Nach Exhumierung - Findelkind Johannes Seluner zum zweiten Mal beerdigt
Aktualisiert

Nach Exhumierung Findelkind Johannes Seluner zum zweiten Mal beerdigt

Niemand weiss, wer Johannes Seluner war und woher er kam. Ende des 19. Jahrhundert sind viele Gerüchte zum «Findling» erzählt worden. Nach seinem Tod 1898 wurde er 1926 exhumiert. Am Donnerstag hat er nun endgültig seine letzte Ruhe gefunden.

von
Shila Ochsner
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Johannes Seluner wurde fast hundert Jahre nach seiner Exhumierung nun endlich die letzte Ehre erwiesen.

Johannes Seluner wurde fast hundert Jahre nach seiner Exhumierung nun endlich die letzte Ehre erwiesen.

Bistum St. Gallen
Das ist das einzige Bild, das von Johannes Seluner existiert. 

Das ist das einzige Bild, das von Johannes Seluner existiert.

Wikimedia Commons
Am Donnerstag wurde er in seiner Heimatgemeinde in Nesslau beerdigt –  zum zweiten Mal.

Am Donnerstag wurde er in seiner Heimatgemeinde in Nesslau beerdigt – zum zweiten Mal.

Bistum St. Gallen

Darum gehts

  • 1844 wurde ein junger Bursche fast nackt und gehörlos am Seluner Berg gefunden.

  • «Der Findling» passte nicht zur damaligen Normalität. Das schürte Geschichten und Legenden.

  • Fast 40 Jahre nach seinem Tod wurde Johannes Seluner, wie er genannt wurde, 1926 für eine sogenannte Rassenbestimmung exhumiert.

  • Letzten Donnerstag wurde er – 123 Jahre nach seinem Tod– in seiner Heimatgemeinde zur wirklich letzten Ruhe gebettet.

Am 9. September 1844 hatte der Senn Niklaus Baumgartner einen namenlosen jungen Burschen fast nackt, und gehörlos am Seluner Berg entdeckt. Da niemand wusste, wer er war und woher er gekommen ist, wurde er damals an die Behörden von Alt St. Johann SG übergeben, wo ihn ein Arzt auf 15 bis 20 Jahre schätzte. In einem Steckbrief, mit dem man die Eltern des Burschen finden wollte, wurde er als schwarzhaariger, taubstummer, zirka 1,55 Meter grosser Junge mit «tölpelhaften Zügen» mit «läppischen Gang und vorhängendem Oberkörper» beschrieben. Die Identität blieb ungeklärt, aber es wurden wilde Gerüchte um ihn verbreitet.

Dem jungen Mann wurde der Name Johannes Seluner gegeben, abgeleitet vom Ortsnamen Alt St. Johann SG und dem Berg Selun, wo er gefunden wurde. 1850 erhielt er das Nesslauer Bürgerrecht und vier Jahre später wurde er ans Armenhaus seiner Heimatgemeinde, das Bürgerheim Untersteig, überstellt.

Das Kreuzzeichen kannte Seluner

Johannes Seluner ist am 20. Januar 1898 nach einer kurzen Krankheit gestorben. Vorher wurde er aber noch katholisch getauft. Da er katholische Gesten wie das Kreuzzeichen kannte, ging man davon aus, dass er katholisch war. Eine Menge Leute kamen zur Beerdigung drei Tage nach seinem Tod. Die Geschichten und Legenden um Johannes Seluner haben bei seinem Ableben grosse Wellen geschlagen – bis in die USA.

1926 wurde das Skelett von Johannes Seluner dann exhumiert, da sich auch die Wissenschaft für seine Herkunft interessierte. Im Anthropologischen Institut der Universität Zürich wurde sein Skelett im Rahmen der damals praktizierten «Rassenforschung» vermessen, was allerdings einzig zur Feststellung führte, dass er «ein geistig zurückgebliebener Angehöriger der zentraleuropäischen Rasse» gewesen sei.

Warum wurde Seluner exhumiert?

Der Anthropologe Otto Schlaginhaufen interessierte sich in den 1920er-Jahren für die Herkunft und Bestimmung von sogenannten «Menschenrassen». Die damalige Eugenik (~Erbgesundheitsforschung) ging davon aus, dass es «höher-und minderwertigen Menschenrasse» gibt. «Man dachte, nur weil Seluner nicht dem damaligen Standard entsprach, dass man bei ihm beispielsweise Neandertaler-Merkmale nachweisen könnte. Dies wäre heute undenkbar», sagt Professor Christoph Zollikofer. «Abgesehen davon, dass es keine Rassen gibt, kann man am Skelett einer einzelnen Person nicht festlegen, woher sie kommt – wir sind alle so verschieden», fügt er hinzu.

Die wirklich letzte Ehre

Jahre später setzten sich nun der Anthropologe Christoph Zollikofer und die Anthropologin Marcia Ponce de León für eine menschenwürdige Bestattung in Seluners zugewiesener Toggenburger Heimat ein. «Das Skelett ist über die Jahre in Vergessenheit gegangen», sagt Zollikofer.

Am Donnerstag, genau 177 Jahre nachdem er gefunden wurde, ist Seluner nun ein zweites Mal auf dem Friedhof Neu St. Johann SG im kleinen Kreis beerdigt worden. Um Johannes Seluner eine letzte Ehre zu erweisen, kam die Gemeinde Nesslau für sein Grabmal auf und Marcia Ponce de León, ehemalige Kuratorin am Anthropologischen-Institut der Uni Zürich, spendete die Grabkiste, welche extra im Stil des 19. Jahrhunderts angefertigt wurde. «Es geht einem als Anthropologe schon nahe, wenn man sieht, wie schlecht Menschen behandelt wurden», sagt Zollikofer. Johannes Seluner kann nun endlich Ruhe finden und ist kein «Sklave der Öffentlichkeit» mehr.

Jahreszahlen wurden aus früherer Verison korrigiert.

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