Aktualisiert 23.01.2020 16:26

Industrieschnee«Fake-Schnee gibt es oft bei Verbrennungsanlagen»

Es schneit – und doch ist es nur Industrieschnee. Ist dieser gefährlich und unterscheidet er sich von «normalem» Schnee?

von
ihr
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Die Freude bei den Touristen war gross, als am Donnerstagmorgen am Hauptbahnhof in Zürich dicke Schneeflocken vom Himmel fielen.

Die Freude bei den Touristen war gross, als am Donnerstagmorgen am Hauptbahnhof in Zürich dicke Schneeflocken vom Himmel fielen.

Die Strassen waren weiss gezuckert.

Die Strassen waren weiss gezuckert.

Die Schneeflocken sind leider «ein Fake».

Die Schneeflocken sind leider «ein Fake».

Am Donnerstagmorgen bedeckte eine feine Schicht Schnee die Strassen in Zürich. Und wer genug früh unterwegs war, konnte die Flocken sogar noch fallen sehen. Doch: Beim feinen Weiss handelt es sich nicht um natürlichen Schnee (20 Minuten berichtete). Roger Perret von Meteonews sagte: «Es muss sich hier um Industrieschnee handeln.»

Wie entsteht der Fake-Schnee?

Für die Ausbildung von Industrieschnee braucht es laut Melanie Flubacher von Meteo Schweiz eine Hochdruckwetterlage mit Minustemperaturen in- und unterhalb einer stabilen, tiefliegenden und sehr feuchten Nebeldecke. Oberhalb des Nebels müsse es wärmer sein.

In Gebieten mit Industrieanlagen oder hohen Strassenverkehrsemissionen würden neben weiterer Feuchtigkeit vermehrt Staub- und Sandteilchen in diese feuchte Nebelschicht gelangen. «Diese wirken dann als Kondensationskeime, an die sich die unterkühlten Wassertröpfchen in der Nebelschicht anlagern und festfrieren können», so Flubacher. Dadurch bilden sich Schneeflocken, die aus der Nebeldecke aufgrund ihres Gewichts auf die Erde rieseln.

Wie sehen die Kristalle aus?

Industrieschneeflocken seien meist nicht so gross und schön wie Naturschneeflocken, da der Fallweg zur Erde kürzer ist als aus höheren Luftschichten. Denn auf ihrem Weg zur Erde würde bei normalem Schnee weiteres Wasser an ihr festfrieren.

Ist der Industrieschnee eklig?

«Diese Schneeflocken enthalten somit eventuell etwas mehr Staubpartikel als reguläre Schneeflocken», sagt Flubacher. Trotzdem brauche auch Naturschnee bei seiner Entstehung in hohen Höhen Kristallisationkeime. «Trotz seines Namens ist Industrieschnee aber nicht giftig und keineswegs gesundheitsgefährdend», so Flubacher.

Wie häufig gibts in der Schweiz solchen Schnee?

Es gebe einen Ort in der Schweiz, wo Industrieschnee besonders häufig vorkomme, sagt die Meteorologin. «Bei unserer Station in Gerlafingen.»

Gerlafingen mit Industrieschnee. (Bild: Keystone)

Grundsätzlich sei Industrieschnee aber nicht so häufig, da die oben beschriebene Wetterlage über Tage fortbestehen müsse, so Flubacher. «Windet oder regnet es zwischenzeitlich, so würden die Partikel aus der Luft ausgewaschen oder verwindet und die Bedingungen zur Entstehung von Industrieschnee wären nicht mehr gegeben.»

«Wir führen keine Statistiken über die Häufigkeit von Industrieschnee», so Meteo Schweiz. Bei stabilen winterlichen Hochdrucklagen mit einer starken Inversion und Nebel oder tiefem Hochnebel über dem Flachland trete das Phänomen jedoch regelmässig auf. Aufgrund dieser Bedingungen sei es grundsätzlich nicht möglich, dass Industrie- und regulärer Schnee gleichzeitig auf die Erde falle. «Die Wetterlage ist eine komplett andere», sagt Flubacher.

Kann man Schneebälle machen?

Weil sich die Schneeflocken nicht gross voneinander unterscheiden, sollte es laut Flubacher grundsätzlich möglich sein, mit warmen Händen Schneebälle aus dem Industrieschnee zu bilden. Auch in seiner Haltbarkeit unterscheide er sich nicht von Naturschnee: «Wenn klare Minustemperaturen bestehen, dann kann er nicht schmelzen, genau wie normaler Schnee.»

Stimmt es, dass der Schnee oft rund um Kehrichtverbrennungsanlagen fällt?

Ja. Anders, als der Name vermuten lässt, ist Industrieschnee kein rein städtisches Phänomen. «Er kommt vor allem in Regionen mit Kehrichtverbrennungsanlagen vor. Diese stossen genügend Partikel aus.» In Städten komme das Phänomen aber vermehrt vor, weil da noch weitere Faktoren zur Partikel- und Feuchtigkeitsproduktion beitragen würden.

Auch Daniel Eberhard, Sprecher Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ), bestätigt, dass es rund um Kehrichtverbrennungsanlagen zu Industrieschnee kommen könne. «Da wir im Kehrichtheizkraftwerk Hagenholz eine Rauchgasreinigungsanlage haben, die Schadstoffe effizient herausfiltert, liegt es vor allem am ausgestossenen Wasserdampf», sagt er. Dieser trete mit sechzig Grad aus dem Kamin, kühle sich ab und könne dann zur Produktion von Schnee beitragen.

«Es gibt hier in Zürich selbstverständlich noch andere Faktoren für die Entstehung von Industrieschnee, so beispielsweise weitere Industrieanlagen oder auch Autoabgase, die Partikel ausstossen, an denen sich Wasser anfrieren kann», so Eberhard.

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