Weihnachten mal fünf: Festtagsstress setzt Patchwork-Familien zu
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Weihnachten mal fünfFesttagsstress setzt Patchwork-Familien zu

Kinder von getrennten Eltern eilen oft von Weihnachtsfest zu Weihnachtsfest. Das Stresspotenzial ist hoch.

von
phi
Laut Experten kann es auch ein schönes Fest geben, wenn alle zusammen feiern.

Laut Experten kann es auch ein schönes Fest geben, wenn alle zusammen feiern.

Kein Anbieter/Sigrid Olsson

Heiligabend bei der Mutter und ihrem Partner, Weihnachten beim Vater und dann noch verschiedene Feste bei den Grosseltern, den Eltern des Stiefvaters und bei denen der Stiefmutter: In Patchwork-Familien gleichen die Festtage oft einem Marathon.

Das Problem betrifft zahlreiche Familien: In der Schweiz liegt die Scheidungsrate bei rund 41 Prozent. Laut den neusten Zahlen des Bundesamt für Statistik (BFS) machten 2010 Patchwork-Familien sogar bereits sechs Prozent aller Familienhaushalte mit Kindern unter 25 Jahren aus.

«Konfliktpotential ist sehr gross»

«Die Festtage sind für Patchwork-Familien eine besonders anstrengende Zeit», sagt Claudia Starke, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Mit vielen verschiedenen Familienteilen zu feiern, sei vor allem für die Kinder nicht einfach. «Jede Familie hat ihre eigenen Traditionen und Bräuche an Weihnachten, deshalb brauchen die Kinder genügend Zeit zwischen den Festen, um sich auf die jeweilig andere Art zu feiern einzustellen.»

Bei Spannungen zwischen den getrennten Elternteilen gerät ein Kind oft in Loyalitätskonflikte. «Es darf zum Beispiel der Mutter nicht sagen, wie schön und fröhlich das Fest bei seinem Vater und der Stiefmutter war.» Bei den Geschenken kann Neid und Eifersucht entstehen: «Es ist natürlich schwierig, wenn der Stiefvater einem Kind Spielzeug für hunderte von Franken schenkt, während der Vater nur etwas kleines unter den Weihnachtsbaum legt.» Da wäre ein Ausgleich möglich, indem etwa der leibliche Vater mit dem Kind eine gemeinsame gute Zeit in Aussicht stellt.

«Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg»

Ria Eugster ist Coach für Patchwork-Familien. Auch sie kennt die Probleme, die sich während der Festtage stellen: «Die Feiertage sind eine besondere Herausforderung, sie sind eine Art Test, bei dem man sieht, wie gut die Familie funktioniert.» Oft sei der Stress allerdings selbstverschuldet: «Patchwork-Familien stellen sich oftmals unter Druck, weil sie gegen aussen ein gutes Familienbild abgeben wollen.» Deshalb hätten viele das Gefühl, jedes Fest, mit jedem Teil der Familie, müsse perfekt ablaufen. «Das ist ein riesiger Stressfaktor.»

Der Schlüssel, um Besinnlichkeit in die Festtage zu bringen, sei eine gute Kommunikation: «Man sollte schon früh zusammensitzen und diskutieren, wer welche Erwartungen an die Festtage hat, damit man entsprechend planen kann.» Oft würden sich Eltern etwa dazu entscheiden, die Aufteilung jedes Jahr zu wechseln, um Gerechtigkeit zu schaffen: «Das eine Jahr feiern die Kinder Heiligabend beim Vater und Weihnachten bei der Mutter, während es das Jahr darauf umgekehrt ist.» So seien meistens alle zufrieden und die Festtage schon etwas weniger stressig.

«Zusammen feiern kann funktionieren»

Auf solche Massnahmen setzt auch Thomas Hess, Familientherapeut für Patchwork-Familien: «Flexibilität ist das beste Mittel, um Stress zu vermeiden.» So könne man versuchen, die Familienangehörigen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in die Feierlichkeiten einzubinden: «Zum Beispiel kann man die einen Grosseltern zu einem Aperitif einladen, während man mit den anderen einen Nachmittag verbringt.»

In einigen Fällen könne es aber auch klappen, die ganze Familie auf einmal einzuladen: «Ich habe einmal eine Familie betreut, bei der sich die Mutter, der aktuelle Partner und die zwei ehemaligen Partner an Weihnachten gemeinsam gefeiert haben.» Das Fest sei gut verlaufen und die Kinder hätten Freude gehabt, mit allen gleichzeitig feiern zu können. «Das sind schöne Erfahrungen, die zeigen, dass nicht unbedingt getrennt gefeiert werden muss.»

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