FRANKREICH: «Fatwa gegen die Freiheit der Frau»
Aktualisiert

FRANKREICH«Fatwa gegen die Freiheit der Frau»

Dass ein französisches Gericht eine Ehe für ungültig erklärt hat, weil die Braut zur Zeit der Hochzeit keine Jungfrau mehr war, sorgt in Frankreich für Empörung. Sie sei «bestürzt», erklärte Staatssekretärin Valérie Létard.

Offenbar könne das französische Strafrecht so ausgelegt werden, dass es einem «Rückschritt für den Status der Frau» gleichkomme, sagte die Frauenbeauftragte. Der Abgeordnete Jacques Myard von der konservativen Regierungspartei UMP nannte den Richterspruch schockierend, weil er «altertümlichen Fundamentalismus» fördere.

Die Richter in Lille hatten ihr Urteil mit einem Paragrafen begründet, der Eheleuten das Recht gibt, die Ehe binnen fünf Jahren für nichtig erklären zu lassen, wenn sie über «wesentliche Eigenschaften der Person» getäuscht wurden.

Angewandt wird der Paragraf, wenn ein Mann zum Beispiel herausfindet, dass seine Frau vor der Ehe als Prostituierte gearbeitet hat, oder wenn eine Frau im Nachhinein feststellen muss, dass ihr Mann schon einmal verheiratet war und geschieden ist.

«Fatwa gegen die Freiheit der Frau»

An einen Fall, bei dem es um die Jungfräulichkeit der Braut ging, erinnert sich niemand im französischen Justizministerium. Die Frauenorganisation Weder Hure noch Unterworfene sprach von einer «Fatwa gegen die Freiheit der Frau».

Auf einer Lüge habe sein Mandant keine Beziehung aufbauen können, erklärt der Anwalt des Klägers, Xavier Labbée. Der Mann habe sich von der Braut, die ihm versichert habe, sie sei Jungfrau, «betrogen» gefühlt.

«Wenn sie gleich die Wahrheit gesagt hätte, hätte er sie vielleicht trotz alledem geheiratet.» So aber sei die Annullierung immer noch besser als eine Scheidung, rechtfertigte der Anwalt das Vorgehen: Die Ehe werde einfach «gelöscht».

Junge Frauen unter Druck

Die französische Philosophin Elisabeth Badinter erklärte, sie schäme sich für die Justiz. Ein derartiges Gerichtsurteil werde höchstens dazu führen, dass noch mehr muslimische Frauen ins Spital gingen, um ihr Jungfernhäutchen wiederherstellen zu lassen.

«Anstatt die jungen Frauen zu verteidigen, erhöht das Gericht den Druck auf sie», sagte Badinter.

(sda)

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