Facebook-Managerin: Wie tickt Mark Zuckerberg als Chef?
Aktualisiert

Facebook-ManagerinWie tickt Mark Zuckerberg als Chef?

Facebook-Managerin Nicola Mendelsohn spricht im Interview über Mark Zuckerberg, Tiktok und die Pläne des Tech-Konzerns für die Schweiz.

von
P. Michel

«Ich würde mich nicht mit Mark Zuckerberg vergleichen»: Nicola Mendelsohn spricht im Interview über ihre Karriere. (Video: pam)

Frau Mendelsohn, Sie sagten einst, dass Sie nur von Montag bis Donnerstag arbeiten. Kann sich das eine Topmanagerin bei Facebook leisten?

Bei Facebook arbeite ich heute Vollzeit. Ich reise sehr viel, weshalb mein Job nicht in vier Tagen zu machen ist. Aber es stimmt: Während 16 Jahren habe ich von Montag bis Donnerstag gearbeitet. Damals war ich in der Werbebranche tätig und merkte: Ich kann nicht eine gute Mutter und eine gute Partnerin sein und gleichzeitig im Job Vollgas geben. Ich muss aber festhalten: Ich erledigte damals die Arbeit von fünf Tagen in vier. Ich arbeitete verdammt hart.

Wie tickt Mark Zuckerberg als Chef?

Mark Zuckerberg ist der offenste und unkomplizierteste Chef, den ich kenne. Früher hatte Mark jede Woche einen Tag der offenen Tür in seinem Büro. Während einer Stunde konnte jeder sein Anliegen einbringen. Dafür ist Facebook jetzt zu gross. Mark verschickt nun jeweils eine Online-Umfrage, in der Mitarbeiter Fragen einreichen können. ​Und jede Woche stellt er sich hin und beantwortet die Fragen mit den meisten Stimmen in einer globalen Videokonferenz.

Sie setzen sich für «Diversity» im Konzern ein. Sie wollen längerfristig 50 Prozent Frauen bei Facebook, ebenso eine angemessene Vertretung von Minderheiten. Haben Sie auch Quoten für LGBTQI?

Nein, keine Quoten. Aber in den nächsten fünf Jahren wollen wir einen durchmischten Konzern. Das umfasst natürlich auch LGBTQI+, Rasse, Religion, Unter-, Mittel- und Oberschicht. Facebook soll ein Spiegel der Gesellschaft und der Nutzer sein. Und es ist ein Fakt: Firmen, die das berücksichtigen, sind erfolgreicher – sie sind profitabler und innovativer.

Als neues Geschäftsmodell hat Facebook in den USA eine Dating-Funktion eingeführt. Wie funktioniert sie und wann kommt sie in die Schweiz?

Facebook-Dating gibt es bisher nur in den USA. Es funktioniert so: Ich kann einen Facebook-Nutzer liken, ohne dass er es merkt. Likt er mich zurück, gibt es einen «Match», und wir können uns schreiben. Es ist derzeit noch offen, ob und wann die Dating-App auch in die Schweiz kommt.

Die App Tiktok ist derzeit bei Jugendlichen extrem beliebt. Ist sie ein Gefahr für den Facebook-Konzern?

Die grösste Gefahr für Facebook sind wir selbst. Wir müssen aufpassen, damit wir mitbekommen, was unsere Nutzer wollen. Facebook hat sich in den letzten sechs Jahren, in denen ich hier bin, extrem stark verändert. Und auch in den kommenden sechs Jahren wird es grosse Änderungen geben. Nehmen wir Facebook-Storys als Beispiel. Vor einigen Jahren hätten wir uns nicht gedacht, dass diese Art zu kommunizieren ein Bedürfnis ist. Wir sind ständig daran, neue Formen zu entwickeln, etwa im Bereich Virtual Reality.

Sie weichen aus. Ich bin sicher, Ihre vier Kinder im Alter von 14 bis 22 sind eher auf Tiktok als auf Facebook unterwegs.

Meine Kinder nutzen sehr viele verschiedene Apps. Sie nutzen auch Facebook, Instagram und Whatsapp. Vielleicht auch Tiktok, und sicher noch mehr, von denen ich nichts weiss.

War der Kauf von Tiktok schon ein Thema?

Wir kommentieren andere Firmen nicht.

Bis Ende 2020 will Facebook die Zahl der Mitarbeiter in Zürich von 80 auf 200 aufstocken. Google bietet in Zürich beispielsweise auch Informatik-Lehrstellen an. Zieht Facebook nach?

Wir haben in London und Dublin bereits ähnliche Praktikumsprogramme, in Zürich noch nicht. Die Ausbildung junger, talentierter Menschen ist auf jeden Fall ein Ziel von Facebook. Ich kann mir gut vorstellen, auch in Zürich im Rahmen des Schweizer Lehrstellensystems Jugendlichen Jobs bei Facebook anzubieten. Ich sage allen jungen Menschen in der Schweiz: Bewerbt euch bei Facebook!

Sie exponieren sich stark in der Öffentlichkeit. Sie machten letztes Jahr Ihre Krebserkrankung auf Facebook öffentlich. Wie waren die Reaktionen, und wie geht es Ihnen heute?

Ich leide seit drei Jahren am Follikulären Lymphom, einem seltenen, unheilbaren Blutkrebs. Als ich auf Facebook meine Diagnose teilte, war ich überwältigt von der Unterstützung. Ich würde den Post wieder so schreiben. Bei meinem Krebs nützt es nichts, eine möglichst rasche Chemotherapie zu machen. Es gibt auch keine dafür zugeschnittenen Therapien. In den ersten acht Monaten nach der Diagnose habe ich mein Leben so normal wie möglich weitergelebt. Im Sommer unterzog ich mich dann einer Chemotherapie, blieb in London, reiste nicht. Im besten Fall lebt man mit dieser Diagnose 20 Jahre. Ich lebe deshalb mein bestmögliches Leben und koste jeden Tag aus.

Nicola Mendelsohn

Die Britin Nicola Mendelsohn (48) ist «Vice President Europe, Middle East and Africa» von Facebook. Sie arbeitet seit sechs Jahren beim Facebook-Konzern. Zuvor legte sie eine steile Karriere in der britischen Werbeindustrie hin. Bei Facebook ist zuständig für die Gebiete ausserhalb der USA. Sie lebt in London und hat vier Kinder im Alter zwischen 14 und 22 Jahren. Mendelsohn gilt als eine der einflussreichsten Frauen in der Tech-Industrie. Sie setzt sich besonders für mehr Frauen und Randgruppen im Konzern ein.

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