Aktualisiert 31.01.2017 06:49

Voluntourismus

Falsche Waisen sollen junge Helfer anlocken

Junge Reisende wollen im Ausland Freiwilligenarbeit leisten und der lokalen Bevölkerung helfen. Doch der Voluntourismus ruft auch Betrüger auf den Plan.

von
F. Lindegger
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Viele junge Westler reisen in asiatische oder afrikanische Länder, um Freiwilligenarbeit zu leisten. Im Bild: Ein Waisenhaus in Kambodscha.

Viele junge Westler reisen in asiatische oder afrikanische Länder, um Freiwilligenarbeit zu leisten. Im Bild: Ein Waisenhaus in Kambodscha.

epa/mak Remissa
Die Freiwilligen bezahlen dabei Geld, um vor Ort zu helfen. Das lockt auch Betrüger an. Sie lancieren etwa angebliche Hilfsorganisationen, mit falschen Waisen. (Symbolbild)

Die Freiwilligen bezahlen dabei Geld, um vor Ort zu helfen. Das lockt auch Betrüger an. Sie lancieren etwa angebliche Hilfsorganisationen, mit falschen Waisen. (Symbolbild)

Jcarillet
Neben Kambodscha oder Nepal ist diese Problematik auch etwa in Ghana verbreitet.

Neben Kambodscha oder Nepal ist diese Problematik auch etwa in Ghana verbreitet.

epa/William Sakioffei

Durch Kambodscha reisen und dabei drei Wochen Englisch unterrichten, auf einem Backpack-Trip durch Mittelamerika in Costa Rica bei einem Projekt zum Schutz von Schildkröten mitarbeiten. Ferne Länder bereisen und dabei Gutes tun – der sogenannte Voluntourismus liegt im Trend. Immer öfter arbeiten vor allem junge Menschen freiwillig im Ausland. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit inzwischen bis zu zehn Millionen Personen jährlich gegen zwei Milliarden Dollar ausgeben, um das Reisen mit einer sinnvollen Tätigkeit zu verbinden. Doch statt der lokalen Bevölkerung zu helfen, trägt man oft unbewusst dazu bei, dass Leute ausgebeutet werden und sich angebliche Hilfsorganisationen bereichern.

Die Sendung «Mise au Point» des Westschweizer Fernsehens RTS zeigt in ihrer jüngsten Reportage die perversen Auswirkungen auf, die das Geschäft mit Freiwilligen in Kambodscha hat. Bei einer grossen internationalen Agentur, die solche Einsätze vermittelt, lässt sich etwa für drei Wochen in einem Waisenhaus in Kambodscha mit Kindern arbeiten. Dafür müssen 1100 Dollar bezahlt werden – Flug nicht inbegriffen. Rund 30 bis 40 Prozent des Betrags streiche die Agentur ein. Das Waisenhaus schliesslich setze vom restlichen Geld pro Woche nur rund fünf Dollar für die Kinder ein.

Tausende «falsche Waisen»

Dass das Geschäft mit Waisenhäusern einträglich sein kann, haben lokale Anbieter erkannt. In den vergangenen acht Jahren verdreifachte sich die Zahl solcher Institutionen in Kambodscha. Innerhalb von 30 Jahren stieg die Zahl der Waisen im asiatischen Land von 7000 auf 47'000. Gemäss dem Kinderhilfswerk Unicef verfügen aber rund 85 Prozent der Waisen noch mindestens über einen Elternteil. Die Eltern geben sie oft in der Hoffnung auf ein Einkommen in ein Waisenhaus weg. Die Kinder werden dann dafür benutzt, um potenzielle Helfer anzulocken, die für die Arbeit mit den angeblichen Waisen bezahlen.

Die Problematik mit «falschen» Waisenkindern betrifft nicht nur Kambodscha, sondern auch etwa Nepal. Doch auch falls man tatsächlich mit Waisenkindern arbeitet, kann das für die Kinder unerwünschte Auswirkungen haben. Etwa weil die Bezugspersonen ständig wechseln. «Wer bei einem Einsatz täglich mit einer fixen Gruppe von Kindern arbeitet, muss sich bewusst sein, dass man nach wenigen Wochen nicht einfach wieder gehen kann», sagt Flavia Frei vom Kinderschutz Schweiz. Kinder würden Vertrauen fassen, das nicht einfach missbraucht werden dürfe. «Längere Einsätze sind sicher sinnvoller als dreiwöchige, wenn man mit Kindern arbeitet», so Frei. Bei der Wahl des Anbieters sei deshalb zu klären, ob er Massnahmen zum Schutz der Kinder festgelegt hat.

«Einfach helfen wollen reicht nicht»

Grundsätzlich müssten sich Interessierte vor einem Einsatz gut überlegen, was die Motivation ihrer Freiwilligenarbeit im Ausland sei. «Einfach helfen wollen reicht nicht», sagt Frei. Auch die Frage, ob man für den Einsatz überhaupt qualifiziert sei, müsse man sich stellen. Zudem könne sich die geplante Tätigkeit negativ auf die lokale Bevölkerung auswirken. «Vielleicht nehme ich jemandem den Job weg. Diese Fragen gilt es im Vorfeld gut abzuklären.»

Waren auch Sie auf einem Hilfseinsatz in den Ferien und haben Problematisches erlebt? Schreiben Sie uns

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Das sagen Schweizer Anbieter

In der Schweiz setzten viele grosse Reiseanbieter und Sprachschulen auf Freiwilligeneinsätze im Ausland. STA Travel, einer der grossen Anbieter der Branche, teilt auf Anfrage mit, dass das Unternehmen 2014 alle angebotenen Freiwilligenprojekte überprüft habe. Es würde nur mit «einer sorgfältig ausgewählten Anzahl an ethisch einwandfreien und erfahrenen Anbietern» zusammengearbeitet, die «enge Beziehungen zu ihren lokalen Gemeinden etabliert haben». Bei Globetrotter, ebenfalls ein prominenter Anbieter, müssen Interessierte laut eigenen Angaben je nach Projekt einen Lebenslauf oder Referenzen angeben. Bei der Tätigkeit mit Kindern sei zudem ein Strafregisterauszug erforderlich. Gleiches erklärt auch STA Travel.

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