Ertrunken in der Limmat: «Fehlende Rettungsringe sind grosses Problem»
Aktualisiert

Ertrunken in der Limmat«Fehlende Rettungsringe sind grosses Problem»

Die Freundin des in der Limmat ertrunkenen Jamaikaners kann nicht verstehen, weshalb ihm niemand half. Rettungsschwimmer hingegen erstaunt das gar nicht.

von
Ronny Nicolussi
Beliebter Badeort: Limmat beim Flussbad Letten in Zürich

Beliebter Badeort: Limmat beim Flussbad Letten in Zürich

Josef R. * (Name von der Redaktion geändert) hat beim Schwimmen in der Limmat in Zürich plötzlich keine Kraft mehr. Seine Freundin, die mit ihm im Fluss ist, schreit um Hilfe. Vergebens. Der 28-Jährige ertrinkt am vergangenen Wochenende vor den Augen dutzender Menschen. Laut Prisca Wolfensberger, Mediensprecherin der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG), kommen solche Ereignisse immer wieder vor.

Frau Wolfensberger, die Freundin des Jamaikaners ist überzeugt, Josef hätte gerettet werden können. Aber obwohl sich zahlreiche Schwimmer im Wasser und am Ufer aufhielten, reagierte niemand auf die Hilferufe der jungen Frau. Wie können Sie sich das erklären?

Prisca Wolfensberger: Leider kommt solches bei Unfällen immer wieder vor. Im Strassenverkehr fahren zum Beispiel viele an Unfällen vorbei, ohne zu helfen. Die Menschen haben dazu verschiedene Gründe. Manche haben Angst, weil sie nicht wissen, wie helfen oder sie haben Angst zu versagen. Andere denken, es gebe bestimmt Leute, die das besser könnten. Das ist aber Unsinn, denn etwas machen ist immer besser als nichts machen.

Es gibt aber auch Situationen, in denen man sich als Retter selbst in Gefahr bringen kann.

Stimmt. Bevor man jemanden aus einem Fluss rettet, sollte man abschätzen, wie gross die Gefahr für einen selbst ist. Ansonsten begibt man sich unter Umständen in dieselbe Gefahr wie die Person, die man retten wollte. An der Stelle, an der der Mann am Samstag ertrank, wäre es für Retter, die gut schwimmen können, jedoch nicht so gefährlich gewesen. Wer in Flüssen schwimmt, sollte sowieso immer ein guter Schwimmer sein.

Nicht jeder Schwimmer ist aber auch ein Rettungsschwimmer. Wie hätte jemand helfen können, der keine entsprechende Ausbildung hat?

Wir sagen immer, jeder Schwimmer sollte ein Rettungsschwimmer sein. Nicht nur um zu helfen, sondern auch um zu verstehen, wo im Wasser die Gefahren lauern. Helfen kann man aber auch ohne Ausbildung, indem man in die Nähe der Person schwimmt, die mit Problemen kämpft. Man sollte versuchen, mit ihr zu sprechen und sie zu beruhigen. Wenn möglich sollte man ein Hilfsmittel mitnehmen, an dem sich die Person festhalten kann. Das kann zum Beispiel ein T-Shirt, ein Badetuch oder eine mit Luft gefüllte Pet-Flasche sein. So kann man der Person zwar helfen, wieder ans Ufer zu kommen, ist aber nicht in Gefahr, gepackt zu werden. Denn wer in Panik ist, greift nach allem, was sich bietet und hat unheimliche Kräfte. Passiert das, sollte man versuchen abzutauchen, dann lässt die in Not geratene Person meistens los.

Zur Rettung nützlich wären auch Rettungsringe. In den zahlreichen roten Boxen entlang der Limmat gibt es aber keine Schwimmwesten oder Rettungsringe. Weshalb nicht?

Das ist ein grosses Problem. Man kennt das zwar auch von anderen Gewässern aber in Zürich ist das Problem akut. Die Kästen werden immer wieder gefüllt. Und trotzdem sind sie oft leer. Offenbar gibt es Sammler. Und dann gibt es noch Leute, die Freude haben, die Rettungsringe auf das Wasser zu werfen oder kaputtzumachen. Abschliessen kann man die Kästen nicht, da sie ja sonst im Notfall nichts bringen würden.

Was könnte man in der Not als Rettungsringersatz nehmen?

Zur Rettung eignet sich alles, was im Wasser Auftrieb hat und man auf Distanz hinhalten kann. Besonders einfach und hilfreich ist eine leere Eineinhalb-Liter-Pet-Flasche.

An der betroffenen Stelle gilt seit 30 Jahren ein Badeverbot. Entsprechende Schilder fehlen jedoch und die Menschen springen zu Tausenden in die Limmat. Was läuft hier schief?

Wenn man wirklich Warnschilder aufstellen wollte, müsste man sie alle zehn Meter platzieren. Das macht keinen Sinn. Zudem informiert die Stadtpolizei Zürich immer wieder über die Gefahren im Wasser – auch auf ihrer Homepage. Die Erfahrung zeigt zudem, dass Schilder Menschen nicht vor dem Baden abhalten. Oft trifft man Schwimmer unmittelbar neben einem Verbotsschild an. Wir sagen daher immer, man sollte sich beim Baden in natürlichen Gewässern bewusst sein, was man tut. Dies gilt besonders dann, wenn man in einen Fluss steigt und ganz besonders in einer Stadt wie Zürich, wo auf dem Fluss auch noch Kursschiffe verkehren.

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