Schockierende Bilder: Facebook will Horror-Video nicht löschen

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Schockierende BilderFacebook will Horror-Video nicht löschen

Seit Tagen kursiert auf Facebook ein Video der Enthauptung einer Frau. Die Plattform löscht das Video nicht – da es auf Missstände aufmerksam mache. Medienethiker sind entsetzt.

von
A. Bättig/ D. Sutter
Das Horror-Video soll laut Facebook «gesellschaftliche Diskurse ermöglichen».

Das Horror-Video soll laut Facebook «gesellschaftliche Diskurse ermöglichen».

Erneut steht Facebook wegen eines Gräuel-Videos in der Kritik: War es Ende März ein Fall von Kinderpornografie, ist es jetzt das brutale Video der Enthauptung einer Frau. Woher die Aufnahme stammt, ist unklar, einige User meinen, es zeige eine Szene aus dem Bürgerkrieg in Syrien, andere sprechen von einem privaten Racheakt an einer Frau in Mexiko. Fest steht: Das Video wird von Facebook nicht entfernt, obwohl es zahlreiche User gemeldet haben.

«Unsere Entscheidung, solche Inhalte nicht zu löschen, basiert darauf, dass die Menschen ein Recht darauf haben, die Welt, in der wir leben, zu beschreiben, darzustellen und zu kommentieren», teilt Facebook über seine PR-Agentur in Deutschland mit. Genauso wie in den Fernsehnachrichten verstörende Bilder von Gräueltaten zu sehen seien, müsse Facebook ein Ort sein, an dem es möglich sei, «auf Missstände auch mit Hilfe von drastischen oder verstörenden Inhalten aufmerksam zu machen». Auf diese Weise werde die Voraussetzung für gesellschaftliche Diskurse geschaffen. «Gerade bei kontroversen Videos oder Fotos prüfen wir sehr genau, ob gegen die Richtlinien verstossen wird und handeln dann umgehend, wenn ein Verstoss vorliegt», heisst es weiter.

Unverständlicher Entscheid von Facebook

Eine Entscheidung, die für Medienpsychologe Daniel Süss nur schwer nachvollziehbar ist: «Bedenken sind einerseits aus Jugendschutzgründen anzumelden: Kinder können durch die Aufnahmen verstört sein. Andererseits ist auch aus medienethischer Sicht bedenklich, wenn ein derartiges Video ohne Quellenangabe und weitere Einordnung öffentlich zugänglich ist.» Zu einem rationalen Meinungsbildungsprozess trage dies so nichts bei. «Es kann durchaus auch eine Fälschung sein, die zu Propagandazwecken eingesetzt wird. In Kriegen werden teils professionelle Agenturen eingesetzt, die gezielt gefälschte Videos in Umlauf bringen, um politische Handlungen zu erzwingen», so Süss. Usern empfiehlt er, das Video bei der Schweizerischen Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (KOBIK) zu melden. «Man sollte solche Inhalte keinesfalls aus Empörung weiterverbreiten.»

Philipp Cueni, Dozent für Medienethik an der Schweizer Journalistenschule MAZ, findet das Video ebenfalls sehr problematisch. «Die Begründung betreffend der Debatte ist absolut scheinheilig. Über ein solches Video könnte höchstens debattiert werden, wenn die Quellenlage klar, die Authentizität geklärt ist und übers Bild eine Aussage von öffentlichem Interesse gemacht wird.» Cueni betont aber, dass es sich bei Facebook nicht um ein Medium handelt, das redaktionell betreut wird. «Es ist mehr ein Anschlagbrett. Deshalb muss sich Facebook nur an die eigenen Regeln, nicht aber an den gleichen Kodex wie professionelle Medien halten.» Der Presse-Kodex des Presserates würde ein solches Video sicher nicht zulassen - ausser es hätte eine sehr hohe öffentliche Relevanz.

Die Verbreitung des Videos ist strafbar

Auch Laurent Sédano, Verantwortlicher Medien von Pro Juventute, ist irritiert über die Vorgehensweise von Facebook: «Im Fernsehen dürfen Brutalofilme auch nur nachts laufen, nicht tagsüber, wenn Kinder zuschauen könnten. Bei Facebook sind Clips aber jederzeit auch für Kinder und Jugendliche zugänglich. Aus der Sicht von Pro Juventute muss dieser Film unbedingt gelöscht werden.» Internet-Plattformen und soziale Netzwerke stünden genauso in der Verantwortung wie andere Medien und Anbieter: «Aus medienethischen Gründen darf nicht alles abgebildet werden, was es in der Realität gibt. Die Anbieter stehen hier in der Verantwortung. Auch Nachrichtensendungen berichten über Kriege, zeigen aber nicht Tötungen», so Sédano.

Doch nicht nur aus Sicht des Jugendschutzes und der Medienethik ist das Video problematisch, sondern auch aus rechtlicher. «Nach Einschätzung unserer Fachleute ist die Verbreitung eines solchen Videos nach Art. 135 StGB grundsätzlich strafbar», sagt Danièle Bersier, Leiterin Mediendienst des Bundesamtes für Polizei. Sämtliche Tatbestandselemente dürften erfüllt sein, so dass eine Gewaltdarstellung im Sinne des Gesetzes vorliegt. «Ein Video muss eine grausame Gewalttätigkeit eindringlich zeigen, was im vorliegenden Fall erfüllt sein dürfte», so Bersier. Ein schutzwürdiger kultureller oder wissenschaftlicher Wert sei nicht ersichtlich. Bei jedem User müssten die Kantone nun einzeln prüfen, ob es zu einer Anzeige kommt oder nicht.

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