Fragwürdige Befunde zu Impftoten - Fachleute distanzieren sich «scharf» von Pathologie-Konferenz
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Fragwürdige Befunde zu ImpftotenFachleute distanzieren sich «scharf» von Pathologie-Konferenz

Zwei Pathologen im Ruhestand haben in einem Youtube-Video angebliche Beweise für unerkannte Impftote vorgestellt. Seither hagelt es Kritik. Auch Youtube hat zwischenzeitlich reagiert.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Eine von den Ausrichtenden, als Pathologie-Konferenz bezeichnete Veranstaltung, hat im Netz für ordentlich Wirbel gesorgt. 

Eine von den Ausrichtenden, als Pathologie-Konferenz bezeichnete Veranstaltung, hat im Netz für ordentlich Wirbel gesorgt.

Screenshot Youtube
Während die einen den Vortrag zweier emeritierter Pathologen und eines Elektrotechnikers als Beleg für ihre, die Covid-19-Impfung ablehnende Haltung feiern, …

Während die einen den Vortrag zweier emeritierter Pathologen und eines Elektrotechnikers als Beleg für ihre, die Covid-19-Impfung ablehnende Haltung feiern, …

Twitter/KostInnen
… fühlen sich andere wie dieser Twitter-Nutzer an Science-Fiction erinnert. 

… fühlen sich andere wie dieser Twitter-Nutzer an Science-Fiction erinnert.

Twitter/guek62

Darum gehts

  • Seit einigen Tagen trendet bei Twitter der Hashtag #Pathologiekonferenz.

  • Er bezieht sich auf eine gleichnamige Veranstaltung, von der sich Massnahmenskeptiker und -skeptikerinnen und Gegner und Gegnerinnen der Covid-19-Impfung bestätigt fühlen.

  • Doch nicht nur sie nutzen den Hashtag, sondern auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die den Ausführungen der zwei emeritierten Pathologen, die durch die Konferenz führten, nicht viel abgewinnen können.

Viel mehr Impftote als bislang bekannt und verunreinigte Impfstoffe – davon berichteten die beiden emeritierten Pathologen Arne Burghardt und Walter Lang sowie Werner Bergholz, ein ehemaliger Professor für Elektrotechnik, auf einer via Youtube verbreiteten Veranstaltung. Das mehr als dreistündige Video dieser sogenannten Pathologie-Konferenz provozierte reihenweise Reaktionen. Positive bei jenen, die der Covid-19-Impfung kritisch gegenüberstehen. Negative bei Personen, die sich mit der Materie auskennen.

Die Deutsche Gesellschaft für Pathologie etwa distanziert sich in einem Statement «scharf» von dem Video, bei dem es sich um eine «persönliche Meinungsäusserung» handle. Die darin präsentierten Daten seien «nicht wissenschaftlich fundiert». Die österreichische Forscherin und Wissenschaftskommunikatorin Sylvia Kerschbaum-Gruber lässt sich in ihrer Instagram-Story sogar zu der Aussage «Einen verantwortungsloseren Bullshit habe ich selten gesehen» hinreissen. Und Youtube hat das Video bereits nach kurzer Zeit entfernt, «weil es gegen die Community-Richtlinien verstösst». So geht die Plattform etwa vor, wenn in einem Video medizinische Unwahrheiten verbreitet werden.

Doch warum erfahren die Initiatorinnen und Initiatoren der gestreamten Veranstaltung überhaupt so viel Gegenwind?

Rätsel um Veranstaltungsort

Vieles bei der Konferenz läuft anders als es gewöhnlich der Fall ist. Schon der Veranstaltungsort gibt Rätsel auf. So soll die Konferenz im pathologischen Institut Reutlingen stattgefunden haben. Doch eine Einrichtung mit diesem Namen findet sich dort nicht. In der badenwürttembergischen Stadt gibt es zwar ein Institut für Pathologie am Klinikum Reutlingen, doch dort hat die Veranstaltung nicht stattgefunden.

Art der Vorgehens irritiert Fachleute

Für gewöhnlich publizieren Forschende ihre Studien in Fachzeitschriften (Journals), um ihre Erkenntnisse unters Volk zu bringen. Dafür arbeiten sie zunächst ein Manuskript aus, das sie der Fachzeitschrift vorlegen. Nimmt dieses den Entwurf an, findet die Begutachtung (Peer-Review) statt. Das heisst: In der Regel anonyme und unabhängige Fachkollegen und Fachkolleginnen begutachten die Arbeit, kritisieren und machen Anmerkungen. Dies dient der Qualitätssicherung. Dann wird die Arbeit an die Autoren und Autorinnen zurückgesandt, die sie überarbeiten. Dieses Vorgehen kann sich einige Male wiederholen. Abschliessend wird die Arbeit im Journal publiziert.

Für hochbrisante Erkenntnisse, die von aussergewöhnlicher klinischer Bedeutung und Dringlichkeit sind, gibt es noch die Möglichkeit der sogenannten Fast-Track-Veröffentlichung oder jene, die Publikation als Vorabstudie auf einem Pre-Print-Server zu veröffentlichen. Diesen Weg haben etwa die Forschenden der Universität Greifswald eingeschlagen , nachdem sie Hinweise auf einen Mechanismus gefunden hatten, den sie hinter den seltenen, aber schweren Fällen von Sinusthrombosen im Gehirn von jüngeren geimpften Personen vermuteten.

Doch auch das haben die Redner der Pathologie-Konferenz nicht gemacht. Aus Sicht von Kerschbaum-Gruber aus gutem Grund: «Das wäre so niemals auch nur bis zum Peer-Review gekommen – ich bin sicher, die Herren wissen das auch. Daher auch das Youtube-Video.» So sieht es auch Konrad Steinestel, Pathologe am Bundeswehrkrankenhaus Ulm: «Kein Fachjournal hätte diese Interpretation auf Basis dieser Daten zugelassen», schreibt er auf Twitter. So gut wie alle Aussagen der emeritierten Pathologen seien unhaltbar. Welche er meint, führt Steinestel auf Twitter aus (siehe Thread):

Zweifel an Seriosität der Studie

In dem Youtube-Video stellen die emeritierten Pathologen die Ergebnisse der Obduktionen von acht nach Covid19-Impfung Verstorbenen vor, wie es in der Ankündigung heisst. Im Vortrag selbst ist von zehn Untersuchungen die Rede. Diese zeigten, dass die Personen «kausal an der Impfung verstorben» seien, so Burkhardt. Doch: Eindeutige Nachweise liefert er nicht. In fünf Fällen ist ein kausaler Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Ableben der Person «sehr wahrscheinlich», in zweien «wahrscheinlich». In je einem weiteren Fall ist der Präsentation zufolge ein Zusammenhang «unklar/möglich», «noch nicht ausgewertet» sowie «eher koinzident», was so viel heisst wie «eher ein Co-Faktor».

Unklar bleibt auch, um wen es sich bei den obduzierten Toten gehandelt hat: «Über die genaueren Umstände des Todes, Vorerkrankungen und Symptome schien Burkhardt selbst nur mutmassen zu können. Auch das Alter der Toten wurde nicht genannt, ausser dass es sich bei allen um ‹ältere Menschen über 50› gehandelt hatte», wie «Welt.de» schildert.

Präsentation der Ergebnisse

Konkrete Angaben finden sich in Burkhardts Vortrag kaum. So verweist er zwar regelmässig auf «andere Studien», «Papiere» und «Forscher», Quellen oder Namen nennt er jedoch nicht. Ein solches Vorgehen von Forschern sei zwar kein Beweis dafür, dass sie falsch liegen, wie Physiker Florian Aigner auf Twitter schreibt. Aber es sei befremdlich. «Es ist, als würde ich sagen: Ich habe im Wald ein Einhorn entdeckt! Ich sage nicht, wo und wie, aber Sie müssen mir das glauben! Das kann auch niemand widerlegen, aber besonders glaubwürdig ist es nicht.»

Bei klassischen Pressekonferenzen werden Erkenntnisse strukturiert, transparent und oft unterstützt durch visuelle Darstellungen vermittelt. Beim Vortrag der Pathologen in Reutlingen war das anders: Die auf einem Computerbildschirm gezeigten Infos seien oft unlesbar gewesen, kritisieren unter anderem die «Welt.de»-Autorinnen Pia Heinemann und Birgit Herden. Hier war in erster Linie Zuhören angesagt, wodurch das kritische Nachverfolgen der Informationen erschwert wurde.

Selbst Experten wie der von «Welt.de» zur Beurteilung der Konferenz hinzugezogene Benjamin Ondruschka, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, hatten Mühe, der vermeintlichen Argumentation zu folgen: «Mir war bis zum Schluss nicht klar, wovon konkret die beiden eigentlich sprechen. Es wurde nicht mitgeteilt, woher sie diese Proben oder Präparate hatten, ob es sich um Objektträger handelte, die ihnen von anderen Pathologen oder Rechtsmedizinern zur Zweitbegutachtung vorgelegt worden sind, ob es gegebenenfalls besonders schwierige Fälle waren, ob die Patienten zu Lebzeiten Symptome aufgewiesen hatten.» Das alles sei wichtig, um die Beobachtungen beurteilen zu können.

Die Sache mit den «undeklarierten Bestandteilen» im Impfstoff

An der Veranstaltung in Reutlingen ist auch die Rede von Fremdkörpern, die in Covid-19-Impfstoffproben gefunden worden sein sollen. Burkhardt spricht von «undeklarierten metallhaltigen Bestandteilen», Elemente, die mal faden-, mal nadel- und mal kastenförmig seien. Um was es sich dabei handelt, kann er nicht sagen. Es stehen die «Mikrochips», «Graphen», «Graphenoxyd», «Mineralien» und «Metalle» im Raum. Diese seien schön anzusehen, «aber sie sind nicht schön, wenn sie im Körper sind.»

Ob dieser Beobachtung gänzlich unbesorgt zeigt sich Pathologe Steinestel. «Ich glaube, dass es sich hierbei schlicht um Verschmutzungen und Glassplitter auf den Objektträgern handelt», tweetet er dazu. «Es ist vermutlich sogar eine Textilfaser dabei.» Etwas, das grundsätzlich in jedem Labor vorkommen kann, wie auch Kerschbaum-Gruber bestätigt: «Die Verunreinigungen sehe ich im Mikroskop übrigens auch – immer dann, wenn ich den Objektträger bzw. das Mikroskop nicht vorher gereinigt habe oder sich Rückstände in schon älteren Färbelösungen bilden.»

Hintergrund der Teilnehmenden

Nicht nur aufgrund der Vorgehensweise der emeritierten Pathologen Burkhardt und Lang sind Zweifel angebracht, ob die Konferenz wirklich so neutral war, wie es für einen wissenschaftlichen Anlass geboten wäre. So wurde die Veranstaltung nach «Welt.de»-Informationen (kostenpflichtiger Inhalt) von dem Hanauer Rechtsanwalt Holger Fischer organisiert und beworben, der in den letzten Monaten unter anderem auf Telegram als Massnahmengegner in Erscheinung getreten ist und gegen die Covid-19-Impfungen wettert.

Bei der Frau, die im Laufe des Videos neben Burkhardt, Lang und dem Elektrotechniker Bergholz Platz nimmt, handelt es sich um die Berliner Anwältin Viviane Fischer, die gemeinsam mit Reiner Fuellmich, dem Kanzlerkandidaten der Partei Die Basis, «den verschwörungsideologischen ‹Corona-Ausschuss›» gegründet hat, «der seit Monaten in stundenlangen Sitzungen Falschinformationen verbreitet», wie «Tagesspiegel.de» schreibt. Fischer sprach von der Covid-19-Impfung in der Vergangenheit auch schon mal als «Teufelszeug».

Auch Burkhardt und Lang können nicht als neutral bezeichnet werden. Beide gehören dem Verein Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie an, dessen Mitglieder sich «während der Coronakrise in [ihrer] Kritik an den überzogenen Beschränkungen zusammengefunden» haben. Zu den Mitgliedern zählt auch der bei Coronaskeptikern beliebte Sucharit Bhakdi, der zuletzt mit antisemitischen Äusserungen auffiel.

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