Oberwallis: Familie verbietet Tochter den Freund
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OberwallisFamilie verbietet Tochter den Freund

Im Wallis akzeptierte ein albanischer Vater den Freund seiner Tochter nicht – die Familie terrorisierte daraufhin das junge Paar. Nun wurden der Vater und der Bruder verurteilt.

In Brig fand die junge Frau Unterschlupf.

In Brig fand die junge Frau Unterschlupf.

Keystone/Dominic Steinmann

Die Walliser Justizbehörden mussten sich kürzlich mit einem Fall befassen, in dem eine junge Frau wegen ihres Freundes von der eigenen Familie massiv bedrängt wurde. Angefangen hat alles im Mai 2015: Die junge Frau, die eine Verkäuferlehre absolvierte, kam mit einem Lehrling zusammen. Dieser stammt wie sie selbst ursprünglich aus Albanien, passte aber der Familie nicht, wie der «Walliser Bote» schreibt.

Laut der Staatsanwaltschaft Oberwallis fing daraufhin ein Bruder den Freund am Abend nach der Arbeit ab und zwang ihn in sein Auto. Zusammen mit einem weiteren Bruder verprügelten er den Liebhaber. Dieser erlitt Kieferverletzungen. Zudem wurde ihm gedroht, er werde «nicht mehr auf den Beinen stehen», wenn er sich weiter mit der Schwester abgebe. Auch der Vater forderte seine Tochter auf, die Beziehung zu beenden.

Verwandte überwachten sie

Das Mädchen musste das Handy abgeben, damit sie keinen Kontakt mehr haben konnte. Der Vater bot auch eine Reihe von Verwandten auf, die das Mädchen am Arbeitsplatz abwechslungsweise überwachten, um eine Begegnung der beiden zu verhindern.

Weil sich die Lernende wehrte, wurde sie zu Verwandten nach Lausanne geschickt. Dort wurde sie gezwungen, ihre Lehrstelle zu kündigen. Daraufhin tauchte das Mädchen ab und fand Unterschlupf in einem Frauenhaus in Brig. Nach einer Anzeige hat die Staatsanwaltschaft Oberwallis nun den Vater und den Bruder der jungen Frau der mehrfachen Nötigung für schuldig gesprochen. Sie wurden zu bedingten Geldstrafen von 2550 und 1600 Franken sowie Bussen von 600 und 300 Franken verurteilt. Beide akzeptieren den Strafbefehl.

«Mädchen werden in patriarchalischen Familien engmaschig kontrolliert»

Dirk Baier, Kriminologe an der ZHAW, gibt der Fall zu denken: «Gerade in Familien mit patriarchalen Familienstrukturen werden Mädchen häufig kontrolliert und gar Ehen mit genehmen Partnern arrangiert. Der aus Sicht der Familie falsche Partner beschädigt hingegen die ‹Familienehre›.» Er kenne aber nur wenige Fälle, in denen die Situation so eskaliert sei wie im aktuellen Fall.

Es sei zu vermuten, dass das Mädchen schon vorher von Familienmitgliedern engmaschig kontrolliert worden sei. «In orthodoxen muslimischen Familien ist die Erziehungskontrolle oft auf das Mädchen gerichtet, während sich die Jungs alles erlauben können.» Wenn ein Mädchen dann sehe, mit welchen Freiheiten Mädchen in ihrem Umfeld gross werden, könne der Konflikt offen ausbrechen.

Baier begrüsst das Urteil der Staatsanwaltschaft: «Es zeigt, dass ein solches Verhalten nicht konform ist mit den Vorstellungen eines elterlichen Erziehungsverhaltens in unserer Kultur.» Positiv sei, dass die junge Frau in einem Frauenhaus Unterschlupf gefunden habe. «Solche Angebote sind wichtig, um betroffenen Frauen zu helfen.»

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