FIFA-Urteil: Huggel kann WM vergessen
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FIFA-Urteil: Huggel kann WM vergessen

Die FIFA verdonnerte Benjamin Huggel zu einer Sperre von sechs Spielen. Die Türkei muss sechs Geisterspiele auf neutralem Boden bestreiten. Der türkische Verband will dagegen rekurrieren.

Die Türkei muss als Folge der Vorkomnisse rund um die WM- Barrage-Partie gegen die Schweiz am 16. November die nächsten sechs Pflichtspiele auf neutralem Terrain und ohne Zuschauer austragen. Benjamin Huggel wurde wie Alpay und Emre mit sechs Spielsperren belegt.

84 Tage nach den Auseinandersetzungen im Kabinengang des Istanbuler Sükrü-Saraçoglu-Stadions gab die FIFA- Diszplinarkommission unter dem Vorsitz von Salman Bin Ebrahim Al- Khalifa gestern ihr Urteil bekannt. Der türkische Verband muss als Folge der ungenügenden Sicherheitsmassnahmen im Kabinengang die nächsten sechs Pflichtspiele mindestens 500 km ausserhalb der Türkei in einem der UEFA angeschlossenen Land und ohne Zuschauer austragen sowie eine Busse in der Höhe von 200 000 Franken zahlen. De facto bedeutet dies, dass die Türken die sechs Heimspiele der Qualifikation zur Euro 2008 in der Schweiz und in Österreich nicht in der Heimat austragen können.

Huggels Nati-Karriere zu Ende?

Weniger hart ging die FIFA in ihrem Urteil gegen die als Prügler auftretenden Spieler vor. Alpay und Huggel, die auch auf TV-Bildern entlarvt wurden, müssen die nächsten sechs Pflichtspiele ihres Nationalteams aussetzen. Die Strafe für den Schweizer Mittelfeldspieler ist faktisch jedoch deutlich härter. Weil die Schweiz als Gastgeberin für die EM 2008 gesetzt ist, entfallen die Qualifikationspiele. So wird Huggel auch noch für Partien der EM in zwei Jahren gesperrt sein - ausser die Schweiz erreicht in Deutschland den Halbfinal. Damit könnte Huggels Nati-Karriere beendet sein. Alpay und Emre werden hingegen nach der Hälfte der EM-Qualifikation schon wieder spielen können.

«Uns liegt die schriftliche Urteilsbegründung noch nicht vor», erklärte Huggels Anwalt Marco Balmelli. Vorher könne er sich nicht äussern, dennoch bezeichnete Balmelli das Strafmass als «sehr, sehr hart». Neben der Sperre muss Huggel wie auch Alpay und Emre 15 000 Franken Busse bezahlen. Der Schweizer Verband verzichtete gestern vorerst bewusst auf eine Reaktion, während die Türken bereits ankündigten, gegen das Urteil bei der FIFA-Beschwerdekommission zu rekurrieren.

Der türkische Verteidiger Serkan und der Schweizer Physiotherapeut Stephan Meyer, der Fähnchen, welche die Fans nach dem zweiten Schweizer Tor zu Hunderten Richtung Schweizer Bank geschleudert hatten, ins Publikum zurückwarf, werden für zwei Partien gesperrt. Nicht bestraft wurde dagegen Fatih Terim, der in jedem seiner öffentlichen Auftritte die Medien und Zuschauer sowie während der Partie seine Spieler aufheizte. Wiederholt stand der türkische Trainer zudem in der Schlussphase weit im Spielfeld, ohne dafür sanktioniert zu werden.

Am härtesten bestrafte die FIFA den inzwischen zurückgetretenen türkischen Assistenztrainer Mehmet Özdilek, der für ein Jahr für «alle fussballbezogenen Aktivitäten innerhalb von Verbänden, Konföderationen und der FIFA gesperrt» wird. Laut TV-Bildern hatte Özdilek mit einem Beinstellen gegen Valon Behrami die dokumentierten Schlägereien ausgelöst, bevor er von Huggel in die Wade getreten wurde. Anschliessend kam es zum Fusstritt Alpays gegen den in den Kabinengang rennenden Marco Streller sowie der neuerlichen Racheaktion Huggels gegen Alpay.

Der türkische Verbandspräsident Haluk Ulusoy, der das Urteil in Zürich entgegennahm, zeigte sich «entsetzt» über das Verdikt der FIFA, die einem faktischen Ausschluss von EM gleichkomme. «Ich kann das harte Urteil gegen den Verband nicht verstehen», erklärte der im Nobelhotel Baur Au Lac logierende Ulusoy. Die Türkei werde in jedem Fall Rekurs gegen das Urteil einlegen - notfalls bis zum Sportgerichtshof CAS in Lausanne. «Ich erwarte auf jeden Fall eine Milderung der Strafe», so Ulusoy.

In einer ersten Reaktion bezeichnete auch der türkische Sportminister Mehmet Ali Sahin die verhängte Strafe als «inakzeptabel». Rund um das WM-Barragespiel gegen die Schweiz habe es keinerlei Fan-Ausschreitungen gegeben, die eine solche Strafe rechtfertigen würden, sagte der Minister dem türkischen Nachrichtensender NTV. Allerdings mussten die Schweizer Journalisten vor dem Spiel mit Polizeischutz ins Stadion begleitet werden, und die mitgereisten Anhänger wurden nach Spielschluss mit einem Farbeimer beworfen.

Trotz der verhältnismässig langen Untersuchungsdauer von fast drei Monaten, brachten die Ermittlungen und Befragungen keine eindeutigen Erkenntnisse über die Vorkomnisse im Kabinengang. ARD- Reporter Nick Golüke, einziger «neutraler» Beobachter im Kabinengang, wurde erst in der letzten Woche überhaupt befragt. Und nach Berichten der FIFA-Beobachter vor Ort soll der türkische Keeper Volkan die Türe zur Schiedsrichter-Kabine eingetreten haben. Noch immer unklar ist auch, wer Stéphane Grichting mit einem Tritt schwer im Unterleib verletzte.

Das FIFA-Urteil im Wortlaut

Im Hauptverfahren gegen den türkischen Fussballverband:

- Der türkische Fussballverband muss die nächsten 6 Heimpunktspiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf neutralem Boden, in einem der UEFA angeschlossenen Land und mindestens 500 km von der türkischen Grenze entfernt austragen. Der Verband muss zudem alle mit der Organisation dieser sechs Spiele verbundenen Kosten tragen.

- eine Geldstrafe von CHF 200 000 (plus Verfahrenskosten von CHF 20 000)

In den Einzelverfahren gegen:

a) Alpay Ozalan (Türkei, Spieler)

- eine Sperre für 6 Punktspiele seiner Nationalmannschaft. Die Sperre wird auf die nächsten Punktspiele der Nationalmannschaft übertragen.

- eine Geldstrafe von CHF 15 000 (plus Verfahrenskosten von CHF 1000)

b) Emre Belozoglu (Türkei, Spieler)

- eine Sperre für 6 Punktspiele seiner Nationalmannschaft. Die Sperre wird auf die nächsten Punktspiele der Nationalmannschaft übertragen.

- eine Geldstrafe von CHF 15 000 (plus Verfahrenskosten von CHF 1000)

c) Serkan Balci (Türkei, Spieler)

- eine Sperre für 2 Punktspiele seiner Nationalmannschaft. Die Sperre wird auf die nächsten Punktspiele der Nationalmannschaft übertragen.

- eine Geldstrafe von CHF 5000 (plus Verfahrenskosten von CHF 500)

d) Mehmet Ozdilek (Türkei, Assistenztrainer)

- wird mit Datum der Urteilseröffnung für 12 Monate für alle fussballbezogenen Aktivitäten (administrative, sportliche oder sonstige Aktivitäten) innerhalb von Verbänden, Konföderationen und der FIFA gesperrt.

- eine Geldstrafe von CHF 15 000 (plus Verfahrenskosten von CHF 1000)

e) Benjamin Huggel (Schweiz, Spieler)

- eine Sperre für 6 Punktspiele seiner Nationalmannschaft. Die Sperre wird auf die nächsten Punktspiele der Nationalmannschaft übertragen.

- eine Geldstrafe von CHF 15 000 (plus Verfahrenskosten von CHF 500)

f) Stephan Meyer (Schweiz, Physiotherapeut)

- eine Sperre für 2 Punktspiele seiner Nationalmannschaft. Die Sperre wird auf die nächsten Punktspiele der Nationalmannschaft übertragen.

- eine Geldstrafe von CHF 6500 (plus Verfahrenskosten von CHF 500)

Die Urteile werden den beteiligten Parteien zunächst im so genannten Dispositiv und innerhalb von 30 Tagen mit ausführlicher Begründung zugestellt.

Mit Ausnahme der Entscheide gegen Serkan Balci und Stephan Meyer sind gegen alle übrigen erstinstanzlichen Entscheide der Disziplinarkommission bei der Berufungskommission der FIFA Rekurse möglich, bevor im Einklang mit den FIFA-Statuten das internationale Sportschiedsgericht (CAS) in Lausanne als letzte Instanz angerufen werden kann.

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