Aktualisiert 23.04.2014 10:34

Nach FährunglückFamilien warten auf ihre toten Kinder

Einige Familien der rund 300 Schüler des Fährunglücks in Südkorea können ihre Kinder begraben. Andere aber haben den Moment der schrecklichen Gewissheit noch vor sich.

von
kle

Chancen auf Überlebende unter den noch rund 180 vermissten Passagieren der havarierten Sewol in Südkorea gibt es so gut wie keine mehr. Die Anhörigen der Opfer harren seit Tagen auf der Insel Jindo aus und drängen sich verzweifelt um die Listen mit der Beschreibung der geborgenen Opfer auf weissen Tafeln.

Immer wieder ziehen Bergungsmannschaften Leichen aus dem Bauch der Fähre und bringen sie mit Ambulanzen zu den am Dock aufgeschlagenen Leichenzelten – eines für Frauen, eines für Männer. Die Angehörigen warten draussen, lassen sich dann von einem Beamten einweisen und gehen dann in Reih und Glied hinein.

Suche nach Vermissten des Fährunglücks

Der schwere Augenblick der Identifizierung

Drinnen herrscht erst Stille, dann ist herzzerreissendes Weinen und Schluchzen zu hören. «Wie kann ich ohne dich weiterleben?», schreit eine Mutter auf. «Bringt mir meine Tochter zurück!»

Doch zur Identifizierung der meist jugendlichen Toten gibt es nur wenige Merkmale: Geschlecht, Schuhe, Kleidung. Mal ist es eine Zahnspange, mal sind es die rot lackierten Fingernägel, die für die bangen Eltern die schlimmsten Befürchtungen bestätigen. Die Identifizierung der Leichen wollen die Behörden nun auch anhand von DNA-Proben voranbringen.

Rotes Kreuz war sofort da

«Ich habe Angst, auf die Tafeln zu schauen», sagt die 50-jährige Lim Son-mi, die ihre 16-jährige Tochter vermisst. Die Wasserleichen seien kaum zu unterscheiden. «Jedes Mal, wenn ich mir das anschaue, bricht es mir das Herz.» Vielen Familien steht der Schock noch bevor.

Die Anteilnahme und Solidarität im Volk sind gross. Kurz nachdem die ersten Eltern der Opfer auf Jindo ankamen, gab es Rot-Kreuz-Stände, die kostenlos Wasser verteilten. Später wurden die Menschen auch mit Essen, Kaffee und Decken versorgt, da viele in der Eile zu leicht bekleidet gekommen waren.

Wut gegen Regierung und gegen Verantwortliche

Am Dienstag, knapp eine Woche nach dem Unglück, sind in der Stadt Ansan die ersten ums Leben gekommenen Schüler beerdigt worden. Die Wut der Angehörigen ist riesig: Einige Eltern veröffentlichten eine Erklärung, in der sie für mehr Hilfe der Regierung bei den Rettungsarbeiten baten und die bisherige Reaktion auf das Unglück scharf verurteilten.

Die Verzweiflung der Trauenden richtet sich vor allem auch gegen den Kapitän der Sewol. Er wurde mit zwei weiteren Crewmitgliedern unter dem Verdacht verhaftet, fahrlässig gehandelt und die Passagiere an Bord zurückgelassen zu haben. Sechs weitere Besatzungsmitglieder wurden am Montag und Dienstag festgenommen.

Präsidentin Park Geun-hye warf dem Kapitän und Teilen seiner Crew mörderisches Fehlverhalten vor. Sie hätten das Schiff nicht evakuiert, seien selbst aber als Erste entkommen. Zudem wartete der Kapitän, nachdem das Schiff in Schieflage geraten war, eine halbe Stunde, bis er die Evakuierung anordnete. (kle/dapd)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.