Kritik an Bildungssystem: «Fast 18 und keine Ahnung von Steuern»
Aktualisiert

Kritik an Bildungssystem«Fast 18 und keine Ahnung von Steuern»

Eine Gymnasiastin kritisiert, das deutsche Schulsystem bereite sie nicht auf das Leben vor. Auch in der Schweiz orten Jungpolitiker Handlungsbedarf.

von
J. Büchi
1 / 7
Dieser Tweet von Naina, einer Gymnasiastin aus Köln, hat in Deutschland eine rege Debatte über die Allgemeinbildung an den Schulen entfacht.

Dieser Tweet von Naina, einer Gymnasiastin aus Köln, hat in Deutschland eine rege Debatte über die Allgemeinbildung an den Schulen entfacht.

Twitter/ Naina
Die Nachricht der bis dahin unbekannten Schülerin wurde auf Twitter über 11'000 Mal geteilt. Praktisch alle grossen deutschen Onlinemedien haben die Diskussion aufgenommen, in den Kommentarspalten bekommt die 17-Jährige viel Applaus.

Die Nachricht der bis dahin unbekannten Schülerin wurde auf Twitter über 11'000 Mal geteilt. Praktisch alle grossen deutschen Onlinemedien haben die Diskussion aufgenommen, in den Kommentarspalten bekommt die 17-Jährige viel Applaus.

Twitter/ Naina
Auch Anian Liebrand, der Präsident der Jungen SVP, sagt, er höre vor allem von Gymnasiasten immer wieder, dass sie sich schlecht aufs Leben vorbereitet fühlten. «Nach der Matur kommen sie auf die Welt: Sie merken, dass sie literarische Werke interpretieren, aber keine Steuererklärung ausfüllen können.»

Auch Anian Liebrand, der Präsident der Jungen SVP, sagt, er höre vor allem von Gymnasiasten immer wieder, dass sie sich schlecht aufs Leben vorbereitet fühlten. «Nach der Matur kommen sie auf die Welt: Sie merken, dass sie literarische Werke interpretieren, aber keine Steuererklärung ausfüllen können.»

Keystone/Lukas Lehmann

«Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.» Dieser Tweet von Naina, einer Gymnasiastin aus Köln, hat in Deutschland eine Debatte über die Allgemeinbildung an den Schulen entfacht. Die Nachricht der bis dahin unbekannten Schülerin wurde auf Twitter über 11'000-mal geteilt. Praktisch alle grossen deutschen Onlinemedien haben das Thema aufgenommen, in den Kommentarspalten bekommt die 17-Jährige viel Applaus.

«Klar hat die junge Frau recht», schreibt beispielsweise ein Leser auf Focus.de. Das Volk beherrsche zwar die Integralrechnung, habe in der Allgemeinbildung aber grosse Lücken. Ein anderer kritisiert: «Wir quälten uns durch Hundertwasser, Kandinsky und Dalí.» Die Fragen «Wie wasche ich Wäsche? Wie handhabe ich meine Finanzen? Was ist bei Krediten zu beachten?» seien dagegen unbeantwortet geblieben. «Es wäre sicher nützlich, ein Fach 'Alltag' einzuführen.» Kritiker erwidern, es sei Sache der Eltern, die Kinder auf das Leben vorzubereiten.

«Nach der Matur kommen sie auf die Welt»

Die Diskussion lässt auch Schweizer Jungpolitiker aufhorchen. Anian Liebrand, Präsident der Jungen SVP, sagt, er höre vor allem von Gymnasiasten immer wieder, dass sie sich schlecht aufs Leben vorbereitet fühlten. «Nach der Matur kommen sie auf die Welt: Sie merken, dass sie literarische Werke interpretieren, aber keine Steuererklärung ausfüllen können.» Für Liebrand ist es deshalb wichtig, dass auch die Schweiz diese Debatte führt: «Sonst bilden wir haufenweise Leute aus, die zwar theoretisch eine gute Ausbildung haben, aber in der Wirtschaft nicht brauchbar sind.» Er fordert eine zusätzliche Wochenlektion im Fach «Wirtschaft und Recht», die praktischen Beispielen gewidmet ist.

Maurus Zeier, Chef der Jungfreisinnigen, ging selbst zuerst auf ein Gymnasium und hat dann eine Lehre als Kaufmann mit Berufsmatur begonnen. Er sagt: «In der Berufsschule wurden wir viel besser aufs Leben vorbereitet als im Gymnasium.» Es sei zwar klar, dass die gymnasiale Ausbildung per Definition einen anderen Zugang biete als eine Berufsschule – gewisse Basics seien aber auch da nötig. «Es ist im Interesse von Wirtschaft und Gesellschaft, dass jeder Bürger weiss, wie man eine Steuererklärung ausfüllt und eine Bewerbung schreibt.»

«Nicht nur lernen, was Wirtschaft nützt»

In einzelnen Bereichen sieht auch Juso-Präsident Fabian Molina Handlungsbedarf. «Die politische Bildung beispielsweise kommt tendenziell zu kurz.» Auch Schüler, die in diesen Fragen nicht auf die Unterstützung der Eltern zählen können, müssten lernen, wie man richtig abstimmt und wählt. Molina betont jedoch: «Unter dem Strich lernen wir in der Schule viel fürs Leben.» Dass an den Gymnasien Geisteswissenschaften einen hohen Stellenwert haben, sei richtig. «Es darf nicht nur darum gehen, zu lernen, was der Wirtschaft nützt. Genauso wichtig ist es, dass wir Zeit haben, über Sachen nachzudenken, die uns interessieren.»

Dies betont auch Gisela Meyer Stüssi, Vizepräsidentin des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrer: «Das Gymnasium ist kein Rezeptbuch, das für jedes Problem im Leben eine Lösung präsentiert.» Es gehe vielmehr darum, zu lernen, wo man sich die nötigen Informationen beschaffen kann. «Wenn die Schüler Fragen zur Steuererklärung haben, können sie beispielsweise auf ihre Eltern oder einen Lehrer zugehen.»

Gerade, um künftige Probleme anzugehen, sei auch die Auseinandersetzung mit Literatur oder Philosophie wichtig. «Wer eine politische Frage – etwa das Thema Sterbehilfe – diskutieren will, muss Kenntnisse darüber haben, wie die Thematik historisch zu verschiedenen Zeiten beurteilt wurde. Es ist zu kurzsichtig, sich immer nur mit den aktuellsten Alltagsproblemen zu befassen.»

Sind Sie derzeit in Ausbildung? Teilen Sie uns mit, was Sie in der Schule fürs Leben lernen! Schreiben Sie uns an feedback@20minuten.ch

Deine Meinung