Federers Lizenz zum French-Open-Sieg
Aktualisiert

Federers Lizenz zum French-Open-Sieg

Der Weltranglistenleader will die letzte Lücke im Palmarès schliessen.

Roger Federer nimmt im French Open einen weiteren Anlauf, die letzte grosse Lücke in seinem Palmarès zu schliessen.

Nach dem Triumph in Hamburg hat er auch resultatmässig die Gewissheit, Rafael Nadal vom Sand-Thron stossen zu können.

Die Bilder unmittelbar nach dem letzten Ballwechsel am vergangenen Sonntag in Hamburg im Final gegen Nadal sprachen Bände. Die Erleichterung, den Spanier nach fünf fehlgeschlagenen Versuchen erstmals auch auf dessen bevorzugter Unterlage in die Schranken gewiesen zu haben, stand dem Baselbieter ins Gesicht geschrieben. Die Lizenz zum French-Open-Sieg war gelöst.

Äusserliche Gelassenheit

Federer schrieb dem vierten Turniersieg am Rothenbaum diametrale Bedeutung zu. Zum einen tankte er selber mit Blick auf das French Open zum optimalen Zeitpunkt zusätzliches Selbstvertrauen, zum andern ist er überzeugt, dass «ihm (Nadal - Red.) diese Niederlage zu denken geben wird.» Zumindest äusserlich nahmen der Spanier und seine Entourage die nach 81 Siegen auf Sand zu Ende gegangene Serie gelassen hin. Das Lächeln im Gesicht von Trainer und Onkel Toni Nadal nach dem von Federer verwandelten Matchball schien indessen ziemlich aufgesetzt.

An der Ausgangslage für das wichtigste Rendez-vous des Jahres auf Sand hat sich gleichwohl wenig bis nichts geändert. Nadal bleibt als Triumphator der vergangenen zwei Jahre im Bois de Boulogne der Favorit, Federer der (sehr nahe gerückte) Herausforderer. Darüber ist sich der Weltranglisten-Erste im Klaren; er weiss, dass er gegen den Mallorquiner in einer allfälligen Neuauflage des letztjährigen Finals nur bestehen kann, wenn er im Stande ist, sein Spiel auf dem in Hamburg (stetig gesteigerten) Level zu halten.

Der finale Showdown der momentan mit Abstand besten Könner der Szene ist verständlicherweise schon vor den ersten Ballwechseln in den Fokus gerückt, liegt aber noch in weiter Ferne. Vorerst gilt es für beide, den besonders in Roland Garros oft strapaziösen Weg in den Final erfolgreich hinter sich zu bringen. Dazu sind sechs Siege erforderlich.

Der Sechste im Bunde?

Verlässt Federer die Anlage im Südwesten von Paris als Sieger, ist er der erste Spieler seit dem Australier Rod Laver vor 38 Jahren, der alle vier Major-Turniere hintereinander zu gewinnen vermag. Nach den Titeln in Wimbledon, im US Open (beide 2006) und im Australian Open im Januar 2007 wäre der neueste Erfolg allerdings nicht gleichbedeutend mit dem Grand Slam, für den Siege an den vier wichtigsten Turnieren im gleichen Jahr notwendig sind. Federer würde lediglich den «Roger Slam» perfekt machen.

In Bezug auf die Tragweite der French-Open-Krone käme dies (vorerst) einer Marginalie gleich. Der elfte Sieg in einem Event der Premium-Klasse wäre gleichbedeutend mit dem Eintritt in den erlauchten Zirkel jener Spieler, die alle vier Grand-Slam-Turniere zumindest einmal gewonnen haben. Diesem Kreis gehören derzeit neben Laver lediglich Donald Budge (USA), Fred Perry (Eng), Roy Emerson (AU) und Andre Agassi (USA) an.

In weit bescheideneren Dimensionen kalkuliert gegenwärtig Stanislas Wawrinka. Der Waadtländer wartet nach dem ausgeheilten Innenbandriss im Knie, der ihn während dreier Monate von den Courts ferngehalten hatte, auf das erste Erfolgserlebenis. In Rom, Hamburg und Pörtschach (Ö) schied er in der ersten Runde aus.

Patty Schnyders Entwarnung

Bei den Frauen ruhen die Schweizer Hoffnungen nach der Absage von Martina Hingis auf Patty Schnyder. Allerdings wird die Baselbieterin, die das French Open seit jeher als ihr Lieblingsturnier bezeichnet, nicht in optimaler körperlicher Verfassung in die französische Hauptstadt reisen. Wegen muskulärer Probleme im Oberschenkel trat sie am Donnerstag in Istanbul nicht zum Viertelfinal gegen die Ukrainerin Alona Bondarenko an, gab aber umgehend Entwarnung. «Ich glaube nicht, dass mich die leichte Verletzung von der Teilnahme am French Open abhalten wird.»

Direkte Aufnahme im Hauptfeld fand auch Emmanuelle Gagliardi. Der Romande blieb nach dem Forfait von Hingis die Qualifikation erspart. Grosse Erwartungen wären allerdings fehl am Platz. Die 30- Jährige, die vor zwei Jahren in Roland Garros die Achtelfinals erreichte, steht in der laufenden Saison auf WTA-Stufe noch sieglos da.

Offenes Titel-Rennen

Im Gegensatz zu den Männern scheint das Titel-Rennen offen, zumal sich in den vergangenen Wochen keine der Top-Spielerinnen speziell hervorgetan hat. Die Favoritenrolle kommt daher abermals der Weltranglisten-Ersten und dreifachen French-Open-Championne Justine Henin zu, die wie Nadal in Paris zuletzt zweimal in Folge erfolgreich war. Die Hauptprobe gelang dem nur 1,67 m grossen Energiebündel freilich lediglich bedingt. In Berlin scheiterte die Belgierin im Halbfinal an ihrer letztjährigen Final-Gegnerin in Roland Garros, Swetlana Kusnezowa. Der Russin darf ein ähnlich erfolgreicher Abstecher an die Seine abermals zugetraut werden.

In den Vordergrund spielten sich zuletzt auch die Serbinnen Ana Ivanovic und Jelena Jankovic. Die in Basel wohnende Ivanovic, ein ehemaliger Schützling von Swiss-Tennis-Headcoach Eric van Harpen, siegte in Berlin, und Jankovic tat es ihr eine Woche später in Rom gleich. Ein Fragezeichen ist hingegen hinter die Form von Maria Scharapowa und Amélie Mauresmo zu setzen; beide sind nach Rekonvaleszenzen erst kürzlich in den Circuit zurückgekehrt. Die Russin bestreitet zur Zeit in Istanbul ihr erstes Sandplatz-Turnier in diesem Jahr. Die Französin, die im Normalfall die grössten Hoffnungen des einheimischen Publikums auf sich vereint, zeigte sich nach einer Mitte März vorgenommenen Blinddarm-Operation in Berlin und Rom in erschreckend schwacher Form. (si)

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