Getötete 4-Jährige: «Familiendramen passieren nie aus heiterem Himmel»
Aktualisiert

Getötete 4-Jährige«Familiendramen passieren nie aus heiterem Himmel»

Kränkung, Psychose oder Suizid: Der forensische Psychiater Frank Urbaniok sieht für Familientragödien mehrere Gründe. Das Drama bahnt sich jeweils schleichend an.

von
ann
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In diesem Haus wurde ein vierjähriges Mädchen erstochen. Im Garten steht das Spielhaus und die Rutschbahn des getöteten Kindes.

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20 Minuten/Annette Hirschberg
Ein Rettungswagen fährt in der Nacht auf den 2. Februar zum Tatort.

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Newspictures
Nach ersten Erkenntnissen wies das Kind Stichverletzungen auf.

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In Niederlenz AG ist am Sonntag die kleine R. (4) erstochen aufgefunden worden. Gemäss Polizei handelt es sich um ein Familiendrama. Beide Eltern liegen verletzt im Spital. Nachbarn berichteten, die Mutter sei gegen halb zehn Uhr abends um Hilfe schreiend aus dem Haus rannte. Unter Schock habe sie immer wieder gesagt, ihr Mann habe ihre Tochter getötet.

Dennoch kann man derzeit nur darüber rätseln, was sich im Einfamilienhaus an der Böllistrasse abgespielt hat. Der forensische Psychiater Frank Urbaniok will darum nur grundsätzlich sagen, welche Erklärungen es für Familiendramen gibt.

Kontrolle über die Familie verlieren

So gebe es Personen mit einer Dominanz-Problematik. «Für eine solche Person ist sie selbst der Mittelpunkt in einer Beziehung», so Urbaniok. Wenn sie die Kontrolle über die Familie verliere – etwa aufgrund einer Trennung – könne sie mit Gewalt versuchen, die Kontrolle wieder herzustellen. Ein Beispiel sei die Bluttat von Pfäffikon, als der Ehemann 2011 seine Frau und die Leiterin des Sozialamtes tötete. «Für den Täter hatte seine Frau ohne ihn keine Lebensberechtigung. Er wollte ihr heimzahlen, dass sie ihn verlassen wollte und so die Ordnung wieder herstellen.»

Familie in Suizidgedanken mit einschliessen

Es gebe aber auch Täter mit einer narzisstischen Problematik. Das seien Menschen, die ständig Bewunderung und Anerkennung brauchten. «Wenn diese ausbleibt, reagieren sie mit grosser Wut und Kränkung, was in Gewalt ausarten kann.»

Ein weiteres Erklärungsmuster sei das ganze Spektrum der Depression, Ausweglosigkeit und Suizidalität. Es gebe Täter, die die Familie in ihre Suizidgedanken mit einschliessen. «Aus ihrer Sicht hat die Familie ohne sie keine Zukunft, darum kommt es zum erweiterten Suizid.»

«Es eskaliert sukzessive»

Als letztes Erklärungsmuster gebe es die Psychose. In solchen Fällen gehe in der Vorstellungswelt der Personen etwas vor, das nichts mit der Realität zu tun habe. «Weil die Person glaubt, sie werde verfolgt, gequält oder befinde sich in einer Notlage, wendet sie Gewalt an», sagt Urbaniok. In diesem Zusammenhang könne es auch zu Tötungsdelikten an Familienmitgliedern kommen.

Wichtig für Urbaniok ist die Feststellung, dass Familiendramen nie aus heiterem Himmel passieren: «Egal welches Erklärungsmuster dahinter steckt, es eskaliert sukzessive.»

Frank Urbaniok ist forensischer Psychiater und Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Kantons Zürich in der Schweiz.

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