob beim Kochen oder Joggen, Musik hören und Filme gucken: Facebook will sich noch tiefer im Leben seiner 800 Millionen Mitglieder verankern. Musik, Filme und Nachrichten spielen dabei eine zentrale Rolle. Mit den angekündigten Änderungen beschwor das Unternehmen aus San Francisco allerdings sogleich Datenschutzbedenken herauf.

Eingeschränkte Multimediazentrale für Schweizer

Wichtiger Bestandteil der vielen Neuerungen ist die Möglichkeit, Medieninhalte zu empfehlen. Nutzer sollen ihren Freunden zeigen können, welche Musik sie gerade hören, welche Filme sie schauen oder welche Artikel sie lesen. Dafür richtet das Unternehmen ein neues Tickerfenster ein, in dem Meldungen in Echtzeit einlaufen.

Dutzende Musikdienste, Online-Videotheken und Websites von Medienunternehmen kooperieren mit Facebook, darunter bekannte Namen wie der Musikstreaming-Dienst Spotify, der Videostreaming-Anbieter Netflix und das «Wall Street Journal». Klickt man auf die Aktivität eines Freundes, kann das etwa automatisch zu einer Anmeldung für eine Gratisprobeversion von Musikdiensten wie Spotify oder Rhapsody führen.

«Die neuen Funktionen werden allen Facebook-Nutzern weltweit zur Verfügung gestellt. Dabei werden diese langsam im Laufe der nächsten Zeit für alle Nutzer ausgerollt», sagt Facebook auf Anfrage. Da einige der vorgestellten Partner-Unternehmen aus Lizenzgründen hierzulande (noch) nicht tätig sind, werden Schweizer Nutzer vorderhand auf deren Musik oder Filme verzichten müssen, wie Facebook gegenüber 20 Minuten Online bestätigt. Bislang gehöre auch kein deutschsprachiges Medium für Nachrichten-Apps zu den Partnern.

Firmen sehen mit der Integration von Musik, Filmen und Zeitungsinhalten in Facebook - mehr noch als zuvor - grosse Potenziale für das Marketing im Internet. Zu wissen, dass ein Freund einen Film gesehen hat, animiere den Nutzer viel mehr, diesen ebenfalls zu sehen als die firmeneigene Werbung, sagte Reed Hastings, der Chef des in den USA populären Online-Filmdienstes Netflix.

Archiv des Lebens

Zudem will Facebook seine Nutzer mit überarbeiteten Profilen enger an sich binden. Mitglieder können auf einer Zeitleiste (Timeline) alle wichtigen Momente aus ihrem Leben in einem Magazin-artigen Layout präsentieren.

Das können Fotos sein oder die Orte, an denen sie sich oft aufhalten. Auch Kochbücher und Jogging-Tagebücher, die externe Firmen auf Facebook anbieten, lassen sich integrieren. «So erzählt man die ganze Geschichte seines Lebens auf einer einzigen Seite», sagte Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Eingeführt werden soll die Funktion in den nächsten Wochen. Für Neugierige hat der Tech-Blog «Techcrunch» eine Anleitung geschrieben, wie sich die Timeline bereits jetzt aktivieren lässt.

«Ende der Privatsphäre»

Facebook versprach, dass Nutzer die Kontrolle darüber behalten, was ihr Netzwerk über sie erfährt. Viele Beobachter äusserten dennoch Datenschutz-Bedenken. In ersten Reaktionen von Twitter-Nutzern war vom «Ende der Privatsphäre» die Rede.

Ob diese Kritik berechtigt sei, hänge stark von der Umsetzung der neuen Funktionen ab, sagte der Gartner-Analyst Michael Gartenberg der Nachrichtenagentur dpa. «Es ist noch zu früh, um das zu bewerten. Facebook hat mittlerweile gelernt, dass sie in diesem Bereich vorsichtig sein müssen.» Entscheidend sei die Frage, ob das Unternehmen die Informationen standardmässig veröffentliche oder die Nutzer erst zustimmen müssten.

«Man verliert sein Leben»

Mit den angekündigten Neuerungen wolle sich Facebook noch tiefer im Leben der Nutzer verankern - etwa indem sie über ihre Freunde neue Inhalte entdecken, sagte Gartenberg. «Die Idee dahinter ist, dass die Nutzer mehr und mehr Zeit auf Facebook verbringen und dessen Dienste nutzen.»

Der amerikanische Journalismus-Dozent und Blogger Jeff Jarvis schrieb, Facebook erhöhe die Hürden, sich von der Plattform abzumelden: «Man verliert sein Leben.»

Konkurrenz belebt das Geschäft

Mit den Änderungen facht das Unternehmen die Konkurrenz zu Google+ weiter an - dessen Betreiber Google hatte seinen Gegenentwurf zu Facebook jüngst für alle Nutzer geöffnet und mehrere technische Neuerungen angekündigt.

Facebook stellt derzeit im Wochentakt Neuerungen vor. So hilft das Unternehmen seinen Mitgliedern seit kurzem, den Empfängerkreis von Informationen einzuschränken. Dafür erstellt die Software anhand der Profilinformationen automatisch Listen, etwa mit Kollegen, Verwandten oder Mitschülern.

Nutzer können zudem öffentliche Einträge anderer Mitglieder abonnieren, ohne deren Facebook-Freund zu sein. Google+ bietet ähnliche Funktionen an.

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