Weniger arbeiten: Fährt die Generation Z den Schweizer Wohlstand an die Wand?

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Weniger arbeitenFährt die Generation Z den Schweizer Wohlstand an die Wand?

Die Generation Z will nicht mehr alles dem Job unterordnen. Das könnte zum Problem für die Staatsfinanzierung werden, befürchten Experten. Die AHV sei in Gefahr.

von
Fabian Pöschl
Nicolas Meister
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Freizeit statt Arbeit: Für die Generation Z steht die Karriere nicht mehr an erster Stelle.

Freizeit statt Arbeit: Für die Generation Z steht die Karriere nicht mehr an erster Stelle.

20min/Celia Nogler
Viele sind nicht mehr bereit, bis ins Wochenende zu arbeiten.

Viele sind nicht mehr bereit, bis ins Wochenende zu arbeiten.

20min/Simon Glauser
Der Wohlstand in der Schweiz beeinflusste den Wertewandel zu mehr Freizeit statt Arbeit.

Der Wohlstand in der Schweiz beeinflusste den Wertewandel zu mehr Freizeit statt Arbeit.

20min/Celia Nogler

Darum gehts

  • Hart zu arbeiten für eine erfolgreiche Karriere, ist heute nicht mehr angesagt.

  • Viel wichtiger sind Freizeit und Familie.

  • Doch dieser Trend gefährde den Schweizer Reichtum, warnen Ökonomen.

Work Hard, Play Hard – dieses Motto gilt heute kaum noch. Statt alles fürs Geld und die Karriere zu geben, sind vor allem jungen Leuten Entspannung, die Familie und Partnerschaft wichtiger, wie Christian Fichter, Sozial- und Wirtschaftspsychologe an der Kalaidos Fachhochschule, zu 20 Minuten sagt.

Die Generation Z, die zwischen 1997 und 2012 auf die Welt gekommen ist, wolle Teilzeit und im Homeoffice arbeiten. Wenn die Arbeit ausnahmsweise mal bis ins Wochenende dauere, seien viele nicht bereit dazu, sagt Diana Gutjahr, Vorstandsmitglied des Schweizerischen Gewerbeverbandes. 

Dazu Europapark-Chef Roland Mack im Interview mit der «Basler Zeitung»: «Da kommen 25-Jährige und wollen nur drei Tage arbeiten – dabei haben die das ganze Leben noch vor sich, könnten hier etwas werden, Verantwortung übernehmen, Karriere machen.»

«Wohlstand kommt nicht von Erholung»

Beeinflusst habe den Wertewandel zu mehr Freizeit auch der Wohlstand in der Schweiz. Doch: «Wohlstand kommt nicht von Erholung, sondern von entbehrungsreichen Zeiten», so Sozial- und Wirtschaftspsychologe Fichter.

Work-Life-Balance: 3 Schweizer Städte ausgezeichnet

Das Sicherheitsunternehmen Kisi hat zum vierten Mal die Städte mit der besten Work-Life-Balance ermittelt, bewertet nach Arbeitsintensität, Gesellschaft und Lebensqualität. Sie beurteilten 51 Städte aus den USA und 49 aus dem Rest der Welt. In den Top 10 sind drei Schweizer Städte mit Bern auf dem zweiten, Zürich auf dem vierten und Genf auf dem sechsten Platz. Spitzenreiter ist Norwegens Hauptstadt Oslo, die vor allem mit ihrem Gesundheitssystem überzeugte.

Was bedeutet es für die Wirtschaft, wenn Arbeitnehmende nicht mehr bereit sind, hundert Prozent und mehr zu arbeiten? Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, befürchtet, dass sich der Fachkräftemangel noch verstärke, weil es weniger qualifizierte Arbeitskräfte gebe. Dies hat Folgen für die Produktivität. Fehlende Arbeitskräfte seien neben Lieferengpässen die grösste Bedrohung der Wirtschaft.

Bankenprofessor Martin Janssen sieht die grösste Gefahr bei der AHV-Rente. «Das Modell der AHV lässt sich nicht aufrechterhalten, wenn die Generation Z nur noch 60 Prozent arbeitet», so Janssen. Die Beiträge für die AHV-Rente zahle die heute arbeitende Generation für die Pensionierten. Wenn weniger Leute arbeiteten, fielen die Beiträge kleiner aus, so Janssen.

Ausgleichen lasse sich das nur, wenn die Arbeitenden entweder höhere Beiträge bezahlten oder wenn die Leistungen gekürzt würden. «Ob eine Leistungskürzung über eine hinausgeschobene Pensionierung erfolgt oder über tiefere AHV-Renten, muss die Politik entscheiden», so Janssen.

Ist dir Freizeit wichtiger als Karriere?

Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger von der Uni Freiburg hingegen glaubt nicht, dass es schade, wenn mehr Leute Teilzeit arbeiteten. «Früher ging der Mann arbeiten und die Frau machte den Haushalt, heute arbeiten beide, dafür reduziert. Das gleicht sich aus», so Eichenberger. Die Schweiz arbeite ohnehin viel. In anderen Nationen wie Dänemark seien 34-Stunden-Wochen Standard.

Er fordert aber, dass der Staat bei den Steuern berücksichtige, wie viel jemand arbeite. «Es kann doch nicht sein, dass zwei Personen mit gleichem Einkommen – eine auf Staatskosten gut ausgebildet und mit stark reduziertem Pensum, die andere ohne Studium, aber mit zwei Jobs und Überzeit – gleich viel Steuern zahlen», so Eichenberger.

«Generation Z hilft gegen den Fachkräftemangel»

Arbeitspsychologin Nicola Jacobshagen sagt, man könne die jüngste Generation nicht als Faulenzer abstempeln. «Sie haben andere Vorstellungen vom Leben und von der Arbeitskultur. Bei ihnen dreht sich nicht alles um die Arbeit», so Jacobshagen.

Ausserdem sei die Generation Z noch sehr jung und werde sich in den nächsten Jahren noch weiterentwickeln. «Als digital natives werden viele von ihnen die Digitalisierung positiv beeinflussen und den Fachkräftemangel zum Beispiel in der Informatik-Branche verringern können», so Jacobshagen.

Die Wirtschaft und die Gesellschaft müssten sich noch an die neue Arbeitshaltung der Generation Z anpassen. Um die Auswirkungen bestimmen zu können, seien langfristige Studien nötig.

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