Aktualisiert 11.08.2009 10:56

Nazi-VerbrecherFahnder im Wettlauf mit dem Tod

Alle noch lebenden mutmasslichen NS-Verbrecher sind inzwischen so alt, dass nur noch wenige Jahre - manchmal wohl nur noch Monate - für die juristische Aufarbeitung bleiben. Wer bei Kriegsende 25 Jahre alt war, ist inzwischen 89 oder 90. Einzelne Aufsehen erregende Verfahren dürfte es aber noch geben.

von
Angelika Bruder und Matthias Armborst/AP

Als einer der letzten ist am Dienstag der 90-jährige Josef Scheungraber aus Ottobrunn verurteilt worden: Wegen Mordes an 14 italienischen Zivilisten wurde der frühere Wehrmachtsoffizier in München zu lebenslanger Haft verurteilt. Dort soll demnächst auch dem staatenlosen John Demjanjuk der Prozess gemacht werden - wegen Beihilfe zum Mord an 27 900 Juden im KZ Sobibor.

Ausserdem haben die deutschen Ermittler zwei weitere mutmassliche Kriegsverbrecher in Österreich und in den USA im Visier, wie der Ludwigsburger Chef-Ermittler Kurt Schrimm kürzlich sagte. Bei beiden Männern gebe es Parallelen zum Fall Demjanjuk.

Und es gibt weitere Fälle: In Aachen muss sich ab Oktober der mutmassliche NS-Mörder Heinrich B. verantworten. Der dann 88-Jährige soll als Waffen-SS-Mann drei niederländische Zivilisten umgebracht haben. Wegen seiner körperlichen Verfassung stand das Verfahren lange auf der Kippe: Das Landgericht Aachen hatte ursprünglich erklärt, der 87-Jährige könne keiner Hauptverhandlung mehr beiwohnen.

B.s Fall zeigt auch, dass mutmassliche NS-Mörder in Deutschland lange wenig zu befürchten hatten: Nach seiner Flucht aus den Niederlanden 1947 konnte sich der Ex-SS-Mann in Deutschland eine bürgerliche Existenz aufbauen und kommt erst jetzt vor Gericht.

Lähmende «Zeit der Stille» dauerte 13 Jahre

Viel zu lange lag die lähmende, von Historiker so bezeichnete «Zeit der Stille» über Deutschland. Erst 1958 gab es die ersten Verfahren. Und das auch eher zufällig: Die Klage eines ehemaligen Gestapo-Mannes auf Wiedereinsetzung in den Staatsdienst brachte damals den sogenannten Ulmer Einsatzgruppen-Prozess ins Rollen. Acht Angeklagte wurden in dem Verfahren wegen der zum Teil massenhaften Erschiessung von Juden im damaligen Grenzgebiet zwischen Ostpreussen und Litauen verurteilt.

Der Prozess erregte viel Aufmerksamkeit: Er revidierte die vorherrschende Meinung, dass nach den Kriegsverbrecherprozessen der Alliierten in Nürnberg und anderswo die Taten aufgeklärt und die Schuldigen gefasst seien. Und er führte dazu, dass im selben Jahr die Ludwigsburger «Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen» gegründet wurde - dies gab den Ermittlungen einen neuen Schub. Zeitweise waren hier 49 Staatsanwälte und Richter am Werk, heute sind es noch sieben.

Insgesamt sind seit 1958 knapp 18.000 Verfahren wegen NS-Verbrechen bei Staatsanwaltschaften und Gerichten in der Bundesrepublik anhängig geworden.

In den 60er Jahren begann die Zeit der Prozesse, die sich nicht nur gegen eine Person richteten, sondern versuchten, ganze historische Komplexe aufzuarbeiten: Den Start machte der Auschwitz-Prozess 1963 in Frankfurt am Main, der beispielhaft für weitere NS-Verfahren wurde.

Verfahren im Zusammenhang mit den Verbrechen in den Vernichtungslagern Treblinka ab Oktober 1964 in Düsseldorf sowie Sobibor ab September 1965 in Hagen folgten. SS-Angehörige, die in Sobibor eingesetzt gewesen waren, wo auch Demjanjuk Dienst getan haben soll, erhielten zum Teil sehr milde Strafen, wie der Forscher Werner Renz sagte. Sie wurden wegen Beihilfe zum Mord zu drei bis vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Das letzte Komplex-Verfahren war der insgesamt sechs Jahre dauernde Majdanek-Prozess in Düsseldorf.

Danach gab es in Westdeutschland nur noch Verhandlungen gegen Einzelpersonen, wie 1992 in Stuttgart gegen den früheren SS-Mann Josef Schwammberger, der ein Ghetto und ein KZ geleitet hatte.

Ungar und Kroate als «Meistgesuchte»

Nach dem mutmasslichen Tod des als «Doktor Tod» bekannten KZ-Arztes Aribert Heim und der Auslieferung Demjanjuks stehen ein Ungar und ein in Österreich lebender Kroate ganz oben auf der Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher, die das Simon-Wiesenthal-Zentrum führt. Der 1914 geborene Ungar Sándor Képíró soll 1942 aktiv am Massenmord an Hunderten Zivilisten in der serbischen Stadt Novi Sad beteiligt gewesen sein.

Der 1913 geborene Milivoj Asner soll als Polizeichef in der kroatischen Stadt Pozega für Verbrechen an der Zivilbevölkerung und Deportationen in Konzentrationslager verantwortlich gewesen sein. Asner lebt in Österreich, wo ihn ein Reporter der britischen «Sun» während der Fussball-EM 2008 bei einem Gang über die Klagenfurter Fanmeile aufspürte. Der Journalist beschrieb ihn als rüstig und geistig klar.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.