Dank Impfungen - Fallzahlen sollen nicht mehr als Grund für Corona-Massnahmen gelten
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Dank ImpfungenFallzahlen sollen nicht mehr als Grund für Corona-Massnahmen gelten

Ein Experte fordert, bei der Festlegung von Corona-Massnahmen nicht mehr auf die täglichen Neuinfektionen zu schauen. GLP-Nationalrat Martin Bäumle hält das für Schwachsinn.

von
Daniel Graf
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Sind die täglichen Fallzahlen noch ein geeigneter Indikator, um die Corona-Massnahmen festzulegen? 

Sind die täglichen Fallzahlen noch ein geeigneter Indikator, um die Corona-Massnahmen festzulegen?

Boris Roessler/dpa
Daran kommen Zweifel auf: Massnahmen wie Maskenpflicht sollen nicht mehr von den Fallzahlen abhängig gemacht werden, fordern Experten. 

Daran kommen Zweifel auf: Massnahmen wie Maskenpflicht sollen nicht mehr von den Fallzahlen abhängig gemacht werden, fordern Experten.

20min/Marco Zangger
Manfred Kopf von der ETH Zürich sagt: «Es ist nicht mehr angebracht, an der Inzidenz als zentralem Faktor für die Beurteilung der Lage festzuhalten.»

Manfred Kopf von der ETH Zürich sagt: «Es ist nicht mehr angebracht, an der Inzidenz als zentralem Faktor für die Beurteilung der Lage festzuhalten.»

ETH 

Darum gehts

  • Die Zahl der täglichen Neuinfektionen ist seit Monaten eines der Hauptkriterien, nach denen die Schwere der Pandemie bestimmt wird – und damit auch die Massnahmen begründet werden.

  • Das soll sich nun ändern: Mit zunehmender Durchimpfung sei der Blick auf die Hospitalisationen wichtiger als derjenige auf die Neuinfektionen.

  • GLP-Nationalrat Martin Bäumle widerspricht: Die Fallzahlen jetzt ausser Acht zu lassen, sei Schwachsinn, weil sie eine Art Frühwarnsystem für Hospitalisationen und Todesfälle darstellten.

Fast seit Tag eins der Corona-Pandemie sind sie für viele täglicher Begleiter: Die Updates des Bundesamts für Gesundheit zu den täglichen Neuinfektionen. Auch für die Festlegung der Massnahmen, um das Virus einzudämmen, waren sie bislang eine feste Grösse.

Das soll sich nun ändern, fordert Manfred Kopf, Professor für Molekulare Biomedizin an der ETH Zürich: «Es ist nicht mehr angebracht, an der Inzidenz als zentralem Faktor für die Beurteilung der Lage festzuhalten. Insbesondere dürfen künftig die Corona-Massnahmen nicht mehr mit den Fallzahlen begründet werden.»

«Mehr Infektionen, aber weniger dramatische Verläufe»

Kopf argumentiert, dass aufgrund der fortschreitenden Impfkampagne zwangsläufig weniger mittlere und schwere Fälle, Hospitalisationen und Todesfälle im Verhältnis zur Anzahl der neuen Infektionen auftreten werden: «Ein beträchtlicher Anteil insbesondere der Risikogruppen ist geschützt. Die Viruslast konzentriert sich jetzt auf jüngere Altersgruppen, in denen die Gefahr eines schweren Verlaufs deutlich kleiner ist», sagt Kopf.

Auch Huldrych Günthard vom Universitätsspital Zürich und Institut für medizinische Virologie der Uni Zürich glaubt, dass ein Wegkommen von den Fallzahlen hin zu den Hospitalisationen bereits im Gange sei. «Früher oder später werden die Infektionszahlen wieder zunehmen, weil wir kaum in der Lage sein werden, dieses Virus zu eliminieren. Auch die Impfwirkung wird abnehmen. Es wird also zu mehr Infektionen kommen, aber eben zu weniger dramatischen Verläufen und das ist es letztlich, was wir auch mit den Impfungen bezwecken.»

«Sars-CoV-2 wird zum zirkulierenden Virus»

Gemäss Günthard ist bekannt, dass die Immunität gegen die vier derzeit bekannten zirkulierenden Coronaviren immer wieder abnehme. «Diese sind für etwa 30 bis 50 Prozent aller gewöhnlichen Erkältungen verantwortlich. Die bekommen wir immer wieder», sagt der Infektiologe. Eine Teilimmunität bleibe aber in den meisten Fällen bestehen. «In Zukunft wird die Krankheit deshalb vornehmlich mild verlaufen. Sars-CoV-2 wird mit grosser Wahrscheinlichkeit zum fünften zirkulierenden Coronavirus werden. Die Frage ist lediglich, wann.»

Für GLP-Nationalrat Martin Bäumle, der sich mit einem selber erstellten Modell ebenfalls seit Monaten mit den Kennzahlen der Pandemie auseinandersetzt, wäre es hingegen Schwachsinn, die Neuinfektionen jetzt nicht mehr zu berücksichtigen. Denn: «Würden wir nur noch auf die Hospitalisationen achten, wären wir erst gewarnt, wenn es schon zu spät ist. Hospitalisationen und Todesfälle ereignen sich immer zeitlich verzögert zu einem Anstieg der Neuinfektionen.»

«Es droht eine erneute Überlastung»

Das wird sich gemäss Bäumle auch mit einer höheren Durchimpfungsrate als den aktuell knapp 44 Prozent nicht ändern, im Gegenteil: «Mit der Verschiebung der Krankheitslast werden vermehrt jüngere Patienten in die Spitäler kommen und länger dort bleiben, weil sie die Erkrankung im Normalfall überleben und länger Pflege brauchen.»

Dazu kämen bei einer hohen Viruslast mehr Long Covid-Fälle: «Diese Patienten blockieren dann in der Reha Plätze. Wenn wir jetzt die Fallzahlen ausser Acht lassen, könnte im Herbst eine erneute Überlastung des Gesundheitswesens drohen und dass wir Operationen verschieben müssen. Das kann sogar soweit gehen, dass das Gesundheitspersonal dann entscheiden muss, wer eine Behandlung bekommt und wer nicht. Das möchte ich niemandem zumuten.»

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat für die Phase 2, die Stabilisierungsphase, in der wir uns derzeit befinden, vier Kriterien zur Verschärfung oder Lockerung der Massnahmen festgelegt (siehe unten). Dazu zählt auch die 14-Tage-Inzidenz. Der Bundesrat fällt die nächsten Entscheide voraussichtlich am 11. August mit dem Übergang in die Phase 3, die Normalisierungsphase. Dann ist der Bundesrat laut dem Konzeptpapier der Meinung, dass «starke gesellschaftliche und wirtschaftliche Einschränkungen nicht mehr zu rechtfertigen sind».

So entscheidet der Bund über Verschärfungen und Lockerungen

Am 12. Mai hat der Bundesrat ein Konzeptpapier veröffentlicht, in dem er festhält, welche Kriterien einen Einfluss auf die Festlegung der Massnahmen haben. Es sind dies:

• 14-Tages-Inzidenz: Für Verschärfungen muss dieser Wert über 600 liegen, für Lockerungen während sieben Tagen stabil oder rückläufig sein. Derzeit beträgt er 38,1, war in den letzten Tagen aber steigend.

• Belegung der Betten in der Intensivpflegestation durch Covid-19-Patienten, über 15 Tage gemittelt: Sind mehr als 300 IPS-Plätze von Covid-Patienten belegt, kann der Bundesrat verschärfen. Einen Richtwert für Öffnungen gibt es nicht. Am Dienstag waren 24 IPS-Betten mit Covid-Patienten belegt.

• 7-Tages-Schnitt der Reproduktionszahl Re: Der Richtwert für Verschärfungen liegt hier bei 1,15, für Lockerungen muss der Wert unter 1 betragen. Der neuste Wert datiert auf den 2. Juli und liegt bei 1,47.

• 7-Tages-Schnitt der Hospitalisierungen: Beträgt dieser Wert mehr als 120, kann der Bundesrat verschärfen. Für Lockerungen muss er seit sieben Tagen stabil oder rückläufig sein. Das BAG weist zuletzt für den 6. Juli einen 15-Tage-Schnitt von knapp 30 aus.

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