Umstrittenes Tempo 30: «Fahrer achten auf Tacho statt auf Verkehr»
Aktualisiert

Umstrittenes Tempo 30«Fahrer achten auf Tacho statt auf Verkehr»

Zur Lärmverringerung will der Zürcher Stadtrat auf Dutzenden Strassen Tempo 30 einführen. Ein Verkehrsexperte hält dies für den falschen Weg - er plädiert für flüssigeren Verkehr.

von
Antonio Fumagalli
Ist Tempo 30 eine effiziente Lärmschutzmassnahme? Die Meinungen gehen auseinander.

Ist Tempo 30 eine effiziente Lärmschutzmassnahme? Die Meinungen gehen auseinander.

Die Stadt Zürich muss seine Bevölkerung von Gesetzes wegen besser gegen den Strassenlärm schützen. Gestern hat der Stadtrat - ähnlich wie die Basler Regierung am Tag zuvor - seine Strategie dargelegt: Ab 2013 soll auf insgesamt 39 Strassenabschnitten das Tempo von 50 auf 30 reduziert werden. Kostenpunkt: 4,5 Millionen Franken.

Herr Baumann*, für den Zürcher Stadtrat ist eine Temporeduktion die ideale Lösung, um die Ohren der Bevölkerung zu schützen. Teilen Sie diese Ansicht?

Nein. Die Regierung spricht von einer Senkung der Lärmbelastung um drei Dezibel – das ist masslos übertrieben.

Weshalb?

Man muss sich vor Augen führen, dass auf den entsprechenden Strassen bereits heute kaum mit Tempo 50 gefahren wird. Und in den Tempo-30-Abschnitten fahren viele schneller. Die effektive Reduktion der Geschwindigkeit beträgt also nicht 20, sondern maximal 10 Kilometer pro Stunde. Dies ergibt dann eine Dezibelreduktion von 1,5 bis 2 Dezibel.

Also wird den Anwohnern Sand in die Augen gestreut?

Die Behörden können den Wählern damit suggerieren, dass sie etwas unternommen haben. Aber sie riskieren, die Erwartungen zu enttäuschen. Gemäss unseren Berechnungen sind sie bei den Prognosen zu optimistisch.

Was wären denn die effizienteren Massnahmen, um den Gesetzesauftrag zu erfüllen?

Der Fokus sollte darauf gelegt werden, den Verkehr so flüssig wie möglich zu gestalten – am meisten Lärm wird bekanntlich beim Anfahren verursacht. Auch lärmarme Strassenbeläge oder gut isolierende Fenster sind auf lange Sicht kostengünstiger.

Der Stadtrat preist seine Pläne aber gerade mit dem Argument an, dass sie verhältnismässig günstig sind.

Längerfristig machen Tempo-30-Strassen nur dann Sinn, wenn sie auch baulich verändert werden. Und dies ist enorm teuer. Hinzu kommt der Aspekt der Sicherheit: Studien haben ergeben, dass bei Tempo 30 zwar leicht weniger Unfälle passieren, dafür aber mehr Fussgänger involviert sind – zum Beispiel, weil die Autofahrer auf den Tacho statt auf den Verkehr achten. Das kann ja nicht das Ziel sein.

* Daniel Baumann ist diplomierter Verkehrsingenieur und hat für Swisstraffic die Auswirkungen einer Temporeduktion in der Innenstadt von Lausanne untersucht.

Hier soll in der Stadt Zürich ab 2013 neu Tempo 30 gelten (Auswahl)

Kreis 1: Talacker, Paradeplatz bis Sihlporte

Kreis 1: Löwenstrasse, ab Löwenplatz bis Sihlporte

Kreis 2: Leimbachstrasse, ab Soodstrasse bis Stadtgrenze

Kreis 3: Binzstrasse sowie ganzes Binzquartier

Kreis 3: Schaufelbergerstrasse, ab Birmensdorfer- bis Gutstrasse

Kreis 4: Militärstrasse, ab Kasernenstrasse bis Kanonengasse

Kreis 7: Hegibachstrasse, ab Hegibach- bis Klusplatz

Kreis 8: Zolliker-/Südstrasse, ab Hammer- bis Enzenbühlstrasse

Kreis 9: Baslerstrasse, ab Herdern- bis Altstetterstrasse

Kreis 10: Nordbrücke und Nordstrasse, von Kornhaus- bis Rotbuchstrasse

Kreis 11: Zehntenhausstrasse, ab Zehntenhausplatz bis Siedlungsgrenze

Kreis 12: Saatlenstrasse, ab Wallisellenstrasse bis Herbstweg

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