Familie des Baukran-Kletterers: «Wollten ihn zwangseinweisen lassen – Polizei und Kesb sagten, geht nicht»
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Familie des Baukran-Kletterers«Wollten ihn zwangseinweisen lassen – Polizei und Kesb sagten, geht nicht»

Ein 34-jähriger Mann kletterte am Montagabend auf einen Baukran und verharrte dort über zwölf Stunden. Nun spricht seine Schwester. 

von
Michelle Ineichen
Monira Djurdjevic

Hier bringen Einsatzkräfte den Mann in Sicherheit.

Video: 20min/Michelle Ineichen

Darum gehts

Es waren bange Stunden für M.* (31). Ihr Bruder war am Montagabend auf einen Baukran in Zürich-Oerlikon geklettert. Dabei entfachte der 34-Jährige unter anderem ein Feuer und warf ein Werkzeug in Richtung der Höhenretter. Erst nach über zwölf Stunden kletterte er gemeinsam mit den Einsatzkräften runter. «Unser Vater konnte ihn am Telefon überreden, vom Kran zu steigen», erzählt die Schwester. Seither habe die Familie keinen Kontakt mehr mit ihm gehabt. Laut der Zürcher Staatsanwaltschaft befindet sich der Mann derzeit in Polizeihaft. Über das weitere Vorgehen will man am Freitag entscheiden.

«Ich wusste, dass die Situation irgendwann eskaliert», sagt die 31-Jährige. Seit Jahren habe ihr Bruder mit psychischen Problemen zu kämpfen. Er leide unter anderem unter Psychosen und Verfolgungswahn. Zudem konsumiere er regelmässig Drogen und Alkohol. Den Vorfall vom Montag erklärt sie sich wie folgt: «Er befand sich in einem psychotischen Zustand und fühlte sich verfolgt.» Oben auf dem Kran habe er einen Livestream auf Facebook geschaltet, in dem er unter anderem erwähnte, dass ihn jemand umbringen will.

«Es ist alles so traurig. Er ist eigentlich ein wunderbarer Mensch und toller grosser Bruder. Er ist einfach krank», sagt M. Die Familie habe sich in der Vergangenheit bereits mehrfach an die Behörden gewandt und um Hilfe gebeten. «Ich wollte ihn zwangseinweisen lassen. Bei der Polizei und der Kesb sagte man mir, dass das nicht so einfach geht. Die gesamte Familie fühlt sich im Stich gelassen und versteht nicht, wieso niemand früher eingriff. Es ist wirklich traurig, dass immer zuerst etwas Schlimmes passieren muss.» Für ihren Bruder wünscht sich M. nur eins: «Ich hoffe, dass die Behörden endlich reagieren und er die Therapie bekommt, die er braucht.»

«Der Freiheitsentzug ist das letzte Mittel»

Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes kann die Kantonspolizei Zürich keine Angaben zum Fall machen. Grundsätzlich werde bei solchen Fällen ein Notfall-Arzt beigezogen, der über eine allfällige Verfügung einer fürsorgerischen Unterbringung entscheidet. Bei der Kesb reagierte niemand auf eine Anfrage. 

Laut Thomas Knecht, Leitender Arzt der Forensischen Psychiatrie am Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden, muss für eine fürsorgerische Unterbringung (FU) gemäss Zivilgesetzbuch eine der folgenden drei Voraussetzungen erfüllt sein: eine psychische Störung, eine geistige Behinderung oder eine schwere Verwahrlosung, welche aber wirklich extrem schwer sein muss.

«Berechtigt zur Vornahme einer Einweisung sind neben der Kesb auch Ärzte, welche eine Bewilligung für den jeweiligen Kanton haben», erklärt der Psychiater. Der Zustand eines Menschen müsse aber so kritisch sein, dass eine Behandlung auf ambulanter Basis nicht mehr möglich ist. «Der Freiheitsentzug ist das letzte Mittel, welches der Rechtsstaat ergreift, wenn er in das Leben eines Bürgers eingreifen muss», sagt Knecht.

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In Zürich-Oerlikon befand sich ein Mann über zwölf Stunden auf einem Baukran. Dabei entfachte er ein Feuer und warf ein Werkzeug in Richtung der Höhenretter.

In Zürich-Oerlikon befand sich ein Mann über zwölf Stunden auf einem Baukran. Dabei entfachte er ein Feuer und warf ein Werkzeug in Richtung der Höhenretter.

20min/Marco Zangger
«Es ist alles so traurig. Er ist eigentlich ein wunderbarer Mensch und toller grosser Bruder. Er ist einfach krank», sagt seine Schwester. 

«Es ist alles so traurig. Er ist eigentlich ein wunderbarer Mensch und toller grosser Bruder. Er ist einfach krank», sagt seine Schwester. 

Privat
Für ihren Bruder wünscht sich die 31-Jährige nur eins: «Ich hoffe, dass die Behörden endlich reagieren und er die Therapie bekommt, die er braucht.»

Für ihren Bruder wünscht sich die 31-Jährige nur eins: «Ich hoffe, dass die Behörden endlich reagieren und er die Therapie bekommt, die er braucht.»

20min/MIE

*Name der Redaktion bekannt

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

VASK, regionale Vereine für Angehörige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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