Fanzug-Pflicht : «Fanarbeit ist kein Allerheilmittel»
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Fanzug-Pflicht «Fanarbeit ist kein Allerheilmittel»

Der oberste Fanbeauftragte der Schweiz ist erleichtert, dass der Nationalrat die Fanzug-Pflicht abgelehnt hat. Allein mit gesetzlicher Repression erreiche man bei den Fans nichts.

von
Romana Kayser
«Den Dialog mit den Fankurven pflegen, das Risikopotenzial möglichst gering zu halten» (KEYSTONE/Eddy Risch)

«Den Dialog mit den Fankurven pflegen, das Risikopotenzial möglichst gering zu halten» (KEYSTONE/Eddy Risch)

Herr Gander, der Nationalrat ist gegen die Fanzug-Pflicht. Sind Sie zufrieden?

Thomas Gander: Ich bin froh, dass die Gesetzesvorlage wieder zurück beim Bundesrat ist. Das Gesetz wäre in dieser Form nicht umsetzbar gewesen. Wie hätte man etwa Fans die Benützung eines Regelzuges verwehrt und wer wäre dafür verantwortlich? Und was ist mit Fans, die gar keinen Extrazug benützen wollen? Ich vermute, dass es bei der Vorlage vor allem darum ging, die Haftungsverantwortung an die Fussballvereine zu delegieren.

Wer soll haften, wenn etwas passiert?

Grundsätzlich haftet in unserem Rechtsstaat derjenige, der einen Schaden verursacht hat. Die Vereine haftbar für seine Fans zu machen, finde ich heikel. Das birgt die Gefahr von Missbrauch. Ab wann ist ein Fan einem Verein zugehörig und wann nicht? Reicht es, wenn jemand einen Schal eines Clubs trägt? So könnte beispielsweise ein einzelner Fan, der sich als Anhänger ausgibt, einem Verein einen enormen finanziellen Schaden zufügen.

Was soll das Parlament denn sonst tun gegen das Hooligan-Problem?

Ich beobachte, dass das ständige Rufen nach Lösungen eher Schuldzuweisungen hervorbringt, statt dass es eine Zusammenarbeit fördert. Mit einem Gesetz, das vermeintliche Lösungen propagiert, kommen wir nicht weiter. Wenn es Charterzüge gibt, heisst das noch lange nicht, dass die Fans sie dann auch nutzen. Der Transport von Fussballfans ist eine herausfordernde Situation, da stimmen wir alle überein. Gerade deshalb gilt es auf die Experten vor Ort zu setzen, seien es die Transportpolizei, die SBB-Zugbegleiter, die Fanarbeiter und natürlich die Fans selber.

Politiker setzen ihre Hoffnungen nun in die Fanarbeit. Können Sie wirklich etwas ausrichten?

Wir werden immer etwas belächelt, weil es so «softiemässig» klingt, was wir tun. Das stört uns aber nicht. Es ist einfacher, mit der Gesetzesverschärfungskeule um sich zu schlagen, als den Dialog zu propagieren. Dabei ist es zentral, dass wir den Kontakt mit den Fankurven aufrechterhalten. Wenn sich eine Fankurve abschottet, fördert das Eskalationspotenzial und das gegenseitige Unverständnis.

Was können Sie tun, um die Situation zu verbessern?

Fanarbeit ist kein Allerheilmittel. Ein Nullrisiko möchten wir nicht als Zielsetzung verkaufen. Das kann aber niemand, da sollte man ehrlich sein. Sonst müssten wir den Fussball abschaffen. Aber wir arbeiten dauernd daran, Gewalt einzudämmen und Eskalationen zu vermeiden, damit ein Fussballspiel ein stimmungsvolles Erlebnis für alle ist.

Wie kriegen Sie einzelne gewaltbereite Chaoten in den Fankurven in den Griff?

Fankurven sind höchst heterogene Massen mit informellen Hierarchien. Dabei ist es wichtig, Kontakt zu den Leaderfiguren zu haben und Massendynamiken, aus denen Gewalt entstehen können, zu erkennen und zu deeskalieren. Wenn es jedoch einzelne Leute gibt, die den Fussball als Plattform für ihr Gewaltbedürfnis missbrauchen wollen, kommen wir sicher auch an unsere Grenzen.

Verstehen Sie, dass Bilder von fliegenden Petarden und vermummten Chaoten den Leuten Angst machen?

Der Fussballfan ist sicher auch wegen diesen Bildern in den politischen Fokus geraten. Durch diese starken Bilder und die Popularität von Fussball entsteht verständlicherweise eine persönliche Betroffenheit bei den Menschen. Ein Handeln wird gefordert. Meiner Meinung nach ist der aktuelle Fokus auf die Fussballfans aber übertrieben. Die Gesetzesverschärfungspirale steht nicht im Verhältnis, wie ich die tatsächliche Entwicklung in den letzten Jahren beobachte.

Zur Person:

Thomas Gander ist Geschäftsführer von Fanarbeit Schweiz und Co-Leiter von Fanarbeit Basel.

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