Aktualisiert 20.06.2008 14:42

Roche - Bitch Ray - SchwarzerFeministinnen im Generationenkrieg

Während sich «Feuchtgebiete»-Autorin Charlotte Roche ein Medienduell mit Alice Schwarzer liefert, provoziert Lady Bitch Ray Frauen (und Männer) mit ihrem «Vagina-Style»: Feminismus, quo vadis?

von
Philipp Dahm

Lady Bitch Ray hat es mal wieder geschafft. «Warum finden unsere Kids sie so cool?», fragt «Bild» besorgt und zählt auf, welche Schlagzeilen die «Vulgär-Rapperin» dem deutschen Boulevardblatt schon beschert hat. Da war ihr Auftritt bei «Schmidt & Pocher», bei dem sie TV-Komiker Pocher ein Fläschchen vermeintliches «Fotzensekret» übergab(siehe Artikel). Oder ihr Gespräch mit Fernsehfrau Sandra Maischberger, bei dem sie «75 Mal Worte wie ‹Ficken› oder ‹Fotze› benutzte», wie «Bild» minutiös nachrechnet(20 Minuten Online berichtete).

Frech und feucht – die neue Feminismus-Formel?

Zuletzt wurde die Internet-Serie «Candy Girls» nach einem gelinde gesagt wortreichen Bitch-Ray-Intermezzo zensiert(20 Minuten Online-Bericht hier). Was Jugendliche an der Deutschtürkin finden, beantwortet «Bild» mit dem Kommentar einer Diplompsychologin. «Mädchen empfinden bei den Worten von Lady Bitch Ray keine Scham, sondern denken: So selbstsicher möchte ich auch werden. Viele reden so, weil sie merken, dass es ihnen Respekt bei den Jungs bringt», wird Christine Baumann zitiert.

Das Jugendmagazin «Yam» sieht die 27-Jährige dagegen auf einer Mission und will wissen: «Sie will schocken, provozieren, mit ihrem Vulgär-Slang Tabus brechen. Frech, feucht, feministisch – das scheint die neue Formel des Feminismus zu sein.» Wer ihre neu veröffentlichten «zehn Gebote des Vagina Styles» liest, könnte der Zeitschrift Recht geben.

Denn dort fordert Lady Bitch Ray Mädchen dazu auf, selbstbewusst zu sein, den eigenen Körper zu erforschen, sich zu bilden, Sex zu geniessen ohne dabei billig zu sein. Ihr letztes Gebot richtet sich speziell an religiös erzogene Mädchen in Deutschland: Wählt nicht etwa Analverkehr, um eure Jungfräulichkeit zu erhalten! Trotz der hehren Absicht war dieser Teil dann doch zu derbe für die «Bild»: Das letzte Gebot druckte die Zeitung nicht ab.

Kampf um die feministische Deutungshoheit

Explizit geht es auch bei Charlotte Roche zu: Die Protagonistin ihres Romanes «Feuchtgebiete» liegt mit einer Analverletzung im Spital und beschreibt ihr Leiden äusserst detailreich. Wer aber meint, die Erfolgsautorin spiele in einer literarisch gehobeneren Liga als Lady Bitch Ray, irrt. Auch die 29-jährige Deutsch-Engländerin will mit deutlichen Worten der Weiblichkeit auf die Sprünge helfen. «Es hatte erst ein Sachbuch werden sollen: Charlotte Roche empfiehlt Frauen, wie sie mit ihrem Körper umzugehen haben», verriet sie in einem «Spiegel»-Interview.

Die Frage der Journalisten, ob der Körper noch immer ein geheimnisvolles, unerforschtes Gebiet sei, beantwortet sie mit einem knappen: «Bei Frauen ja.» Und obwohl Roche das vorherrschende Frauenbild kritisiert, «das in Werbung und Zeitschriften propagiert wird, das von Paris Hilton und Heidi Klum», hat sie einen unerwarteten Gegner: die deutsche «Ur-Feministin» Alice Schwarzer.

«Ich habe keine Lust, Frau Schwarzer erst um Erlaubnis zu fragen, bevor ich im Bett richtig loslege»

Früher, da hat die Gründerin der Frauenzeitschrift «Emma» die Roche noch über den Klee gelobt. Als die noch mit langen Buscheln unter den Achseln bei VIVA moderierte, lobte Schwarzer ihre Natürlichkeit und liess sie für die «Emma» schreiben.

Inzwischen herrscht Eiszeit zwischen den befreiten Frauen. Dem «Spiegel» sagte Roche: «Der Feminismus der ersten Generation wusste immer, wie wir Frauen uns zu benehmen haben. Ich habe keine Ahnung, wo gutes Benehmen für Frauen aufhört und wo Böses benehmen anfängt.» Man müsse Schwarzer zwar dankbar für das Geleistete sein, aber: «Sie wird dem Menschen in der Frau nicht mehr gerecht. Ich finde es schrecklich, dass es für so etwas Wichtiges wie Feminismus nur diese Frau gibt.»

Ein Knackpunkt der Diskussion bleibt das Thema Sex. «Frau Schwarzer möchte Sado-Maso-Sex verbieten. Frauen sind aber total masochistisch, das wird auch sie nicht ändern. Ich habe keine Lust, Frau Schwarzer erst um Erlaubnis zu fragen, bevor ich im Bett richtig loslege.»

Die «heilige Johanna der Feuchtgebiete»

Die Gescholtene selber sieht in dem Disput nicht mehr als einen Werbegag. «Mir ist sehr schnell klar geworden, dass ich ein Kalkül in der Werbestrategie dieser Bücher bin. Also: Sag was gegen Schwarzer und dann antwortet die und das wird zitiert und Weiberzank», sagte sie dem «Hessischen Rundfunk». «Das ist so durchsichtig und so billig und das habe ich in meinem Leben schon so oft erlebt, dass ich mir doch langsam den Luxus erlauben möchte, die anderen darauf reagieren zu lassen. Und das geschieht ja auch in den Medien.»

Ins selbe Horn stösst die Berliner Autorin Thea Dorn («Mädchenmörder. Ein Liebesroman»). In einem Artikel im seriösen Hamburger Wochenblatt «Die Zeit» schrieb sie unter dem Titel «Seichtgebiete» von Tabubrüchen, hinter denen nur Biederkeit stecke. Sie kritisiert Roche, die «heilige Johanna der Feuchtgebiete» dafür, dass sie Selbstbewusstsein predige, inzwischen aber selber zum Rasierer greife, wie in einem «Stern»-Interview herauskam.

Viel Lärm um Nichts?

Roche rechtfertigte sich damals, sie sei schon früher bei VIVA für ihre unrasierten Achseln fertiggemacht worden. Thea Dorns Antwort: «Ach Gottchen. Ist Janis Joplin etwa dazu übergegangen, sich nur noch Vitamine zu spritzen, weil ‹Kollegen und Zuschauer› sie als Drogenschlampe ‹fertiggemacht› haben?»

Und auch in Lady Bitch Ray sieht die Autorin keine «Tabubrecherin»: «In einem Song rappt sie: ‹Deutschland, ich ficke dich in den Arsch›. Der besorgten deutschen Medienvertreterin säuselt sie ins Mikrofon: ‹Ich liebe Deutschland, denn erst hier konnte ich zu dem werden, was ich heute bin›.»

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