Zu hoch gepokert: Fast jeder zweite Bewerber will zu viel Lohn

Aktualisiert

Zu hoch gepokertFast jeder zweite Bewerber will zu viel Lohn

Fast die Hälfte der Schweizer Fach- und Führungskräfte will mehr Lohn kassieren, als es in der Branche üblich ist. Dabei können überrissene Gehaltsforderungen gefährlich werden.

von
Valeska Blank

Das Bewerbungsgespräch zählt sicher nicht zu den angenehmsten Stationen im Arbeitsleben. Einer der heikelsten Punkte während des Frage-Antwort-Marathons zwischen Kandidat und Arbeitgeber ist der Lohn. Wie viel soll der Bewerber fordern, wo soll der Arbeitgeber seine Grenze ziehen? All das braucht Verhandlungsgeschick und Feingefühl.

Eine Studie des Personalvermittlers Robert Half bringt nun Überraschendes über diesen Eiertanz zutage: 48 Prozent der Schweizer Personalmanager erleben, dass Fach- und Führungskräfte mehr verdienen wollen, als auf dem Markt üblich ist. In 56 Prozent der Fälle ist es laut der Studie das offerierte Grundgehalt, das Bewerber als zu niedrig empfinden.

Nicht übers Ziel hinausschiessen

Hohe Forderungen geschehen oft aus reinem Kalkül, sagt Sven Hennige von Robert Half. Er ist beim Personalvermittler verantwortlich für die Märkte Zentraleuropa und Deutschland. «Viele Bewerber setzen ihre Gehaltserwartung absichtlich höher an - in der Hoffnung, bei Vertragsabschluss ein überdurchschnittliches Salär zu erzielen», so Hennige. Ein weiterer Grund sei der Fachkräftemangel. Viele Bewerber würden wissen, dass in ihrer Branche qualifizierte Fach- und Führungskräfte rar sind.

Bewerber sollten jedoch aufpassen, mit ihren Forderungen nicht übers Ziel hinauszuschiessen. Denn mit überrissenen Vorstellungen können sie ihre Chancen auf einen neuen Job auch zunichte machen. «Mit unhaltbaren Gehaltsforderungen könnte im Zweifel der Gesprächspartner und potenzielle spätere Vorgesetzte verprellt werden», warnt Hennige. Andererseits sollte man sich auch nicht unter Wert verkaufen, sagt der Schweizer Karriereberater Urs Kaufmann (siehe Interview).

Zusatzleistungen gefragt

Neben einem hoch angesetzten Grundlohn erkundigen sich die Bewerber auch nach umfassenderen Zusatzleistungen (33 Prozent), Kapital- und Gewinnbeteiligungen (23 Prozent ) und zusätzlichen Urlaubstagen (21 Prozent), heisst es in der Studie weiter. Die Nachfrage nach solchen zusätzlichen Angeboten seien mittlerweile üblich in Bewerbungsgesprächen, sagt Hennige: «Über den Lohn hinausgehende Leistungen wie etwa Kinderbetreuung rücken immer stärker in den Fokus der Bewerber.» Das habe mit den Vorstellungen der Generation Y zu tun, deren Vertreter derzeit ins Berufsleben starten. «Ihnen sind eine ausgeglichene Work-Life-Balance und selbstständiges Arbeiten wichtiger als Top-Gehälter oder möglichst viel Einfluss im Beruf.»

Löhne in der Schweiz steigen

Die Chancen auf einen gut bezahlten Job stehen derzeit nicht schlecht, so das Fazit der Robert-Half-Studie. In knapp einem Drittel der Schweizer Unternehmen seien abteilungsübergreifend höhere Gehaltsniveaus zu verzeichnen. Mitte des Jahres 2014 sagten von 200 befragten Personalmanagern 31 Prozent, die aktuellen Gehälter in ihrem Unternehmen würden derzeit steigen. 17 Prozent der Betriebe gewähren ihren Mitarbeitern derzeit höhere Boni.

Herr Kaufmann, was sind die Gründe für überzogene Lohnforderungen?

Urs Kaufmann*: Als Bewerber will man sich bei einem Stellenwechsel nach Möglichkeit finanziell verbessern und beim nächsten Job mehr verdienen als vorher. Lohneinbussen sind in den meisten Fällen keine Option.

Ist es gefährlich oder schlau, wenn ein Bewerber einen überzogenen Lohn verlangt?

Es ist sicher nicht empfehlenswert. Bei Lohnverhandlungen ist viel Feingefühl gefragt: Fordere ich zu viel, bin ich aus dem Rennen, weil für den Arbeitgeber das Verhältnis zwischen Leistung und Preis nicht stimmt. Wer aber einen tieferen Lohn als den marktüblichen verlangt, riskiert, sich unter dem eigenen Wert zu verkaufen und lohnmässig nicht mehr vom Fleck zu kommen.

Was kann man tun, um bei Lohnverhandlungen das Maximale für sich herauszuholen?

Bewerber sollten sich im Vorfeld genau vorbereiten und herausfinden, wie viel Lohn im neuen Job realistisch ist. Informieren kann man sich zum Beispiel über Lohnrechner und die Berufsverbände. Oder man kann eine Person aus seinem Netzwerk fragen, die schon in einem ähnlichen Job tätig ist.

Was ist bei einer Lohnverhandlung absolut tabu?

Das Thema Lohn zu früh anzusprechen. Das erweckt beim Arbeitgeber den Eindruck, dass man nur hinter dem Geld her und nicht daran interessiert ist, das Unternehmen durch seine Fachkompetenz vorwärts zu bringen. Wenn der Arbeitgeber die Lohnvorstellungen nicht von sich aus zum Thema macht, sollte es ein Bewerber erst tun, wenn es ins Gespräch passt und man spürt, dass der Arbeitgeber am Kandidaten interessiert ist.

*Urs Kaufmann ist Karrierreberater bei Consilias Partner GmbH

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