Illegale Wetten: Fette Männer – krumme Geschäfte
Aktualisiert

Illegale WettenFette Männer – krumme Geschäfte

Japans Nationalsport Sumo wird von Skandalen erschüttert. Illegale Wetten auf Baseballspiele enthüllen seine Verbindungen zum organisierten Verbrechen.

von
Peter Blunschi
Der «heilige» Sumo-Sport wird von Skandalen erschüttert.

Der «heilige» Sumo-Sport wird von Skandalen erschüttert.

Auf den ersten Blick gibt es einige Ähnlichkeiten zwischen Sumo und Schwingen – nur dass der japanische Nationalsport viel ritualisierter und tief im Shintoismus, der japanischen Staatsreligion, verankert ist. Stolz verweisen die Hüter der Tradition auf die 1300-jährige Geschichte des japanischen Ringkampfs. Die Realität sieht weniger schön aus: Seit Jahren wird Sumo mit Korruption, Drogenkonsum und getürkten Kämpfen in Verbindung gebracht.

Der jüngste Skandal aber übertrifft alles bisherige und droht den Sport in seinen Grundfesten zu erschüttern. Am Mittwoch hat die Polizei in Tokio zwei Sumo-Schulen (auch Ställe genannt) durchsucht, um Beweise für einen Wettskandal sicherzustellen. Es geht um illegale Wetten auf Profi-Baseballspiele, ein Geschäft, das von der Yakuza kontrolliert wird, der japanischen Mafia. Der erzkonservative Sumo-Verband sah sich deshalb zum Handeln gezwungen.

Ringer ausgeschlossen

Am letzten Sonntag hat er den 32-jährigen Keiji Tamiya ausgeschlossen, bekannt unter dem Kampfnamen Kotomitsuki. Er hatte die zweitoberste Klassierung eines Ozeki erreicht und ist damit der ranghöchste Sumo-Ringer, der je aus dem Sport verbannt wurde. Ebenfalls gefeuert wurde sein Stallmeister Takakoshi Matsumoto, genannt Otake, 18 weitere Ringer wurden für das nächste Turnier in Nagoya gesperrt. Der Verband reagierte damit auf eine Studie, wonach mindestens 65 seiner 700 Mitglieder in illegale Wetten verwickelt sind.

Der Skandal unterstreicht die Verbindungen des «heiligen» Sumo-Sports mit dem organisierten Verbrechen, die von Verbandsfunktionären und Politikern seit Jahren verdrängt und heruntergespielt wurden. Deutlich wurden sie vor zwei Monaten an einem Turnier in Tokio, als rund 50 Mitglieder von Yamaguchi-gumi, Japans grösstem Verbrechersyndikat, die besten Plätze direkt am Ring erhalten hatten und sich so im Fernsehen zeigen konnten – laut japanischen Medien eine Geste der Solidarität mit einem inhaftierten Mafiaboss.

Tödliches Mobbing

Längst werden Rufe nach einem Rücktritt der Verbandsführung laut. Sie sei «so gut wie tot», schrieb etwa die Zeitung «Asahi Shimbun». Denn neben dem Wettskandal haben weitere Vorfälle dem Sumo-Ringen geschadet. Im Dezember wurde ein Trainer zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, weil er an der Tötung eines 17-jährigen Nachwuchsringers beteiligt war – er war regelrecht zu Tode gequält worden. Und im Februar wurde Asahoryu, der Dominator der letzten Jahre, nach einer Barschlägerei in Tokio zum Rücktritt gezwungen.

Die negativen Schlagzeilen blieben nicht ohne Folgen. Der Verband kämpft mit Nachwuchsproblemen – längst wird Sumo von Ausländern dominiert. Die besten Ringer stammen aus der Mongolei (so auch Asahoryu), sie kommen aber auch aus Bulgarien, Estland oder Georgien. Für traditionsbewusste Japaner ein Graus. Die Zuschauerzahlen an den Turnieren nehmen laufend ab – vor allem jüngere Japaner können mit der ritualisierten Welt immer weniger anfangen. Auch Sponsoren ziehen sich zurück.

Fernsehen steigt aus

Stattdessen kommt das Geld nun offensichtlich aus der Unterwelt. Der Fernsehsender NHK hat deshalb die Konsequenzen gezogen: Zum ersten Mal in seiner 57-jährigen Geschichte wird er das nächste Turnier in Nagoya, das am Sonntag beginnt und 14 Tage dauern wird, nicht live übertragen. Für viele Kritiker sind die Probleme im Sumo symptomatisch für die verkrusteten Strukturen eines Landes, dessen Wirtschaft sich seit bald 20 Jahren in einer Dauerkrise befindet und das Mühe hat, sich gegen aussen zu öffnen.

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