Aktualisiert 31.10.2011 20:22

Durch den Gamewolf gedrehtFinger weg von unseren Jugendhelden!

Kaum eine Comicfigur, die nicht schon in einem Spiel verbraten wurde. Das neuste Verbrechen wurde an «Tim und Struppi» begangen. Unser Autor fordert darum: «Lasst meine Helden in Ruhe!»

von
Jan Graber
Aus alt mach neu: Die Ikonografie von «Tim und Struppi» wurde zwar übernommen, nicht jedoch der Charme der «Ligne Claire».

Aus alt mach neu: Die Ikonografie von «Tim und Struppi» wurde zwar übernommen, nicht jedoch der Charme der «Ligne Claire».

Als ich das erste Mal davon hörte, dass «Tim und Struppi» als Videospiel umgesetzt werden sollte, ahnte ich Böses. Kann das gut gehen? Wird hier nicht des schnöden Mammons wegen ein weiterer Klassiker zu einem lieblosen Spiel verwurstet?

Zugegeben, den ebenfalls aktuellen «Tim & Struppi»-Film von Steven Spielberg habe ich noch nicht gesehen. Er erhält gute Kritiken. Ich zweifle trotzdem daran, dass er mir gefallen wird. Nicht, weil er schlecht umgesetzt sein könnte. Sondern aus Prinzip.

Auch das Videospiel kann sich beinahe sehen lassen: Die Spielmechanik funktioniert, die Story von «Die Abenteuer von Tim & Struppi: Das Geheimnis der Einhorn» passt. Und dennoch ist das Game für jeden Tim & Struppi-Fan ein Affront.

Die alten Helden

Rückblende. Kindheit. Wir alle, vom krabbelnden Knirps bis hin zum pickeligen Adoleszenten, hatten unsere Helden. Waren es in meiner Jugend Figuren wie Tim und Struppi, Asterix und Obelix, Lukas der Lokomotivführer oder Dominik Dachs, die meine Fantasie beflügelten, begeisterten sich spätere Generationen für die Schlümpfe, die Transformers, die Teletubbies, Scooby Doo, Wonderwoman oder Spongebob Schwammkopf.

Interview Steven Spielberg

Es sind Charaktere, die einen für alle Zeiten prägen. An die «Tim & Struppi»-Abenteuer erinnere ich mich, als hätte ich sie erst gestern gelesen. «Der Schatz Rakhams des Roten», «Reiseziel Mond» oder eben «Das Geheimnis der Einhorn»: Die Bilder aus Hergés Feder sind ikonenhaft in meinem Kopf verankert. Sie erzählten mir von der grossen weiten Welt, geheimnisvollen Ereignissen und speziellen Menschen: Der verwirrte Professor Bienlein, die dumpfbackigen Schulze und Schultze, der polternde aber herzensgute Käpten Haddock, der streberhafte Tim und sein kleiner Freund Struppi – sie alle sind, seit ich ihre Abenteuer mit ihnen bestanden habe, zu meiner Familie geworden.

Neuinterpretation kann funktionieren

Zugegeben, sie sind auch Teil von Steven Spielberg und wohl auch der Entwickler des Games.

Vielleicht sind Hergés Figuren ebenfalls Teil von Ihnen. Weder Sie noch ich kommen jedoch auf die Idee, der Welt unsere Wahrnehmung des Helden aufs Auge zu drücken. Kreative Köpfe unterliegen hingegen dem Drang, uns ihre Interpretation der Welt zu unterbreiten. Das ist auch gut so: In Filmen wie «Schindlers Liste», «München» oder der modernen Adaption der Odyssee «O Brother where art thou?» hat das prima funktioniert.

Dasselbe gilt für Games: Titel wie «God of War», «Dante's Inferno» oder «Batman» haben es immerhin geschafft, unsere Helden nicht zu diskreditieren.

Bilderraub

Unangenehm wird es jedoch, wenn uns Filmer und Entwickler die Helden unserer Jugend in einem neuen Kleid verkaufen wollen. Sie dringen damit in eine höchstpersönliche Privatsphäre ein, brechen gewissermassen ein in unser Oberstübchen und berauben uns unseres ureigenen Helden.

Das Problem liegt in der Umsetzung: Die Ligne-Claire-Zeichnungen von Hergé vermittelten Qualität durch Reduktion. Die Schlichtheit des Strichs und die Einfachheit des Bilds lassen Raum für Interpretationen. Hergés «bandes dessinées» sind gerade deswegen einmalig und unnachahmbar.

Spielberg und Consorten sind jedoch dem Technologiewahn verfallen: Tim und Struppi werden nicht nur dreidimensional gerendert, was sie beliebig macht und ihres einzigartigen Charmes beraubt, sondern sie werden zusätzlich mit stereoskopischem 3D-Effekt versehen. Dies vermag vielleicht den Technikfreak zu begeistern. Alle anderen werden eines Stücks heiler Welt beraubt – einer vagen Erinnerung an ihre Jugend, als die Dinge einfacher schienen und ihre Helden noch echte Helden waren, die nicht auf dem Altar von Technikglauben und Verwertungsdenken geopfert wurden.

Welcher Held aus Ihrer Jugend wurde im Gamewolf verwurstet?

Game-Trailer: «Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn»

Quelle: Youtube

Das Spiel «Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn» ist für Wii, 3DS, PS3, Xbox 360 und PC erschienen.

Verwurstete Helden

Möchten Sie von weiteren Helden hören, die durch den Gamewolf gedreht wurden? Hier sind sie: Der Supergallier Asterix wurde in unzähligen Spielen verbraten. Die schlechtesten erhielten eine Gesamtbewertung von gerade mal 30 Prozent. «Die Abenteuer von Tim & Struppi» werden derzeit mit knapp über 60 Prozent bewertet. «Die drei ???» mussten als Gamefiguren ebenso dran glauben wie die «Transformers», «Micky Maus», «Superman» oder «The Hulk» - in allen Fällen als Protagonisten grottenschlechter Spiele. Einzig die «Herr der Ringe»-Spiele und die neusten «Batman»-Games können als gelungene Beispiele dienen. Kaum vorstellbar aber ist, dass Harry-Potter-Fans von den Games ihres Magierlieblings wirklich verzaubert wurden. Eine der übelsten Bewertungen laut gamerankings.com bekam übrigens das DS-Spiel «Die Schlümpfe». Als Höhenflieger muss dagegen mit über 82 Prozent Wertung «Snoopy Flying Ace» gelten.

Welche Ihrer Helden wurden im Gamewolf verwurstet?

Jan Graber…

… verschob die ersten Gamepixel mit «Space Invaders», «Leisure Suit Larry» sowie «King’s Quest» und entdeckte mit «System Shock» und «Rebel Assault» sein Flair für Actiongames. Heute gibt er sich am liebsten mit Krachern wie «Crysis», intelligentem Futter im Stil von «Fahrenheit und Gummischreddern à la «Forza Motorsport» ab.

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