Nach Nordmazedonien: Familie ausgeschafft – Vater klagt die Schweiz an

Aktualisiert

Nach NordmazedonienFamilie ausgeschafft – Vater klagt die Schweiz an

Eine sechsköpfige Familie musste dieses Jahr die Schweiz verlassen. Zuvor kämpften die Eltern jahrelang gegen die Abschiebung nach Nordmazedonien.

von
Monira Djurdjevic
Seline Bietenhard
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«Ich verstehe nicht, wieso meine Kinder für meine Fehler büssen müssen», sagt der 57-jährige D. Seine Familie wurde kürzlich nach Nordmazedonien ausgeschafft.

«Ich verstehe nicht, wieso meine Kinder für meine Fehler büssen müssen», sagt der 57-jährige D. Seine Familie wurde kürzlich nach Nordmazedonien ausgeschafft.

Privat
«Wir haben hier nichts und sind bei Verwandten untergekommen. Meine Kinder haben hier keine Zukunft. Sie kennen weder das Land noch können sie die Sprache richtig», sagt D.

«Wir haben hier nichts und sind bei Verwandten untergekommen. Meine Kinder haben hier keine Zukunft. Sie kennen weder das Land noch können sie die Sprache richtig», sagt D.

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Unter anderem haben die Schulden des Vaters zur Ausschaffung geführt. Nun will er einen Weg finden, damit seine Kinder in die Schweiz zurückkehren können.

Unter anderem haben die Schulden des Vaters zur Ausschaffung geführt. Nun will er einen Weg finden, damit seine Kinder in die Schweiz zurückkehren können.

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Eine sechsköpfige Familie ist nach Nordmazedonien ausgeschafft worden. 

  • Unter anderem haben die Schulden des Vaters zur Abschiebung geführt.

  • Nun will er einen Weg finden, damit seine Kinder in die Schweiz zurückkehren können.

Jahrelang hatte sich die Familie von D.* (57) gegen eine Abschiebung gewehrt, zog dafür zweimal vor das Bundesgericht. Jedoch ohne Erfolg. Nun lebt die sechsköpfige Familie seit über vier Monaten in Nordmazedonien. «Wir haben hier nichts und sind bei Verwandten untergekommen. Meine Kinder haben hier keine Zukunft. Sie kennen weder das Land noch können sie die Sprache richtig», sagt D.

Der 57-Jährige kam vor 30 Jahren in die Schweiz. Acht Jahre später reiste seine Frau nach. «Wir heirateten und bekamen vier Kinder. Unser Leben war gut», sagt er. Doch als seine Frau schwer erkrankte, habe er seinen Job aufgeben und sich um die Kinder kümmern müssen. Weil das Ehepaar, welches in der Zwischenzeit vom Sozialamt lebte, immer mehr Schulden anhäufte und D. straffällig wurde, entzogen ihm die Behörden die Niederlassungsbewilligung und seiner Frau die Aufenthaltsbewilligung.

Schliesslich wurde die Familie aufgefordert, das Land zu verlassen. Und das, obwohl die Ärzte wegen der labilen psychischen Situation der Frau vor einer Abschiebung warnten, wie Dokumente, die 20 Minuten vorliegen, zeigen.

«Verstehe nicht, wieso meine Kinder für meine Fehler büssen müssen»

Besonders schlimm für D.: Auch seine Kinder mussten die Schweiz verlassen. Dabei habe seine älteste Tochter kurz vor der Abschiebung noch eine Lehrstelle in Aussicht gehabt. «Mit der Lehre hätte sie eine gute Ausbildung erhalten und bald auf eigenen Beinen stehen können.»

Er hofft nun, doch noch einen Weg zu finden, damit seine Kinder im Alter von zwölf und 20 Jahren in die Schweiz zurückkehren können. «Ich verstehe nicht, wieso meine Kinder für meine Fehler büssen müssen», sagt D. «Das ist doch unmenschlich. Sie sind in der Schweiz geboren, das ist ihre Heimat. Sie sind hier nicht glücklich und wollen unbedingt zurück.»

Beschwerde abgewiesen

Laut einem Bundesgerichtsentscheid wurde D. mehrmals strafrechtlich verurteilt, unter anderem wegen Urkundenfälschung und Widerhandlung gegen das Strassenverkehrsgesetz. 2008 stellte die Migrationsbehörde zudem fest, dass sich die ehelichen Schulden massiv erhöht hatten. Nachdem sich die Situation weiter verschlechtert hatte, widerrief das Migrationsamt die Niederlassungsbewilligung von D. und verlängerte die Aufenthaltsbewilligung seiner Frau nicht mehr.

Zudem wies es die Familie aus der Schweiz weg. Eine dagegen erhobene Beschwerde wurde vom Verwaltungsgericht wie auch vom Bundesgericht im Jahr 2015 abgewiesen. Auf ein Wiedererwägungsgesuch sowie ein Härtefallgesuch für die älteste Tochter trat das Migrationsamt nicht ein. 2021 wiesen das Verwaltungsgericht und das Bundesgericht eine dagegen erhobene Beschwerde ab.

«Nicht ausgeschlossen, dass die Kinder eines Tages zurückkehren»

Marc Spescha ist Rechtsanwalt und Lehrbeauftragter für Migrationsrecht an der Universität Freiburg. Er ordnet den Fall für 20 Minuten ein.

Herr Spescha, wieso wurde die Familie ausgeschafft?

Massgebend war der Entscheid im Jahr 2015, nach welchem die Familie die Schweiz hätte verlassen müssen. Der Hauptgrund für die Ausschaffung waren die Schulden des Ehepaars sowie die Straffälligkeit des Vaters. Zudem müssen minderjährige Kinder im Regelfall ihren Eltern folgen. Ein eigenständiger Verbleib der Kinder in der Schweiz war im Verfahren anscheinend auch nie geltend gemacht worden. 

Wieso dauerte es so lange, bis die Familie die Schweiz verlassen musste?

Die Familie hatte wegen des angeschlagenen Gesundheitszustandes der Mutter ein neues Gesuch gestellt und ihre anhaltend schlechte Gesundheit regelmässig belegt. Deshalb sah die Migrationsbehörde von einer Ausschaffung ab. Schliesslich stellte der Rechtsvertreter auch ein Härtefallgesuch für die älteste Tochter. Neue Gesuche aufgrund veränderter Umstände sind auch nach einem Wegweisungsentscheid grundsätzlich zulässig. Eine derart lange Verfahrensdauer wie im vorliegenden Fall ist allerdings aussergewöhnlich.

Besteht eine Möglichkeit, dass die Kinder zurückkehren können?

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Kinder eines Tages zurückkehren könnten. Sie müssten allerdings erhebliche Hindernisse überwinden. Als Arbeitsmigranten und -migrantinnen aus einem sogenannten Drittstaat würden sie nur zugelassen, wenn sie hochqualifiziert wären und falls in der entsprechenden Branche ein Fachkräftemangel anerkannt würde. Als Studierende könnten sie allenfalls kommen, wenn sie in einer (Fach-)Hochschule aufgenommen würden. Denkbar wäre schliesslich die Erteilung einer Härtefallbewilligung mit dem Argument des langjährigen früheren Aufenthalts und des hiesigen Schulbesuchs. Dafür bräuchte es eine wohlwollende Behörde, die Empathie dafür hat, dass die Schweiz, besonders bei den beiden ältesten Kindern, zur Heimat geworden ist. Zudem müsste sich ein Kanton bereit erklären, eine Härtefallbewilligung zu erteilen und dem SEM zur Zustimmung zu unterbreiten.

Laut Marc Spescha müssten die Kinder für eine Rückkehr erhebliche Hindernisse überwinden.

Laut Marc Spescha müssten die Kinder für eine Rückkehr erhebliche Hindernisse überwinden.

www. langstrasse4.ch

*Name der Redaktion bekannt

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