Loveparade-Chronologie: Fehlende Unterlagen und Zeitdruck
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Loveparade-ChronologieFehlende Unterlagen und Zeitdruck

Es ist die Geschichte einer Katastrophe: Interne Unterlagen belegen, wie nachsichtig die Stadt Duisburg mit den Loveparade-Organisatoren war.

von
amc

Niemand will schuld sein: Die Stadt Duisburg belastet die Polizei und die Organisatoren. Die Organisatoren widerum belasten die Polizei und die will nichts falsch gemacht haben. Auch drei Wochen nach dem tödlichen Drama an der Loveparade in Duisburg bleibt die Verantwortung für die Massenpanik ungeklärt. 21 Menschen starben, über 500 wurden schwer verletzt – doch statt zur Verantwortung zu stehen, wird der Schwarze Peter hin und her geschoben. Die Stadt Duisburg wäscht die Hände in Unschuld: In einem Zwischenbericht über die Verantwortlichkeiten befreiten Juristen Oberbürgermeister Adolf Sauerland und die Stadt von jeglicher Schuld und belastet die Organisatoren und die Polizei schwer.

Das Resultat überrascht nicht, denn den Auftrag hatte die Stadt selbst gegeben. Umso pikanter sind deshalb die internen Unterlagen die «Spigel Online» am Montag publizierte: Aufgrund der vertraulichen Papiere zeichnet das Nachrichtenportal die «Chronologie einer Katastrophe» nach und belastet Stadt und Oberbürgermeister schwer.

Frist verstrich, Dokumente wurden nicht eingereicht

Die Versäumnisse begannen offenbar bereits am 14. Juni 2010 – rund einen Monat vor der Loveparade – die Untere Bauaufsicht der Stadt fordert zu diesem Zeitpunkt vom Organisator «Lopavent» einen «Lageplan» des Geländes, zudem fehlt gemäss «Spiegel Online» ein «zielorientiertes Brandschutzkonzept» und auch die Endfassung des Sicherheitskonzeptes liegt dem Amt nicht vor. Der zuständige Sachbearbeiter gibt eine deutliche Warnung ab: «Sollten die fehlenden Unterlagen» nicht bis zum 29. Juni «eingegangen sein, werde ich den Antrag gebührenpflichtig (...) zurückweisen.» Der Brief geht in Kopie auch ganz nach oben, an das «Büro OB z. Kts.» - den Oberbürgermeister Adolf Sauerland also.

Nur vier Tage später weisen Mitarbeiter der Duisburger Verwaltung die Organisatoren daraufhin, «dass es in den Planungen noch viel zu wenige Fluchtwege» gibt. Doch dann schaltet sich gemäss «Spiegel» Wolfgang Rabe vom Rechtsdezernent ein: «Er forderte 62 (Amt für Baurecht) auf, an dem Rettungswegekonzept konstruktiv mitzuarbeiten und sich Gedanken darüber zu machen, wie die Fluchtwege dargestellt werden könnten. Es könne nicht sein, dass 62 diese Pflicht auf den Auftragssteller abwälzen würde, schliesslich wolle der OB (Oberbürgermeister) die Veranstaltung.»

Gemäss «Spiegel» folgt am 25. Juni eine Krisensitzung an der sich Vertreter von Lopavent mit der Stadt, der Feuerwehr und einer Brandschutzfirma treffen. Hier präsentierte Lopavent einen neuen Plan mit «doppelgenutzten Ausgängen». Für die Bauaufsicht und die Brandschutzexperten kein «Lösungsansatz, der den Vorschriften entspreche». Eine «Abweichung vom geltenden Recht» sei nicht zu rechtfertigen. Die Loveparade-Macher sitzen in der Klemme: Das Gelände ist zu klein für die Besuchermassen, es fehlen Rettungswege und Notausgänge von entsprechender Breite. «Die Party stand auf der Kippe», heisst es im «Spiegel».

Doch anstatt die Party abzusagen, kommt einem der Brandschutzspezialisten eine Idee: Eine «Entfluchtungsanalyse» könnte die Love Parade retten, das hatte schon früher geklappt. Ein Beamter im Bauminsterium bestätigte, dass eine solche Untersuchung tatsächlich «die Möglichkeit biete, Verdichtungen von mehr als zwei Personen je Quadratmeter darzustellen». «Daraus», so heisst weiter im Vermerk der Duisburger Expertenrunde, «kann dann eventuell eine erforderliche Abweichung» vom Baurecht «formuliert werden».

Experte: «Zu gefährlich und wenig zielführend»

Für die Organisatoren tickt die Uhr - bis zu Love Parade waren es noch 29 Tage. In rekordverdächtiger Zeit wurde die rettende «Entfluchtungsanalyse» erstellt. Diese sollte beweisen, dass das Gelände im Notfall schnellstens geräumt werden konnte. Wenn genügend Notausgänge vorhanden seien, könnten auch mehr Menschen aufs Gelände, grösseres Gedränge sei dann nicht so schlimm - die Ausgänge liessen sich ja zügig öffnen, kalkulierten die Experten. Das Gutachten wird am 20. Juli – vier Tage vor der Loveparade vorgelegt.

Im Einsatz war zu diesem Zeitpunkt auch Panikforscher Michael Schreckenberg. Vor Vertretern von Stadt, Polizei und Feuerwehr referierte er über die Zugangswege zur Love Parade. Glaubt man einem «speziellen Vermerk» der Polizei über das Treffen, so warnte Schreckenberg zum Beispiel vor dem Einsatz von festinstallierten Gittern: Diese seien «zu gefährlich und wenig zielführend». Er empfehle, «keine festen Sperren auf der Strecke einzusetzen».

In den Akten der Stadt ist die Botschaft des Wissenschaftlers ganz anders festgehalten: «Herr Prof. Dr. Schreckenberg», soll es darin heissen, «stellte fest, dass er das Gesamtkonzept für gut halten würde.» Besonders habe er die «ausreichende Beschilderung der Laufwege durch Fahnen und Banner» gelobt. Aus Warnung wird Lob? Eine Wendung, die sich bereits vor der Katastrophe als lächerlich erweist: Hunderte Raver irrten gemäss Informationen des Nachrichtenmagazins genervt über das Gelände, weil sie nicht hinausfanden. «Gegen 16.40 Uhr prallte die herausströmende Masse auf der Hauptrampe auf die hereindrängenden Besucher. Die Tatsache, dass die Rampe zugleich als Ein- und Ausgang für Zehntausende Menschen fungieren sollte, hatte man offenbar nicht als Problem erkannt», schlussfolgert das Magazin.

Die gesetzte Frist vom 29. Juni für Lopavent - in der sie fehlende Dokumente noch hätte einreichen können – ist bereits zu Ende, als die Anwälte einen Antrag auf Verlängerung stellen - «in allerletzter Sekunde», wie es heisst. Man bemühe sich, die «geforderten weiteren Unterlagen zu erstellen». Der Veranstalter habe schliesslich ein «überragendes Interesse an der schnellstmöglichen Abwicklung der Angelegenheit». Die Stadt drückte beide Augen zu und verlängert die Frist einen Tag später bis am zum 7. Juli.

Falsche Zahlen für die Presse

Am 8. Juli erhält das Ordnungsamt der Stadt nicht die nötigen Unterlagen, sondern die «Besucherprognose». Lobaevent verlangt aber: «Bitte behandeln Sie diese Unterlagen streng vertraulich!» Mit erschreckender Offenheit gab der Event-Manager darin zu, «dass die folgenden Angaben keinen Bezug zur 'offiziellen Besucherzahl' für mediale Zwecke» hätten. Kurz: Den Medien wird etwas vollkommen anderes erzählt. Der Stadt sagt man, dass «im Saldo nicht mit mehr als 250 000 Personen» zu rechnen sei – auch nicht an der Abschlusskundgebung. Und weiter: «In der zur Verfügung stehenden Zeit können schlicht nicht so viele Personen nach Duisburg kommen, dass es hier zu absolut gefährlichen Zuständen kommt.» Auch dieser Brief geht «zur Kenntnis» an den Oberbürgermeister, wie der «Spiegel» schreibt.

Fünf Tage vor der Loveparade fehlt die Genehmigung der Stadt immer noch: Die Lopavent-Anwälte erhöhen den Druck. Eine Berliner Kanzlei («Rechtsberatung nach Mass») schreibt dem Oberbürgermeister am 19. Juli: Die Genehmigungen sollten nun mit «sofortiger Vollziehung» angeordnet werden, «um das überwiegende öffentliche Interesse» und natürlich auch das «schutzwürdige Interesse der Veranstalterin nicht zu gefährden». Zum Schluss gab es eine Warnung vor «immensen wirtschaftlichen aber auch ideellen Schäden, die nicht nur der Veranstalterin, sondern auch der Metropole Ruhr und der Stadt Duisburg entstehen, wenn die Veranstaltung (...) abgesagt werden muss».

Hätte die Katastrophe verhindert werden können?

In grosser Eile wurde das 53-seitige Brandschutzkonzept zusammengezimmert, schreibt der Spiegel: «Der Unterzeichner wurde am 12. Juli durch den Bauherrn beauftragt, ein Brandschutzkonzept mit abschliessender Gesamtbeurteilung zu erstellen», heisst es im Vorwort des Konzeptes. Nur zehn Tage danach wird es bereits abgegeben: «Gerade mal zwei Tage vor der Loveparade. Vor allem aber einen Tag nach der Genehmigung der Veranstaltung durch die Stadt», so das Nachrichtenmagazin.

Die Autoren sind sich sicher: Mit einem längeren Weg der Paradewagen wäre die verhängnisvolle Pulkbildung an der Rampe wohl vermieden worden. Noch im vorläufigen aber vertraulichen Ablaufkonzept vom 15. Januar war eine «gedachte 8» als Truckstrecke erwogen worden, um die Rampe herum. Später war sogar von einer noch grösseren Runde die Rede. «Die Sicherung der längeren Strecke war dem Veranstalter wohl zu teuer, wie Insider den Journalisten verrieten. Sie hätte entsprechende Massnahmen an den Übergängen und zusätzliche Asphaltarbeiten erforderlich gemacht. Die schliesslich gewählte Route kam billiger. «Bei dieser Lösung werden viele, schon vorhandene oder leicht herzustellende Fahrwege genutzt», heisst es im vertraulichen Konzept vom 15. Januar. Was knapp so viel bedeutet wie: Es kostet uns weniger.

Das Gelände am alten Güterbahnhof in Duisburg im Juni 2010: War es zukostspielig eine längere Strecke zu asphaltieren?

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