Russland: Feuer könnten radioaktive Stoffe freisetzen
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RusslandFeuer könnten radioaktive Stoffe freisetzen

Die Jahrhundertwaldbrände nehmen ungeahnte Dimensionen an: Flüge werden gestrichen und ein Getreideexport-Verbot eingeführt. Experten befürchten, dass es sogar noch schlimmer kommen könnte.

Angesichts der verheerenden Waldbrände in Russland befürchten die Behörden, dass in Gebieten, die bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor knapp einem Vierteljahrhundert verstrahlt wurden, radioaktive Stoffe freigesetzt werden könnten.

«Wir kontrollieren sorgfältig die Situation in der Region Brjansk, besonders im Süden im Distrikt Nowosybkow, der infolge der Tschernobyl-Katastrophe schwer verunreinigt wurde», sagte Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu vor den Medien in Moskau. «Wenn dort ein Feuer ausbricht, könnten mit dem Rauch radioaktive Partikel emporsteigen.»

Trotz des starken Rauchs, der die Löscharbeiten behindere, sei die Lage aber derzeit unter Kontrolle, teilte die Feuerwehr nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax mit. Die ukrainischen Behörden bezeichneten die Lage im Gebiet Tschernobyl als derzeit ungefährlich. «Es besteht heute kein Grund zur Beunruhigung», sagte Behördensprecher Sergej Wus.

Die Region Brjansk, die im Westen Russlands an die Ukraine und Weissrussland grenzt, wurde im April 1986 durch die radioaktive Wolke aus dem Atommeiler Tschernobyl erheblich verseucht. Die Explosion des Reaktors ist die grösste Reaktorkatastrophe der Geschichte. Dabei wurden grosse Teile Europas, vor allem aber die damaligen Sowjetrepubliken Ukraine, Weissrussland und Russland verstrahlt.

Wegen Feuer fallen Flüge aus

Die Waldbrände in Russland haben am Freitag in Moskau zu dichtem Smog mit einer Sichtweite von stellenweise nur wenigen Metern geführt. Bis zum Morgen mussten deshalb auf dem Flughafen Domodedowo 15 Flüge umgeleitet werden, wie eine Sprecherin sagte. Auch Abflüge verzögerten sich. Die Sichtweite auf den Rollbahnen betrug laut Berichten russischer Nachrichtenagenturen nur noch 400 Meter, halb so weit wie normal. Die Fluglotsen boten allen ankommenden Flugzeugen eine Umleitung zu anderen Flughäfen in der Nähe an.

Der dichte Rauch drang auch in Wohnungen und Büros ein, bei vielen Bewohnern der russischen Hauptstadt löste er Hustenreiz aus. Die Messungen für Luftschadstoffe wie Kohlenmonoxid lagen vier Mal so hoch wie üblich, es war damit die stärkste bislang verzeichnete Luftverschmutzung in Moskau. Nach Angaben des Ministeriums für Notlagen loderten am Freitag mehr als 500 Brände. Bislang kamen mindestens 50 Menschen in den Flammen ums Leben, bis zu 2000 Wohnhäuser wurden zerstört. Die Behörden haben eingeräumt, dass die derzeit eingesetzten 10 000 Feuerwehrleute möglicherweise nicht ausreichen.

Einsatzkräfte transportierten Sprengstoff und Munition aus gefährdeten Militäreinrichtungen ab. Brände in der Nähe einer Atomforschungsanlage in Sarow wurden mit Hilfe von Flugzeugen, Hubschraubern und Robotern bekämpft. Auch ein Tierheim mit Hunderten Bewohnern war von den Flammen bedroht.

Noch mehr Kräfte werden eingesetzt im Kampf gegen das Feuer

Die Katastrophe nimmt mittlerweile ungeahnte Dimensionen an. Nun hat Russland angekündigt, noch stärker gegen das Feuer zu kämpfen. Bis Montag will Regierungschef Wladimir Putin einen Plan für die bessere technische Ausstattung der Feuerwehren und einen intensiveren Brandschutz vorlegen. Das berichtete die russische Regierungszeitung «Rossijskaja Gaseta» am Freitag. Demnach soll etwa auch der zusätzliche Einsatz von Löschflugzeugen sowie die Bewachung besonders gefährlicher Objekte festgelegt werden, sagte Putin nach Angaben der Zeitung. Dem Bericht zufolge schätzt die russische Führung die Lage weiter als «katastrophal» ein.

In dem tagelangen Kampf gegen die Jahrhundert-Brände in Russland gibt es bisher kaum Erfolgsmeldungen. Die Hauptstadt Moskau war am Freitag wieder in Smog von den Torfbränden des Umlandes gehüllt. Russische Medien berichteten, dass es bei der anhaltenden schweren Dürre und Temperaturen von oft um die 40 Grad Celsius immer wieder neue Brandherde gebe. Eine Entspannung ist nicht in Sicht.

«Die Not ist wirklich gross»

Kremlchef Dmitri Medwedew kündigte im Gespräch mit Putin an, dass die Präsidialverwaltung stärker als bisher in die Krisenbekämpfung eingeschaltet werde. «Die Not ist wirklich gross. Deshalb sollten alle arbeiten», sagte Medwedew. Inzwischen hat die Feuersbrunst auch auf die russische Teilrepublik Dagestan in der Konfliktregion Nordkaukasus übergriffen. Dort vernichteten die Waldbrände in einem Dorf fast 60 Häuser.

Landesweit sind seit Beginn der Brände Hunderte Häuser zerstört worden. Nach offiziellen Angaben starben 50 Menschen. Hunderte wurden verletzt, Tausende sind auf der Flucht vor den Flammen. Hilfsorganisationen und Beobachter gehen davon aus, dass die Opferzahl und die Schäden grösser sind als bisher von den Behörden bekanntgegeben. Medien berichten von massiven Zerstörungen in der Provinz.

Allein die Schäden durch Ernteeinbussen übersteigen umgerechnet eine Milliarde Euro. Zudem müssen mehr als 200 000 Hektar Wald aufgeforstet werden.

Russland leidet seit Wochen unter einer Hitzewelle und Dürre. Der Juli war der heisseste seit Beginn der Aufzeichnungen vor 130 Jahren, und auch für die kommenden Tage wurde keine Wetterveränderung vorhergesagt.

(sda/dapd)

Russische Getreide-Lobby fordert Aufschub des Exportverbots

In Russland fordert die Landwirtschafts- Lobby eine Aufweichung des geplanten Getreide-Exportverbots, das wegen der Waldbrände erlassen worden war. Die Regierung sollte das Verbot um zwei Wochen auf den 1. September verschieben.

«200'000 Tonnen Getreide werden derzeit auf Schiffe verladen, 450'000 weitere Tonnen sind auf dem Weg in die Häfen. Wir denken, sie sollten exportiert werden», sagte der Sprecher der russischen Getreide-Vereinigung, Anton Schaparin, am Freitag. Zudem sollte das Verbot nur zwei Monate und nicht wie von der Regierung geplant bis zum 31. Dezember dauern. Mit dem Exportverbot reagiert die Regierung auf Ernteverluste, die durch die verheerenden Waldbrände und die seit Wochen andauernde Dürre entstanden sind. Der staatliche Getreidehändler UGC teilte mit, die Sicherheitsmassnahmen um den Staatsbestand zu verschärfen.

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