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Fakes aus AsienFälscher hebeln Schweizer Uhrenbranche aus

Fälscher verkaufen im Internet millionenfach Kopien von Schweizer Uhren. Der neuste Trick: Sie lassen auf Fotos die Marken-Logos weg. Damit wird die Verfolgung massiv erschwert.

von
K. Wolfensberger
Biel

Wie erkennt man eine Uhrenfälschung? Das zeigt Uhrmacher David Luther vom Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie FH in Biel.

In einer grossangelegten Razzia gegen Markenpiraterie hat die europäische Polizeibehörde Europol letzte Woche mehr als 4500 Verkaufsseiten im Internet gesperrt, über die gefälschte Markenartikel verkauft wurden.

Mehrere Millionen Inserate musste auch schon der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie FH, Mitglied von Stop Piracy Schweiz, in diesem Jahr bereits auf Online-Plattformen löschen lassen, wie er auf Anfrage von 20 Minuten mitteilte. Grund: Bei den angebotenen Uhren handelte es sich eindeutig um Fälschungen von Schweizer Uhren. Hauptverdachtsmerkmal war meist der viel zu tiefe Preis. Besonders häufig fanden sich die Annoncen für die Kopien auf chinesischen Marktplätzen wie Aliexpress oder Wish.

Da diese Plattformen inzwischen relativ gut mit dem FH kooperieren und für diesen auf Anfrage gegen die Produktpiraten vorgehen, haben sich die Verbrecher nun eine neue Strategie zurechtgelegt: Sie verzichten auf die Verwendung von Markennamen bei der Annoncen-Schaltung. Dabei gehen sie so weit, dass sie bei den Fotos in den Anzeigen mit Bildbearbeitungsprogrammen wie Photoshop das Logo der Marken entfernen.

Anzeigen nur schwer löschbar

Dem Verband FH wird es somit fast unmöglich gemacht, die entsprechenden Anzeigen löschen zu lassen. Erst wenn beim Schweizer Zoll ein entsprechendes Paket beschlagnahmt wurde, können die Anbieter auf den Marktplätzen gesperrt werden. Auch für die Käufer hat eine solche Beschlagnahmung sehr unangenehme Folgen. Sie müssen zwar keine Busse bezahlen, meist werden ihnen aber durch die Markeninhaber die Kosten für die Überprüfung und Vernichtung der Fälschung durch den Zoll in Rechnung gestellt. Kostenpunkt: zwischen 250 und 300 Franken.

Besonders ärgerlich für die Kunden: Da das Logo der Uhrenmarke auf dem Foto durch die Bearbeitung des Bildes entfernt wurde, ist vielen gar nicht bewusst, dass sie eine gefälschte Schweizer Markenuhr kaufen. Sollte es das Paket dann trotzdem durch den Zoll schaffen, sind sie sogar erstaunt, dass sie beispielsweise eine Audemars Piguet in der Hand halten. Wird die Uhr hingegen durch den Zoll vernichtet, so haben die Käufer meist das Nachsehen, da sie den Kaufpreis bereits an die Fälscher überwiesen haben.

Kunden sollten vorsichtig sein

Michel Arnoux rät Käufern von Uhren auf Marktplätzen wie Aliexpress und Wish daher zu besonderer Vorsicht. Der Romand ist Chef der Fälschungsabteilung des FH. Zu 20 Minuten sagt er, dass der Schweizer Zoll dieses Jahr bereits knapp 1200 Pakete mit gefälschten Schweizer Uhren beschlagnahmt habe. «Jedesmal haben wir bestätigt, dass es sich um eine Fälschung handelte», so der Experte.

Um mit den Fälschern aus China Schritt halten zu können, beschäftigt der FH auch selbst Uhrmacher. Diese nehmen die beschlagnahmten Uhren in einem eigenen Labor in Biel auseinander und analysieren die Einzelteile. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse nutzen sie, um das Zollpersonal zu schulen. Dabei gilt: Steht auf einem Paket aus China in der Deklarationsbeilage «Geschenk/Uhr», dann ist der Fall für die Zöllner bereits klar. Es handelt sich um eine Fälschung.

Personalisierte Werbung

Beim Finden der Anzeigen mit den Fälschungen bereitet dem Uhrenverband FH nicht nur der Photoshop-Trick der Produktpiraten Probleme. Ebenfalls mühsam ist für die Experten des Verbands die personalisierte Werbung auf Social-Media-Portalen wie Facebook. Dabei handelt es sich um Werbung, die nicht allen Nutzern gezeigt wird, sondern nur einigen wenigen, aufgrund ihrer sonstigen Interessen. Für den Verband ist es daher schwer, diese Anzeigen überhaupt erst zu finden, geschweige denn, sie auch löschen zu lassen. Florence Clerc, Geschäftsführerin von STOP PIRACY ergänzt, dass das Phänomen nicht nur die Uhren betrifft, sondern auch die Sport- und Modeindustrie. Es sei deshalb wichtig, Konsumenten über die Risiken aufzuklären.

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