Folgenreiche Lockerungen? – Fallen die Masken, steigen Fallzahlen und die Long-Covid-Gefahr
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Folgenreiche Lockerungen?Fallen die Masken, steigen Fallzahlen und die Long-Covid-Gefahr

Viele Covid-19 Genesene kämpfen mit Spätfolgen. Das Risiko dafür wächst mit den Fallzahlen, die angesichts der massiven Lockerungen wieder steigen werden. Das ist über Long Covid bekannt.  

von
Fee Anabelle Riebeling
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Die meisten Massnahmen sind gefallen, inklusive der Maskenpflicht an den meisten Orten. Damit wächst das Risiko, sich zu infizieren. 

Die meisten Massnahmen sind gefallen, inklusive der Maskenpflicht an den meisten Orten. Damit wächst das Risiko, sich zu infizieren. 

Unsplash
Denn das Coronavirus zirkuliert nach wie vor. 

Denn das Coronavirus zirkuliert nach wie vor. 

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Aktuell herrscht die hochansteckende Omikron-Variante BA.1 vor – und der Anteil der nochmals deutlich ansteckenderen Untervariante BA.2 nimmt langsam, aber stetig zu. 

Aktuell herrscht die hochansteckende Omikron-Variante BA.1 vor – und der Anteil der nochmals deutlich ansteckenderen Untervariante BA.2 nimmt langsam, aber stetig zu. 

Screenshot Cov-spectrum.org

Darum gehts

  • Von Covid-19 genesen heisst nicht gesund: Viele Menschen leiden an Long Covid.

  • Es gibt bestimmte Risikofaktoren, aber die Langzeitfolgen können grundsätzlich jeden treffen – auch Kinder.

  • Manche Betroffene sind sogar arbeitsunfähig. 

  • Eine zugelassene Therapie gibt es noch nicht, aber Kandidaten. 

Für den Entscheid des Bundesrats, fast alle Corona-Massnahmen auf ein Mal fallen zu lassen, spielte vor allem die Auslastung der Spitäler eine Rolle. Die Lockerungen seien nur deshalb möglich geworden, weil diese nicht mehr überlastet seien, sagt Christoph Berger, Präsident der eidgenössischen Impfkommission, zu 20 Minuten. Er freue sich jetzt darauf, wieder normal mit Leuten abendessen oder ins Theater zu gehen.

Doch noch immer sterben Menschen im Zusammenhang mit Sars-CoV-2. Und es dürften wieder mehr werden, erklärt Jürg Utzinger vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut. Aufgrund der fast vollständigen Aufhebung der Massnahmen «müssen wir auch wieder mit einem Anstieg der Fallzahlen, der Hospitalisierungen und der Todeszahlen rechnen», so Utzinger. Auch Long Covid dürfte verstärkt in den Vordergrund rücken.

Wie verbreitet ist Long Covid?

Das ist unklar. In Studien zu Long Covid berichten zwischen zehn und 30 Prozent der Menschen, die an Covid-19 erkrankt waren, von Langzeitsymptomen. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil die Symptome variieren, die Diagnose schwierig ist und die Erforschung noch in den Kinderschuhen steckt.

Offen ist auch, ob sich die aktuell dominierende Omikron-Variante in ähnlichem Masse auf die Langzeitfolgen auswirkt wie die Vorgängermutanten. Dafür ist Omikron noch zu neu. Einige hoffen, dass die milderen Verläufe zu weniger Long-Covid-Fällen führen. Es ist jedoch noch unklar, ob das Virus selbst eine weniger schwere Erkrankung verursacht oder ob die milderen Auswirkungen auf eine stärkere Immunität der Bevölkerung zurückzuführen sind. 

Wie äussert sich Long Covid?

Die Symptome sind vielfältig. Derzeit klassifiziert die Weltgesundheitsorganisation WHO 63 verschiedene. Zu den häufigsten gehören Erschöpfung, Kurzatmigkeit und kognitive Beeinträchtigungen (Gedächtnisstörungen, Brain Fog). Hinzu kommt eine Vielzahl weiterer Beschwerden wie Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen, Muskelschmerz, Druckgefühl auf dem Brustkorb, Depressionen und Angstzustände. 

Wie lange hält Long Covid an?

Das ist offen. An einer Medienkonferenz des Bundes Anfang Februar wies Milo Puhan, Epidemiologe an der Uni Zürich, darauf hin, dass rund ein Viertel der Covid-19-Patienten auch nach sechs Monaten noch gesundheitlich eingeschränkt ist. Ein Jahr nach der Erkrankung fühlen sich noch 16 Prozent eingeschränkt, ein Prozent schwer.

Laut einer Beobachtungsstudie von Forschenden der Charité in Berlin haben einige Genesene auch nach anderthalb Jahren noch Beschwerden, die auf die Covid-19-Infektion zurückzuführen sind, sagt Carmen Scheibenbogen, Leiterin der Immundefekt-Ambulanz am Institut für Medizinische Immunologie und Leiterin des Fatigue-Centrums an der Charité. Darunter auch Jüngere, die nicht stationär behandelt worden sind. «Die Hauptbeschwerden sind schwere Erschöpfung, Kopf- und Muskelschmerzen sowie kognitive Störungen und eine ausgeprägte Belastungsintoleranz.»

Wer ist von Long Covid betroffen?

Während Männer häufiger an Covid-19 sterben, haben Frauen ein höheres Long-Covid-Risiko, wie unter anderem eine Studie des Unispitals Zürich (USZ) zeigt. Als besonders anfällig erwiesen sich darin Frauen mit Vorerkrankungen, kardiovaskulären Risikofaktoren und häuslichem Stress. Reduziert wurde das Risiko, wenn die Frau zum Zeitpunkt der Erkrankung für Dritte – etwa Kinder oder ältere Angehörige – verantwortlich war oder eine Schwangerschaft bestand. Bei Männern war es von Vorteil, wenn sie während der Infektion im Haushalt stark eingebunden waren. 

Welche Risikofaktoren gibt es neben dem Geschlecht?

Da ein schwerer Verlauf das Long-Covid-Risiko erhöht, spielen dieselben Risikofaktoren eine Rolle: Alter, Übergewicht und bestimmte Vorerkrankungen wie Autoimmunkrankheiten oder Bluthochdruck. Laut Forschenden um den USZ-Immunologen Onur Boyman erhöht zudem auch Asthma das Risiko. In ihrer im Fachjournal «Nature Communications» veröffentlichten Studie berichten sie zudem, dass das Long-Covid-Risiko steigt, wenn bestimmte Entzündungsstimulatoren in höheren Mengen, dafür aber manche Antikörpertypen in geringeren Konzentrationen produziert werden. Man arbeite an einem Risikoscore, um besonders gefährdete Patientinnen und Patienten früher und intensiver zu behandeln.

Ursache von Long Covid unklar

Eine Theorie besagt, dass eine Corona-Infektion oder «Reste» des Virus die eigentliche Covid-19-Erkrankung überdauern und somit auch zu einem späteren Zeitpunkt Rückfälle auslösen könnten. Laut einer anderen Theorie werden womöglich latente Viren im Körper, wie das Epstein-Barr-Virus, das das Pfeiffersche Drüsenfieber auslösen kann, reaktiviert. In einer dritten Theorie werden die Symptome auf Autoimmunreaktionen nach einer Covid-19-Erkrankung zurückgeführt – demnach würde das durch die Infektion angespornte Immunsystem später «versehentlich» eigene Zellen angreifen. Darüber hinaus wäre es auch möglich, dass winzige Blutgerinnsel bei der Entwicklung von Long-Covid-Symptomen eine Rolle spielen. Bei vielen Corona-Patienten werden in verstärktem Masse entzündliche Moleküle beobachtet, die eine anormale Gerinnung fördern. In der Folge kann es zu Schlaganfällen, Herzinfarkten und gefährlichen Blockaden in Beinen und Armen kommen. Resia Pretorius von der Stellenbosch-Universität in Südafrika sieht in solchen Gerinnungsstörungen eine mögliche Erklärung für die allermeisten der mit Long Covid in Verbindung gebrachten Symptome. (dpa/AP)

Macht es denn einen Unterschied, ob jemand geimpft ist?

Ja. Wer mindestens zweifach geimpft ist, berichtet nach einer Infektion später seltener über Long-Covid-Symptome als Ungeimpfte. Das Risiko, dass vollständig geimpfte Personen andauernde Symptome wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwäche in Armen und Beinen, anhaltende Muskelschmerzen, Haarausfall, Schwindel, Kurzatmigkeit, Geruchsverlust oder Vernarbungen in der Lunge entwickelten, sei messbar geringer als bei ungeimpften Personen, heisst es in einer Analyse der UK Health Security Agency, in der die Daten aus 15 Studien eingeflossen sind.

Laut der Behörde kann die Impfung auch nachträglich helfen und die Symptome lindern. Eine Erklärung dafür habe man noch nicht, zitiert theguardian.com die Vorsitzende der Covid-19-Taskforce der Britischen Gesellschaft für Immunologie, Deborah Dunn-Walters. Unklar ist auch, warum sich bei Long-Covid-Patientinnen und -Patienten in einigen Fällen nach einer nachträglichen Impfung eine Verschlechterung der Symptome einstellt.

Gibt es Long Covid bei Kindern?

Ja, aber deutlich seltener als bei erwachsenen Personen. Jedoch möglicherweise nicht so selten, wie dänische Forschende in einer im «European Journal of Pediatrics» veröffentlichten Studie berichteten. An dieser wurde nämlich nach der Veröffentlichung Kritik geübt, schreibt spiegel.de mit Verweis auf Herbert Renz-Polster. Der Kinderarzt und Wissenschaftler wirft der Studie «methodologische Fehler» vor. Das Ergebnis sei verzerrt.

«Anstatt Entwarnung enthält sie allerdings in meinen Augen eindeutige Warnhinweise», zitiert das Nachrichtenportal den Mediziner. Er sehe in der Studie Hinweise darauf, dass Long Covid auch bei Kindern und Jugendlichen zu «ernst zu nehmenden Problemen» führen könnte.

Kann Long Covid Folgen für die Wirtschaft haben?

Das ist möglich, schliesslich wirken sich alle Symptome in einer Form auf das Alltagsleben der Betroffenen aus. Scheibenbogen etwa berichtet von Teilnehmenden aus der Beobachtungsstudie, die berichten, «dass, wenn sie alltägliche Aktivitäten wieder anzugehen versuchen, es oft zu einer Zunahme aller Symptome komme und viele dadurch richtig krank und deutlich eingeschränkt und sogar berufsunfähig seien.» Auch hierzulande kommt das vor. So registrierten die IV-Stellen laut aargauerzeitung.ch im Jahr 2021 schweizweit 1775 Anmeldungen wegen Long Covid. Manche Betroffene können nur noch Teilzeit arbeiten.

Gibt es keine Therapie?

Bislang gibt es keine speziell für Long Covid zugelassenen Behandlungen. Einigen Patienten bieten Schmerzmittel, Medikamente gegen andere Erkrankungen und Physiotherapie aber zumindest etwas Linderung. Die Hoffnung vieler Betroffener liegt auf Meldungen wie der des Uniklinikums Erlangen und der Firma Berlin Cure: Mit einem noch nicht zugelassenen Augenpräparat namens BC 007 habe man bereits mehrere Long-Covid-Patienten von ihrem Leiden befreit. Die klinischen Studien laufen bereits. 

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Long Covid?

Hier findest du Hilfe:

Long Covid Kids Schweiz, Selbsthilfegruppe für betroffene Kinder und Jugendliche und deren Eltern

Altea, Long Covid Netzwerk Schweiz

Long Covid Schweiz, Verein von Betroffenen für Betroffene

Verband Covid Langzeitfolgen, Anlaufstelle für rechtliche Fragen rund um Long Covid

Rafael, interaktive Informations- und Austauschplattform vom Unispital Genf (französisch)

MEA – Musik, Emotion und Atmung, Sing-Kurs für Long-Covid-Betroffene von Pro Mente Sana

Health4Future, digitale Plattform zur Erschliessung von Long Covid

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