Corona-Extremismus: «Der Druck steigt – und irgendwann knallt es»
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Corona-Extremismus«Der Druck steigt – und irgendwann knallt es»

Experten befürchten, dass sich Corona-Skeptiker radikalisieren könnten: Durch den Mangel an Perspektive sei ein Nährboden für Extremismus entstanden. Auch der Nachrichtendienst hat seine Bedenken.

von
Joel Probst
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Die Winterthurer Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention hatte im August vier Mal so viele Anfragen als sonst.

Die Winterthurer Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention hatte im August vier Mal so viele Anfragen als sonst.

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Ihr Leiter Urs Allemann warnt: «Verschwörungstheorien sind ein Einfallstor für extremistische Deutungen. Ein Teil der Corona-skeptischen Gruppen dürfte anfällig für eine Radikalisierung sein.»

Ihr Leiter Urs Allemann warnt: «Verschwörungstheorien sind ein Einfallstor für extremistische Deutungen. Ein Teil der Corona-skeptischen Gruppen dürfte anfällig für eine Radikalisierung sein.»

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Wegen der Corona-Krise mangle es bei vielen an einer Perspektive – weil sie ihren Job verloren, Ängste oder weniger soziale Kontakte hätten. «Diese Voraussetzungen fördern die Radikalisierung substantiell», so Allemann.

Wegen der Corona-Krise mangle es bei vielen an einer Perspektive – weil sie ihren Job verloren, Ängste oder weniger soziale Kontakte hätten. «Diese Voraussetzungen fördern die Radikalisierung substantiell», so Allemann.

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Darum gehts

  • Die Winterthurer Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention verzeichnete im August vier Mal so viele Anfragen als sonst.
  • «Ein Teil der Corona-skeptischen Gruppen dürfte anfällig für eine Radikalisierung sein», warnt der Leiter Urs Allemann.
  • Auch ZHAW-Professor Dirk Baier sagt: «Es ist ein Nährboden für Extremismus vorhanden.»
  • Laut dem Nachrichtendienst des Bundes unterwanderten extreme Gruppierungen in der Vergangenheit wiederholt friedliche Protestbewegungen.

In der Corona-Krise scheinen sich auch extremistische Ansichten wie ein Virus zu verbreiten: «Im August hatten wir vier Mal so viele Anfragen als sonst», sagt der Leiter der Winterthurer Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention Urs Allemann. «Ein Muster ist nicht zu erkennen, leicht zugenommen haben aber die Anfragen zum Thema Rechtsextremismus. Auch vereinzelte Beratungen zu Verschwörungstheorien hatten wir.»

Laut Allemann ist eine gewisse Unsicherheit und Gereiztheit spürbar. Er warnt: «Verschwörungstheorien sind ein Einfallstor für extremistische Deutungen. Ein Teil der Corona-skeptischen Gruppen dürfte anfällig für eine Radikalisierung sein.» Wegen der Corona-Krise mangle es bei vielen an einer Perspektive – weil sie ihren Job verloren, Ängste oder weniger soziale Kontakte hätten. «Diese Voraussetzungen fördern die Radikalisierung substantiell», so Allemann. Die betroffenen Leute müsse man unterstützen und ihnen aufzeigen, wie man Fakt von Fake unterscheide.

«Der Druck steigt – und irgendwann knallt es»

«Es ist ein Nährboden für Extremismus vorhanden», sagt Professor Dirk Baier vom Institut für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule ZHAW. Besonders bei Corona-Skeptikern: «Aber nur ein kleiner Prozentsatz wäre möglicherweise gewaltbereit», so Baier. Damit eine gewalttätige Zelle entstehe, müssten sich die «richtigen» Leute zusammenfinden, abkapseln und gegenseitig bestärken. Das hält Baier für eher unwahrscheinlich. Sollte es dennoch so weit kommen, wären laut Baier vor allem Politiker mögliche Ziele.

Kritisch sieht die Lage auch Marko Kovic, Sozialwissenschafter und Experte für Verschwörungstheorien. Viele Corona-Skeptiker witterten eine Intrige der Regierenden und Mächtigen, sagt er. «Für einzelne Personen gibt es aus diesem Verschwörungssumpf womöglich keinen anderen Ausweg, als sich mit Gewalt dagegen zu wehren.» Kovic bedient sich der Analogie eines Dampfkochtopfs: «Der Druck steigt – und irgendwann knallt es.»

«Teils frustriert – aber friedlich»

Anderer Meinung ist Satiriker Andreas Thiel: «Ich empfinde es als extrem, Menschen, die medizinische Studien zur Wirksamkeit von Masken studieren oder anderen Menschen die Hand reichen, als Extremisten zu bezeichnen», sagt der bekennende Corona-Skeptiker. «Am extremsten finde ich es, Menschen, die eine andere Meinung haben als der Bundesrat, als Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen.»

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Satiriker Andreas Thiel spricht an einer Demonstration gegen die Corona-Massnahmen des Bundes.

Satiriker Andreas Thiel spricht an einer Demonstration gegen die Corona-Massnahmen des Bundes.

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Die Qualitätsmanagerin Tatiana Chamina engagiert sich in der Corona-Skeptiker-Szene intensiv.

Die Qualitätsmanagerin Tatiana Chamina engagiert sich in der Corona-Skeptiker-Szene intensiv.

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Insofern beobachte Thiel durchaus eine Zunahme des Extremismus – jedoch nicht im Kreise der Corona-Skeptiker: «Die Bereitschaft des Bundesrats, seine Politik mit Gewalt durchzusetzen, schätze ich als hoch ein.»

Tatiana Chamina (34) demonstriert regelmässig gegen die Maskenpflicht und Notrecht. «In unserer Bewegung sind Leute von links nach rechts, die ganze Bandbreite ist vertreten», sagt die 34-Jährige. Sie kenne aber niemanden, den Sie dem Extremismus zuordnen würde. «Die Leute, die seit Monaten nicht einverstanden sind mit den Massnahmen und deren Meinung nicht gehört wird, sind mittlerweile frustriert.» Aber egal wie unzufrieden die Demonstranten seien: «Die Menschen in dieser Bewegung bleiben friedlich», sagt Chamina.

Extreme Gruppierungen unterwandern Protestbewegungen

Trotz diesen Aussagen: «Wer sich in der Corona-Frage exponiert, kann unter Umständen mehr Drohungen erhalten – das gilt für Bundesräte, Politiker und Behörden», sagt das Bundesamt für Polizei (Fedpol) auf Anfrage. Zu getroffenen Schutzmassnahmen schweigt das Fedpol «aus Sicherheitsgründen». Das Sicherheitsdispositiv werde für stark exponierte Personen entsprechend angepasst.

Zwar fällt die Szene der «Corona-Gegner» laut Nachrichtendienst-Sprecherin Isabelle Graber nicht per se in die Zuständigkeit des NDB. Allgemein hätten aber gewalttätige rechts- und linksextreme Gruppierungen in der Vergangenheit wiederholt versucht, «friedliche Protestbewegungen zu unterwandern, zu radikalisieren und als Plattformen für Gewaltanwendung zu missbrauchen». Der NDB stehe diesbezüglich in Kontakt mit den kantonalen Sicherheitsbehörden.

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