Inspektoren in Syrien: Findet Spiez Beweise für Assads C-Waffen?
Aktualisiert

Inspektoren in SyrienFindet Spiez Beweise für Assads C-Waffen?

Ein Dutzend Chemiewaffen-Inspektoren macht sich für den Einsatz in Syrien bereit. Stefan Mogl vom ABC-Labor in Spiez über die schwierige und gefährliche Suche nach der Wahrheit.

von
K. Ramezani

Wurden in Syrien Chemiewaffen eingesetzt? Wenn ja, von wem? Im März beauftragte UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon den Schweden Åke Sellström, mit einer Expertengruppe ins Kriegsgebiet zu reisen und diesen Fragen nachzugehen. Stefan Mogl vom Labor Spiez, der früher Waffeninspektor war, erklärt im Interview, was die Waffeninspektoren dort erwartet.

Herr Mogl, die Waffeninspektoren für die Syrien-Mission stehen bereit. Kann es sein, dass die Aktion noch abgeblasen wird?

Stefan Mogl: Wenn der UNO-Generalsekretär persönlich eine solche Mission ankündigt, kann davon ausgegangen werden, dass sie stattfindet. Die Frage ist, was die Inspektoren in Syrien finden werden. Seit den angeblichen Chemiewaffen-Angriffen sind mehrere Monate vergangen. Wer weiss, was mit den Beweisen in der Zwischenzeit passiert ist.

Welche Möglichkeiten bestehen denn, etwas zu verschleiern?

Ich würde nicht von Verschleiern reden. Die Frage ist: Welche Informationen beruhen wirklich auf unabhängigen Fakten.

Was sind solche unabhängige Fakten?

Spuren von Kampfstoffen oder ihrer Abbauprodukte in der Umgebung. Entsprechende Munition oder Bruchstücke davon. Gleichlautende Zeugenaussagen aus verschiedenen Lagern. Proben von Patienten. Letztere dürften in syrischen Spitälern vorhanden sein – ihr Informationsgehalt ist allerdings mit Vorsicht zu beurteilen.

Warum?

Weil unklar ist, wie diese Proben gelagert wurden und vor allem, wer Zugang hatte. Es braucht den Beweis, dass sich niemand an ihnen zu schaffen gemacht und so ihren Informationsgehalt verändert hat. Im Fachjargon spricht man von «chain of custody»: Wenn Sie für einen halben Tag nicht nachweisen können, wo eine Probe war und wer sie beaufsichtigt hat, dann gilt die Beweiskette als gebrochen. Wer einen Bericht erstellen und Proben zur Beweisführung heranziehen will, muss die Beweiskette lückenlos und glaubhaft darlegen können.

Ist das angesichts der Zustände in Syrien realistisch?

Kaum. Das Inspektorenteam um den Schweden Åke Sellström wird deshalb versuchen, eigene Proben zu entnehmen und darin etwas zu finden. Doch dafür braucht man Informationen von Zeugen, wo genau die Geschosse eingeschlagen sind. Nach so langer Zeit in einem Kriegsgebiet ist das sehr anspruchsvoll.

Wie gehen Waffeninspektoren mit dem politischen Druck um?

Der politische Druck ist natürlich enorm. Auf verschiedenen Seiten sind die Meinungen schon gemacht. Anschuldigungen wurden ausgesprochen. Sellströms grosse Herausforderung wird es sein, glaubwürdig darzulegen, dass er völlig neutral an seine Aufgabe herangeht und dass seine Einschätzung wirklich auf Fakten beruht.

Wie sucht er die geeigneten Personen für die Mission aus?

Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellen die entsprechenden Spezialisten zur Verfügung. Darunter sind Chemiker, Waffenspezialisten, Toxikologen und Ärzte. Auch Übersetzer dürften dabei sein, da nicht alle Ansprechpersonen in Syrien Englisch sprechen. Mehr als ein Dutzend Personen werden es nicht sein, um die Logistik überschaubar zu halten. Neben der Kompetenz spielt die Mischung der Nationalitäten eine nicht zu unterschätzende Rolle. Damit niemand sagen kann, das Team sei parteiisch.

Ist die Arbeit gefährlich?

Das dürfte eine der grossen Sorgen Sellströms sein, denn als Einsatzleiter ist er für die Sicherheit seines Teams verantwortlich. Sowohl Regierung als auch Rebellen müssen ihm sicheres Geleit garantieren. Darauf muss er sich verlassen können, denn er selbst kann die Sicherheit nicht gewährleisten. Ich gehe davon aus, dass die UNO diese Zusicherungen bekommen hat, sonst hätte sie die Mission nicht angekündigt.

Wie gross ist das Risiko, vergiftet zu werden?

Das ist die kleinere Sorge, denn dagegen sind die Inspektoren geschützt. In der Umwelt besteht nach so langer Zeit kein Risiko mehr. Wenn sie allerdings auf Behälter stossen, kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass sich darin Kampfstoffe befinden. Waffeninspektoren gehen immer vom grösstmöglichen Risiko aus und schützen sich entsprechend. Ihre Ausrüstung ist vergleichbar mit dem ABC-Schutzmaterial der Schweizer Armee.

Wie muss man sich die Vorbereitung der Inspektoren vorstellen?

Das Team steht seit April bereit. Die einzelnen Experten haben ihre Aufgaben zugewiesen bekommen und sich entsprechend vorbereitet. Wer für die Entnahme von Umweltproben verantwortlich ist, hat sich etwa Gedanken über deren Versiegelung und Transport gemacht. Toxikologen haben einen Fragekatalog zusammengestellt, die Mediziner haben sich überlegt, mit wem sie sprechen wollen. In der Vorbereitung geht es darum, einen reibungslosen Ablauf sicherzustellen, um die Einsatzdauer vor Ort so kurz wie möglich zu halten.

Wie lange bleibt so ein Team vor Ort?

Ich würde sagen wenige Tage. Sie werden irgendwo nicht allzu weit von ihrem Einsatzort ihr Quartier aufschlagen und von dort die Mission lancieren. Die Einsatzdauer hängt auch davon ab, wie lange die Sicherheit der Inspektoren gewährleistet bleibt. Faktisch werden sie eine Eskorte der Regierung oder der Rebellen erhalten, je nachdem, wer das Gebiet kontrolliert, in dem sie sich gerade bewegen.

Wo werden die Proben ausgewertet?

Ich könnte mir vorstellen, dass die OPCW dazu ihr weltweites Labor-Netzwerk aktiviert und die Proben in verschiedene Staaten schickt. Infrage kommen Einrichtungen mit entsprechender Ausrüstung und Renommee. Andererseits spielt wie bei den Inspektoren die Nationalität eine Rolle, sie sollten also im «richtigen» Land stehen.

Das Labor in Spiez käme demnach auch infrage?

Bei Umweltproben könnte Spiez berücksichtigt werden. Die Schweiz ist ein Land, das in diesem Konflikt von beiden Seiten akzeptiert werden könnte.

Stefan Mogl (48) war von 1997 bis 2000 Waffeninspektor bei der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) und danach fünf Jahre Leiter von deren Labor im holländischen Rijswijk. Seit 2007 ist er Chef des Fachbereichs Chemie am Labor Spiez, der nationalen Fachstelle für den Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Kampfstoffen.

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