Aktualisiert 27.01.2020 07:18

BeschattungsaffäreFinma prüft laut Insider Rolle der CS-Spitze

Die Überwachung des früheren Managers Iqbal Khan droht die Credit Suisse in eine Krise zu stürzen, die auch die Unternehmensspitze erfassen könnte.

von
roy
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Die Verantwortlichen der Credit Suisse ziehen aus der Bespitzelungsaffäre Konsequenzen.

Die Verantwortlichen der Credit Suisse ziehen aus der Bespitzelungsaffäre Konsequenzen.

Keystone/Walter Bieri
«Die Überwachung von Iqbal Khan war falsch und unverhältnismässig», heisst es in einer Mitteilung der Grossbank am Dienstag, 1. Oktober 2019.

«Die Überwachung von Iqbal Khan war falsch und unverhältnismässig», heisst es in einer Mitteilung der Grossbank am Dienstag, 1. Oktober 2019.

zVg
Der operative Chef Pierre-Olivier Bouée und der operative Sicherheitschef Remo Boccali sind per sofort zurückgetreten.

Der operative Chef Pierre-Olivier Bouée und der operative Sicherheitschef Remo Boccali sind per sofort zurückgetreten.

Keystone/Walter Bieri

Die Schweizer Finanzmarktaufsicht (Finma) nimmt bei ihrer Untersuchung der Überwachung von zwei früheren Geschäftsleitungsmitgliedern auch die Kontrolle von Konzernchef Tidjane Thiam und anderer Führungskräfte durch den Verwaltungsrat unter die Lupe, wie zwei mit dem Verfahren vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters sagten. Die Finma prüfe, ob Kontrollmängel bei der Schweizer Grossbank zu der Bespitzelung der Manager geführt haben.

Je nach Ergebnis der Untersuchung könnte die Finma eine Erneuerung der Konzernspitze anordnen: Manager und Verwaltungsräte, denen Verstösse gegen die regulatorische Vorgabe der «einwandfreien Geschäftsführung» nachgewiesen werden, könnte sie zum Abgang auffordern. Die Insider erklärten allerdings, dass sich die Untersuchung in einem frühen Stadium befinde und noch keine Schlüsse gezogen worden seien.

Ein Finma-Sprecher lehnte eine Stellungnahme ab. Die Behörde hatte im Dezember angekündigt, einen unabhängigen Prüfbeamten einzusetzen, um aufsichtsrechtlich relevante Fragen der Corporate Governance bei der Bank zu klären.

Ein Credit-Suisse-Sprecher sagte, jede Annahme, dass die Finma ihre Aufmerksamkeit auf die Geschäftsleitung oder den Verwaltungsrat richten könnte, sei Spekulation. Diese sei unbegründet und trage nur dazu bei, das Ergebnis der Prüfung vorwegzunehmen. «Die Finma wird eine unabhängige Prüfung durchführen, die keine Vollzugsmassnahme ist», erklärte der Sprecher. «Die endgültige Verfügung ist noch nicht erlassen und ein Prüfer ist noch nicht ernannt worden.»

Credit Suisse steht seit September unter Druck, als bekannt wurde, dass sie ihren früheren Star-Manager Iqbal Khan durch Privatdetektive beschatten liess. Gemäss der von Credit Suisse eingeleiteten und von der Anwaltskanzlei Homburger durchgeführten Untersuchung gab der frühere Chief Operating Officer Pierre-Olivier Bouee die Überwachung in Auftrag. Sie sollte in Erfahrung bringen, ob Khan versuchen könnte, ehemalige Credit-Suisse-Kollegen abzuwerben. Khan gab seine Aufgabe bei Credit Suisse im Sommer ab und wurde am 1. Oktober Co-Divisionsleiter beim Rivalen UBS, dem weltweit grössten Vermögensverwalter für reiche Privatkunden.

Früheren Angaben der Credit Suisse zufolge wusste Thiam von der Überwachung nichts. Stattdessen habe es sich um einen Alleingang Bouees gehandelt, einem langjährigen Vertrauten Thiams. Der Bank zufolge übernahm Bouee die Verantwortung für den Vorfall und trat zurück. Er selbst äusserte sich nie öffentlich zu der Affäre und Reuters konnte ihn für eine Stellungnahme nicht erreichen.

Ruf des Finanzplatzes auf dem Spiel

Finma-Präsident Thomas Bauer sagte kürzlich in einem Interview, der Einsatz von externen Sicherheitsfirmen sei «per se kein aufsichtsrechtliches Thema», aber die Behörde habe noch offene Fragen zu Dokumentation, Kontrolle, Informationsverhalten und den Kommunikationskanälen in dem Fall.

Einer der Insider erklärte, die Behörde prüfe unter anderem, ob der Verwaltungsrat Thiam bei der Führung der Bank freie Hand gelassen und ihm ermöglicht habe, eine «Bank in der Bank» zu betreiben. Credit Suisse bezeichnete die Beschreibung «Bank in der Bank» als «absurd». «Der Verwaltungsratspräsident und die Verwaltungsräte führen regelmässige und offene Gespräche mit dem CEO über seine Aktivitäten und die Geschäfte der Bank», erklärte der Sprecher. «Die Credit Suisse wird nach den höchsten internationalen Standards geführt, und es ist völlig falsch, etwas anderes zu suggerieren.»

Sollte die Finma Massnahmen anordnen, mit denen die Bank nicht einverstanden ist, könnte die Credit Suisse diese rechtlich anfechten, sagte eine dritte Person.

Die Banken folgen üblicherweise den Anweisungen der Finma. So hatte beispielsweise Raiffeisen, die drittgrösste Bank der Schweiz, im Jahr 2018 ihren Verwaltungsrat umgekrempelt, nachdem die Aufsicht wegen schwerwiegender Verstösse des ehemaligen Chefs eine «Erneuerung» des Instituts gefordert hatte. Gegen Entscheidungen der Finma wurde jedoch auch schon Beschwerde eingelegt, so etwa im Fall der Einziehung von 95 Millionen Schweizer Franken bei der Bank BSI.

Für beide Parteien steht viel auf dem Spiel. Die Credit Suisse arbeitet in einem wettbewerbsintensiven Umfeld und die Finma hat die Aufgabe, den Ruf des Schweizer Finanzplatzes zu schützen. «Die Finma steht unter politischem Druck, diesen Fall zu untersuchen, und die Corporate Governance fällt in ihren Zuständigkeitsbereich», sagt Jura-Professor Peter Kunz von der Universität Bern. «Aber sie müssen illegale Verfehlungen aufdecken, bevor sie das Management der Bank absetzen können.» Ein Sprecher des Schweizer Finanzministeriums sagte, die Finma sei unabhängig, und lehnte weitere Kommentare ab.

Kein isoliertes Ereignis

In Zusammenhang mit dem Beschattungsskandal berichteten lokale Medien auch über ein persönliches Zerwürfnis zwischen Thiam und Khan. Eine Person mit direktem Wissen sagte Reuters, Khan habe ein Haus neben Thiam erworben und zwischen den beiden sei es zu einer Auseinandersetzung wegen eines Bauprojekts auf Khans Grundstück gekommen. Ein Anwalt Khans lehnte eine Stellungnahme ab.

Die mit der internen Untersuchung beauftragte Anwaltskanzlei Homburger erklärte, die persönliche Beziehung zwischen Thiam und Khan sei nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen und es habe keine Hinweise gegeben, dass die Beschattung in Zusammenhang zu möglichen persönlichen Spannungen stehe. Die Kanzlei stellte auch fest, das private elektronische Mitteilungen nur teilweise zur Verfügung standen, andere seien gelöscht worden. Homburger wollte sich gegenüber Reuters nicht weiter zur Untersuchung äussern.

Die Finma hatte erklärt, dass sie im Rahmen der Abklärungen auch die Nutzung von elektronischen Kommunikationsmitteln unter die Lupe nehmen werde. Nach der internen Untersuchung hatte Verwaltungsratschef Urs Rohner betont, die persönliche Überwachung von Mitarbeitern sei nicht Teil des «Werkzeugkastens» der Credit Suisse. Thiam sprach von einem isolierten Ereignis.

Zwei Monate später wurde bekannt, dass die Bank auch den früheren Personalchef Peter Goerke, ebenfalls ein langjähriger Wegbegleiter Thiams, beschatten liess. Goerke konnte für eine Stellungnahme nicht erreicht werden. Auch in dem Fall machte Credit Suisse öffentlich Bouee verantwortlich. Der Verwaltungsrat und das Management, darunter auch Thiam, seien im Dunkeln gelassen worden. Nach diesem zweiten Vorfall wurde Bouee fristlos entlassen.

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