Aktualisiert 04.09.2014 20:36

Basel

Falsche Obdachlose nerven Gassenarbeiter

Während einer Selbsterfahrungsaktion leben die Anhänger eines buddhistischen Mönchs mehrere Tage als Obdachlose in Basel. Das Vorhaben stösst auf heftige Kritik.

von
gbr
Claude AnShin Thomas: Der US-amerikanische Mönch will fünf Tage und Nächte lang auf den Strassen Basels leben und meditieren.

Claude AnShin Thomas: Der US-amerikanische Mönch will fünf Tage und Nächte lang auf den Strassen Basels leben und meditieren.

Die Anhänger des bekannten US-amerikanischen Zen-Priesters Claude AnShin Thomas wollen Gutes tun, ihren Horizont erweitern. Sie setzen sich für Frieden und eine offene, gewaltfreie, grosszügige Gesellschaft ein. Mit seinen Friedensmärschen und öffentlichen Aktionen sorgt der 67-jährige buddhistische Mönch immer wieder für Schlagzeilen. Sein nächstes Projekt findet in Basel statt: Die Organisation des Priesters führt einen fünftägigen «Street Retreat» durch.

Konkret: Thomas und die Teilnehmer der Aktion werden fünf Tage und Nächte auf den Strassen Basels leben. Wie Obdachlose. Ohne Kleider zum Umziehen, ohne Zahnbürste. Mitbringen dürften sie nur die Kleider, die sie am Leib trügen, und einen Personalausweis, schreibt die «BZ».

«Viele finden das daneben»

Michel Steiner, Co-Leiter des Vereins für Gassenarbeit Schwarzer Peter, kritisiert das Vorhaben mit deutlichen Worten. Bei seinem Verein seien derzeit 280 Menschen ohne festes Dach über dem Kopf angemeldet. Zur «BZ» sagt er: «Solche Aktionen erhöhen das Misstrauen gegenüber richtigen Obdachlosen und sind daher unethisch.» Es sei ein «Spiel mit den Realitäten anderer» - er gehe davon aus, dass «viele Obdachlose solche Selbsterfahrungstrips daneben finden».

Zwar könne es sicher nicht schaden, solche Erfahrungen zu machen, sagt Steiner. «Aber muss man das im öffentlichen Raum tun? In den Bergen würde man zum Beispiel keine Obdachlosen konkurrenzieren.»

Christoph Zingg, Leiter der Sozialwerke Pfarrer Sieber, äussert gegenüber 20 Minuten ähnliche Bedenken. Zingg: «Zen-Buddhisten, die auf obdachlos machen - das ist ein zweischneidiges Schwert.» Der Leiter der Stiftung erklärt: «Einerseits ist das hochproblematisch: Es wird dem echten Leid und Leben der Obdachlosen niemals gerecht, denn diese können nach ein paar Tagen nicht in eine schöne Wohnung zurück. So wird die Realität romantisiert.»

Zingg kann dem Vorhaben aber auch Positives abgewinnen: «Ich finde es grundsätzlich gut und richtig, wenn sich Menschen mit der Frage auseinandersetzen, was Obdachlosigkeit bedeutet und wie viel Materielles man eigentlich braucht.» Ob das Übernachten auf der Strasse dafür der sinvollste Weg sei, das bezweifle er allerdings.

Teilnehmer wehrt sich

Der einzige Schweizer Teilnehmer des Retreats - die übrigen Obdachlosen auf Zeit kommen aus aller Welt - verteidigt das Vorhaben: Es gehe nicht um den Vergleich mit echter Obdachlosigkeit, sondern um eine spirituelle Erfahrung, sagt er zu 20 Minuten. Auf der Strasse werde man nicht um Geld, sondern nur um Essen bitten und echten Obdachlosen werde man weder örtlich noch materiell Konkurrenz machen. Im Gegenteil: Geld habe die Gruppe schon vor der Aktion gesammelt. Dieses spende man am Ende «zu 100 Prozent» an gemeinnützige Organisationen. An welche, würden die Teilnehmer nach Abschluss der Erfahrungstage in Basel demokratisch entscheiden.

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