Neue Chronik-Funktion: Facebook wirbt für «Leichenspenden»
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Neue Chronik-FunktionFacebook wirbt für «Leichenspenden»

Schweizer Facebook-Nutzer können ab sofort ihren Willen zur Organspende kundtun. Fachleute begrüssen den Schritt, weisen aber darauf hin, dass es nicht um Lebendspenden gehen darf.

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PD/dsc
Facebook-Nutzer können neu ihren «Freunden» kundtun, dass sie im Todesfall ihre Organe spenden wollen.

Facebook-Nutzer können neu ihren «Freunden» kundtun, dass sie im Todesfall ihre Organe spenden wollen.

Neu können Schweizer Facebook-Nutzer auf ihrer Seite kundtun, dass sie Organe spenden wollen. In den USA und Grossbritannien ist die Funktion bereits seit Mai vorhanden - laut einer Medienmitteilung von Facebook hat sie dort «zu einem merklichen Anstieg» von potenziellen Organspendern geführt.

Wie eine Facebook-Sprecherin gegenüber 20 Minuten Online erklärte, wird die Funktion «im Laufe des heutigen Tages in der Schweiz ausgerollt». Um sich daraufhin im weltgrössten sozialen Netzwerk als Organspender einzutragen, erstellt man in der Chronik (Timeline) ein neues «Lebensereignis». Wie dies funktioniert, wird auf der Facebook-Hilfeseite erklärt. Neu prangt dann unter dem gewählten Datum der Chronik-Eintrag «Hat sich für Organspende entschieden».

Ob der Organspende-Eintrag für alle Facebook-Freunde einsehbar ist, hängt von den Privatsphäre-Einstellungen ab und kann frei gewählt werden.

Im Todesfall

Der Eintrag erfolge freiwillig, betonen die Verantwortlichen. Sie erhoffen sich dadurch, dass der Mangel an Organspendern in der Schweiz abnimmt. Jährlich sterben rund 100 Menschen, weil für sie nicht rechtzeitig ein lebensrettendes Organ zur Verfügung steht.

Der Direktor von Swisstransplant, der Mediziner Franz Immer, spricht von einem wichtigen Anstoss: «Rund 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben sich zum Thema Organspende noch nicht entschieden.» Wichtig sei, dass der Entscheid den Angehörigen mitgeteilt werde, damit diese nicht stellvertretend entscheiden müssen.

Ziel: Mehr «Leichenspenden»

In der Schweiz werden mehr sogenannte «Leichenspenden» benötigt - also Leute, die im Todesfall bereit sind, ihr Herz oder ein anderes Organ von Ärzten entnehmen zu lassen. «Die Willensbekundung betrifft in erster Linie eine Spende nach dem Tod», erklärt der Swisstransplant-Direktor. «Lebendspenden dürfen in der Schweiz von Gesetz wegen nur bei naher sozialer Bindung der Personen erfolgen.»

Wie der Direktor von Swisstransplant weiter ausführt, kann die Organspender-Funktion bei Facebook auch zu heiklen Situationen führen. «Was wir ausdrücklich nicht möchten ist, dass Personen das World Wide Web nutzen, um Organe zu finden. Hierzulande kann eine Lebendspende nur bei Personen mit naher emotionaler Bindung stattfinden.» Bevor es zu einer Lebendspende komme, müssten die Personen in den Transplantationszentren verschiedene Gespräche und Tests über sich ergehen lassen. Falls Ungereimtheiten auftauchen, werde keine Transplantation durchgeführt.

Zuckerbergs Initiative

Dass Facebook seine über 900 Millionen Mitglieder zum Organspenden ermuntert, ist auf das persönliche Engagement von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zurückzuführen. Der Selfmade-Milliardär hat auch schon im US-Fernsehen für das Anliegen geworben.

In Kalifornien, wo ein regionales Register für Organspender geführt wird, ist die Registrierungsrate um 5000 Prozent angestiegen, seit Facebook die Funktion eingeführt hat.

Wer die Kommunikationsfunktion zur Organspende auf Facebook nutzt, selbst jedoch noch keine Spenderkarte besitzt, kann diese via Facebook bei Swisstransplant bestellen. Da in der Schweiz kein landesweites Spenderegister geführt wird, empfiehlt es sich nach wie vor, eine ausgefüllte Spenderkarte bei sich zu tragen.

Die Schweiz hat Nachholbedarf

Die Schweiz gehört bei den Organspendern im europäischen Vergleich zu den Schlusslichtern. 2011 gab es hierzulande insgesamt 102 Leichenspender. Der Direktor von Swisstransplant: «Wir bräuchten pro Jahr in etwa 50 bis 100 Spender mehr, um das Problem zu entschärfen.» Die Zahl der Todesfälle aufgrund des Organmangels könnte so auf unter 50 Todesfälle pro Jahr reduziert werden. Denn eine Person könne mit ihren Organen bis zu sieben Leben retten und somit auch die Wartezeit der anderen Patienten verkürzen.

Swisstransplant ist die Nationale Stiftung für Organspende und Transplantation und im Auftrag des Bundes für die gesetzeskonforme Zuteilung der Organe an die Empfänger zuständig. Sie organisiert auf nationaler Ebene alle mit der Organzuteilung zusammenhängenden Tätigkeiten und arbeitet mit den ausländischen Zuteilungsorganisationen zusammen. Zudem führt Swisstransplant die Warteliste der Organempfänger.

Spendekarten kann man auf www.swisstransplant.org herunterladen oder über die Gratisnummer 0800-570-234 bestellen.

(PD)

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