Argentinien: Familienvater von Brücke geworfen

Aktualisiert

ArgentinienFamilienvater von Brücke geworfen

Ein 27-jähriger Argentinier wollte mit seiner schwangeren Frau zur Notaufnahme, als sie in eine Demonstration gerieten. Was dem jungen Paar dann widerfuhr, entsetzt das ganze Land.

von
K. Leuthold
Buenos Aires

Der 27-jährige Raul Lescano und seine im vierten Monat schwangere Ehefrau Macarena waren auf einem Motorrad unterwegs, als sie am frühen Morgen in Buenos Aires in eine Demonstration von Hafenarbeitern gerieten.

Die Schwangere hatte Blutungen erlitten und das Paar, das bereits zwei Kinder hat und in ärmlichen Verhältnissen lebt, eilte zur Notfallaufnahme des öffentlichen Spitals Argerich.

Die Protestierenden hatten jedoch die Brücke Avellaneda gesperrt und liessen niemanden durch. Lescano näherte sich einer Gruppe von Männern und erzählte ihnen vom medizinischen Notfall. Er bat sie darum, vorbeifahren zu dürfen. Dieses Recht wurde ihm verweigert. Als er ein weiteres Mal fragte, antworteten die Demonstranten mit Faustschlägen ins Gesicht.

Die Demonstranten rissen Lescano vom Motorrad, nahmen ihm Brieftasche und Handy weg, führten ihn bis zum Brückenrand – und stiessen ihn von dort herunter.

Prothese zerstört, Ambulanz aufgehalten

Lescano stürzte drei Meter in die Tiefe und schlug auf der darunterliegenden Strasse auf. Der 27-Jährige erlitt eine schwere Wunde am Kopf. Dabei wurde auch die Prothese, die er am linken Bein trug, komplett zerstört.

Unterdessen versuchte seine Frau, eine Ambulanz zu alarmieren. Diese sollte jedoch nie eintreffen: Weil die Demonstranten alle Strassen versperrt hatten und völlig ausser Kontrolle waren, konnten die Sanitäter dem Mann nicht helfen.

Schliesslich, nach einer Stunde des Wartens, brachten ihn zwei Unbekannte zur Notfallaufnahme. Dort wurde Lescanos Wunde mit 16 Stichen genäht. Weil im Spital keine Betten zu Verfügung standen, liess das Personal ihn in einem Gang des Spitals liegen.

Präsidentin will Strassenproteste einschränken

Am Mittwochabend reichte Juan Corvalán, der Gewerkschaftsleiter der Hafenarbeiter, seine Kündigung ein. «Diese schwere Ausschreitungen waren nicht geplant», sagte er gegenüber argentinischen Medien. Die Bilder des verletzten Mannes seien «extrem verstörend». Finanzielle Hilfe oder eine Entschädigung bot er der Familie nicht an.

Bislang wurde in dem Fall niemand verhaftet. Lescano hat keine Anzeige erstattet, obwohl er von Präsidentin Cristina Kirchner am Donnerstagmorgen dazu ermutigt wurde. Das Parlament müsse «Mechanismen entwickeln», um die Proteste in dem Land einschränken zu können, sagte Kabinettschef Jorge Capitanich an einer Medienkonferenz.

Eine gute Nachricht gab es dann doch für den vom Pech verfolgten Raul Lescano: Dank anonymer Spenden kam Geld für eine neue Prothese zusammen.

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