Aktualisiert 23.07.2012 11:46

Initiative für FusionFinden die beiden Basel wieder zusammen?

In zehn Jahren könnte die Schweiz nur noch aus 25 Kantonen bestehen: Ein breit aufgestelltes Komitee will Basel wiedervereinigen. Doch die Baselbieter SVP rüstet sich für den Abwehrkampf.

von
Simon Hehli
Die Baselstädter haben die beiden Baselbieter FCB-Helden Marco Streller (links) und Alex Frei für sich vereinnahmt - und die Landschäftler pilgern gerne ins Joggeli. Doch das heisst noch lange nicht, dass die beiden Kantone bald fusionieren.

Die Baselstädter haben die beiden Baselbieter FCB-Helden Marco Streller (links) und Alex Frei für sich vereinnahmt - und die Landschäftler pilgern gerne ins Joggeli. Doch das heisst noch lange nicht, dass die beiden Kantone bald fusionieren.

Die stolzen Stadtbasler erlitten an diesem heissen Sommertag des 3. August 1833 ein blutiges Debakel: Die Strafexpedition gegen die abtrünnigen Landschäftler brach unter dem Kugelhagel der Verteidiger an der Hülftenschanze bei Frenkendorf zusammen. 63 Städter starben, mehr als hundert wurden verletzt – vor allem bei den Rückzugsgefechten. Die damalige Regierung der Eidgenossenschaft, die Tagsatzung, schickte Truppen, um ein weiteres Blutvergiessen im Bürgerkrieg zu verhindern. Noch im August wurde der Kanton Basel-Landschaft aus der Taufe gehoben.

Damals galt die Stadt als konservativ. Die Baselbieter verfochten hingegen liberale Ideen: Sie, die früheren Untertanen der Städter, wollten es nicht mehr länger hinnehmen, dass sie im Grossen Rat nur einen Drittel der Sitze erhielten, obwohl sie knapp zwei Drittel der Bevölkerung stellten. Heute ist Basel-Stadt einer der progressivsten Kantone der Schweiz. Was sich jedoch nicht geändert hat: Die Skepsis in Bezug auf einen geeinten Kanton ist auf dem Land grösser als in der Stadt. Das wissen auch die Politiker und Wirtschaftsvertreter, die derzeit einen neuen Anlauf für eine Fusion nehmen. Sie müssen in erster Linie die Baselbieter überzeugen.

Region Basel als einheitlicher Lebensraum

Am 3. August, exakt 179 Jahre nach der Entscheidungsschlacht, wird ein überparteiliches Komitee seine Initiative offiziell lancieren. Ziel ist es, die beiden Kantone bis in zehn Jahren wiederzuvereinigen. Im Komitee vertreten sind die beiden früheren SP-Regierungsmitglieder Barbara Schneider (BS) und Peter Schmid (BL), die Baselbieter CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter, Lorenz Nägelin, Fraktionschef der SVP Basel-Stadt, und Marc Jaquet, der Präsident des Arbeitgeberverbandes Basel. Eine treibende Kraft ist jedoch vor allem der neue Liestaler Stadtpräsident Lukas Ott.

1969 stimmten die Basler zuletzt über die Wiedervereinigung ab. In der Stadt sagten 66 Prozent Ja, in der Landschaft nur 41. Doch Ott ist überzeugt, dass sich vor allem im Baselbiet die Verhältnisse in den letzten 43 Jahren geändert haben. Es sei eine neue Generation, die beginne, die Geschicke des Kantons zu bestimmen – Leute, welche die Region Basel als einheitlichen Lebensraum wahrnähmen.

Stadtflucht könnte Fusion begünstigen

«Anlässe wie die Fasnacht und Institutionen wie der FCB, der Zolli, die Universität oder die Messe sind auch für uns Baselbieter emotional von grosser Bedeutung», betont Ott. Im Gegenzug hätten die Städter auch die Baselbieter Sportstars Roger Federer, Marco Streller oder Alex Frei für sich vereinnahmt.

Zudem ist der «Speckgürtel», die Agglomeration rund um Basel, stark gewachsen. Zahlreiche Städter sind wegen der begrenzten Bauflächen des nur 37 Quadratkilometer kleinen Stadtkanton in die nahen Unterbaselbieter Gemeinden gezogen – orientieren sich aber weiterhin an der Stadt. Damit hätten sich die demografischen Gewichte zugunsten eines Zusammenschlusses verschoben, glaubt Ott: «Nur noch in den bäuerlichen, stadtfernen Dörfern ist die Ablehnung massiv.»

Vom 1994 zu Baselland gestossenen Bezirk Laufen mit seinen 20 000 Einwohnern erhofft sich der Grüne ebenfalls Unterstützung. Er verweist darauf, dass die Laufentaler in den 90er-Jahren auch mit einem Beitritt zu Basel-Stadt geliebäugelt hätten – was damals jedoch mangels einer gemeinsamen Grenze nicht möglich war.

Höhere Steuern als Abschreckung

Mindestens so optimistisch wie Ott ist sein Gegenspieler Oskar Kämpfer, der Baselbieter SVP-Präsident. Während es unter seinen Stadtbasler Parteikollegen Sympathien für den Zusammenschluss gibt, kommt dieser für Kämpfer nicht in Frage. Seine Kantonalpartei habe mit ihrem erfolgreichen Widerstand gegen Baselbieter Zuschüsse für städtische Institutionen wie das Theater oder das Sinfonieorchester bewiesen, dass sie Abstimmungen auch im Alleingang gewinnen könne. «Das Nein zu mehr Kulturausgaben zeigt auch, dass wir eine ganz andere Mentalität haben als die Städter.»

Nur weil auch viele Baselbieter gerne an FCB-Spiele pilgerten, heisse das noch lange nicht, dass sie auch eine Fusion wollten, sagt Kämpfer. Er wehrt sich einerseits aus staatsphilosophischen Überlegungen gegen die Fusion: Die Schweiz sei der beste Beweis, dass politische Entscheidungen auf möglichst tiefer Stufe gefällt werden sollten. «Der Weg zu möglichst grossen Gebilden war noch nie erfolgreich, das zeigt das Extrembeispiel Sowjetunion.»

Andererseits zieht Kämpfer aber auch ganz handfeste Gründe bei: Er warnt seine Mitbürger vor höheren Steuern. Zwar spötteln die Städter gerne über die hohen Defizite von Baselland. Doch für den SVP-Mann ist die langfristige Perspektive entscheidend. Basel-Stadt habe eine riesige Beamtenschaft und einen Schuldenberg von 3,5 Milliarden Franken, Baselland nur 900 Millionen. «Irgendwann steigen die Zinsen wieder. Wenn wir dann mithelfen müssen, diese Schulden zu tilgen, wird es teuer.»

Appell ans Erbe des Revolutionsführers

Im September werden Kämpfer und Gleichgesinnte ihr Gegenkomitee präsentieren. Er geht davon aus, auch prominente FDP-Politiker und Wirtschaftsvertreter ins Boot holen zu können. So glaubt er, selbst den stadtorientierten Bezirk Arlesheim, der 1969 klar für die Fusion stimmte, von einem Nein überzeugen zu können. «Die Leute werden sich an den Baselbieter Revolutionsführer von 1833 erinnern. Stephan Gutzwiller stammte selbst aus der Region.»

Wie ist die Stimmungslage in den beiden Basel? 20 Minuten Online hat sich in der Region umgehört, symbolhafte Orte von Trennung und Einheit besucht und mit tonangebenden Politikern gesprochen. Sehen Sie am Dienstag die Videoreportage.

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