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Eine Nation vor dem TVFernsehphänomen «Schwarzwaldklinik»

Halb Deutschland sass früher vor der Flimmerkiste, wenn Professor Brinkmann Visite hatte. Obwohl die Besuchszeit im Spital lange vorüber ist, bleibt die Serie unvergessen.

von
Philipp Dahm

«Die Schwarzwaldklinik» darf ohne Übertreibung ein deutsches Fernsehphänomen genannt werden: Während sich der Feuilleton über die Banalität der Serie ereiferte, schalteten in Spitzen bis zu knapp 28 Millionen Zuschauer ein. Angesichts der Tatsache, dass in der Drehzeit zwischen 1984 und 1988 in Westdeutschland gut 62 Millionen Bürger lebten, bleibt diese Quote im Nachbarland bisher unerreicht – von Sportübertragungen einmal abgesehen. Der Marktanteil erreichte bis zu 64 Prozent. Besonders anschaulich zeigen das die Top Ten der TV-Strassenfeger im Jahr 1986, in dem die Fussball-Weltmeisterschaft in Mexiko stattfand.

1.) Fussball-WM: Argentinien-BRD (2. Halbzeit - 28,22 Mio.)

2.) Schwarzwaldklinik (16) (27,19 Mio.)

3.) Schwarzwaldklinik (15) (26,71 Mio.)

4.) Schwarzwaldklinik (22) (26,55 Mio.)

5.) Schwarzwaldklinik (13) (26,46 Mio.)

6.) Fussball-WM: Argentinien-BRD (1. Halbzeit - 25,86 Mio.)

7.) Schwarzwaldklinik (18) (25,85 Mio.)

8.) Schwarzwaldklinik (14) (25,79 Mio.)

9.) Fussball-WM: BRD-Schottland (2. Halbzeit - 25,78 Mio.)

10.) Schwarzwaldklinik (20) (25,62 Mio.)

(Quelle: Aktuell '86)

Das Team um Klausjürgen Wussow alias Professor Klaus Brinkmann erlangte Kultstatus und dank der Popularität der TV-Ärzte liessen sich einige berühmte Gast-Patienten einweisen. Gerd Fröbe spielte dort das letzte Mal vor einer Kamera, der verstorbene Günter Strack gab den Mann mit Gewichtsproblemen und Harald Juhnke, der 2005 starb, mimte den schwerkranken Lottogewinner.

Heimatklischee und Exportschlager

Der Drehort, die «Klinik Glotterbad» im Glottertal nahe Freiburg wurde landesweit bekannt, doch das Sanatorium diente nur als Aussenkulisse, während die Zimmer und Krankenbetten in Hamburger Studios standen. Die Mischung aus Heimeligkeit, Herzschmerz und Hirnblutungen war trotz der Häme einiger Kritiker derart unwiderstehlich, dass das ZDF sein Produkt nach eigenen Angaben in 38 Länder verkaufen konnte. Während Abnehmer wie die Türkei oder Südafrika weniger erstaunen mögen, überraschen Grossbritannien und Polen als Käufer des Klischees einer heilen Welt dann doch.

Ein Wunder war es also nicht, dass das ZDF 2004 versuchte, seinen 1989 verstorbenen Quotenknüller noch einmal wiederzubeleben: Zum 20. Geburtstag kamen Ärzte, Pfleger und der Professor für zwei Fernsehfilme wieder zusammen, doch «Klaus Brinkmann», der Halbgott in Weiss, war nicht mehr der alte. Schauspieler Klausjürgen Wussow war zu jenem Zeitpunkt bereits an Demenz erkrankt. «Ich erinnere mich an einen tüdeligen, fast hilflosen Wussow, der seine Texte vergass», erinnert sich Gaby Dohm alias «Schwester Christa» an den letzten Drehtag anno 2005.

«Man hätte ihm die letzten Drehs nicht mehr antun sollen»

Die 67-Jährige äusserte sich in der «Bild»-Zeitung deshalb auch kritisch zum Comeback-Krampf der «Schwarzwaldklinik»: «Man hätte ihm die letzten Drehs nicht mehr antun sollen. Er war schon krank und hatte Probleme, am Set klarzukommen. Klausjürgen war ein grosser Schauspieler, der ein besseres TV-Ende verdient hätte. Mir war damals auch klar, dass es die Schwarzwaldklinik, wie Millionen Menschen sie liebten, nie mehr geben wird.» Von jenem Tag an hatte Dohm nie wieder von ihm gehört, am 19. Juni 2007 starb Wussow in einem Berliner Krankenhaus.

«Die Schwarzwaldklinik» ist heute noch derart bliebt, dass sie in einer aktuellen Umfrage mit neun Prozent auf dem dritten Platz der beliebtesten deutschen Serien landet – bei den Befragten über 40 Jahren. Was aber den Kultcharakter anzeigt, ist die Nachfrage bei der Jugend: Bei den 14- bis 39-Jährigen belegt sie sogar Rang zwei.

«Ein guter Arzt zweifelt immer ein bisschen - vor allem an sich selbst»: Schlussszene von «Die Schwarzwaldklinik». Quelle: YouTube

«Die Schwarzwaldklinik»: Die ersten fünf Minuten der Folge «Die fromme Lüge». Quelle: YouTube

Das ZDF wiederholt am Samstag, den 23. Oktober ab 14 Uhr «Die Schwarzwaldklinik – die nächste Generation».

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