Anne Berner im Interview: «Finnland kann endlich frei und ohne Angst über Russland sprechen»
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Anne Berner im Interview«Finnland kann endlich frei und ohne Angst über Russland sprechen»

Russland ist erzürnt über Finnlands Bestrebungen, der Nato beizutreten. Die Schweiz-Finnin Anne Berner war vier Jahre lang Verkehrsministerin in Finnland. Im Interview spricht sie über den historischen Entscheid, die Angst vor dem Krieg und die Neutralität der Schweiz.  

von
Daniel Graf
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Die Schweiz-Finnin Anne Berner war von 2015 bis 2019 finnische Verkehrsministerin. 

Die Schweiz-Finnin Anne Berner war von 2015 bis 2019 finnische Verkehrsministerin. 

Andre Grimm, Europa Forum
Im Interview spricht sie über den Entscheid Finnlands, ein Nato-Beitrittsgesuch einzureichen.

Im Interview spricht sie über den Entscheid Finnlands, ein Nato-Beitrittsgesuch einzureichen.

ZVG 
Berner ist auch Mitglied des Steering Committees (Lenkungsausschusses) des Europa Forum. 

Berner ist auch Mitglied des Steering Committees (Lenkungsausschusses) des Europa Forum. 

Andre Grimm, Europa Forum

Darum gehts

Moskau reagierte umgehend auf den Entscheid der finnischen Regierung, ein Nato-Beitrittsgesuch zu stellen. Russland werde sich das nicht einfach gefallen lassen, sagte der russische Vize-Aussenminister Sergej Rjabkow am Montag. Sind das leere Drohungen oder haben Sie Angst vor einem Einmarsch Russlands in Finnland?

Anne Berner*: Der finnischen Regierung und der Bevölkerung war bewusst, dass eine Reaktion Russlands erfolgen wird. Wir haben diesen Entscheid sehr sorgfältig abgewogen und sind zum Entschluss gekommen, dass eine Annäherung an die Nato der richtige Weg ist. Wir wollen mit diesem Bündnis verhindern, dass in Finnland je wieder Krieg herrscht. Dieser Wille ging in erster Linie vom Volk aus und wird von der Regierung mitgetragen. Wir glauben nicht, dass Russland mit einer militärischen Operation auf unsere Entscheidung reagieren wird. Die Befürchtung ist eher, dass die Cyberangriffe auf unser Land zunehmen werden. Stromlieferungen wurden ja bereits unterbunden.

Finnland pflegte jahrzehntelang eine Neutralitätspolitik wie die Schweiz. Jetzt könnte es plötzlich schnell gehen mit dem Nato-Beitritt. Schmerzt dieser Schritt die finnische Volksseele?

Das vorherrschende Gefühl ist Erleichterung: Jahrzehntelang musste Finnland sich bei Äusserungen gegenüber Russland zurückhalten und darauf achten, Moskau nicht zu provozieren. Mit dem historischen Entscheid, ein Nato-Beitrittsgesuch zu stellen, kann Finnland sich endlich frei und ohne Angst äussern. Russland spricht der Ukraine die Existenzberechtigung ab, ignoriert Völker- und Menschenrecht, Verträge und militärische Abkommen. Finnland kann Russlands Handlungen jetzt klar verurteilen und für Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenrechte einstehen.

«Die Finninnen und Finnen bemerken den Krieg in Form von Inflation und steigenden Preisen.»

Wie macht sich der Krieg im Alltag der Finninnen und Finnen konkret bemerkbar?

Die Menschen bemerken die Inflation und die steigenden Preise. Der Warenkorb für den täglichen Bedarf ist teurer geworden. Russland war vor der Annexion der Krim 2014 eines der wichtigsten Exportländer für Finnland. Seither ist dieser Export fast komplett zum Erliegen gekommen und viele finnische Unternehmen mussten sich aus Russland zurückziehen. Es gab damals Sanktionen und Gegensanktionen von Russland, die Finnland getroffen haben, etwa beim Import von Lebensmitteln. Finnland hat auch die Abhängigkeit von Russland im Energiesektor stark reduziert. Auch unsere Agrarwirtschaft hat seit Kriegsausbruch gelitten.

Zahlreiche Russen haben in den letzten Wochen und Monaten ihr Land verlassen und die finnische Grenze überquert. Wie gehen die Finninnen und Finnen mit ihnen um?

In Finnland gibt es eine grosse russische Minderheit. Wir ermahnen uns selbst, unsere Wut, Enttäuschung und Unsicherheit nicht an Russinnen und Russen auszulassen, die nicht hinter diesem Krieg stehen. So gehen wir auch mit den russischen Geflüchteten hilfsbereit und solidarisch um, auf den Strassen hört man immer noch viel Russisch. Viele Geflüchtete bleiben auch nicht in Finnland, sondern ziehen weiter in andere Länder.

Sie sind in Helsinki geboren, wohnten für kurze Zeit aber auch in der Schweiz und haben hier Familie. In der Schweiz war die Bedrohung durch Russland vor Kriegsausbruch nie ein Thema. Haben Sie das in Finnland anders wahrgenommen?

Ja. Auch in Finnland hat man zwar nicht gedacht, dass ein Krieg von diesem Ausmass in Europa möglich wäre. Aber Finnland war gewohnt an den Kalten Krieg und die Unberechenbarkeit Russlands. Finnland hat immer Wert darauf gelegt, ein starkes Militär und eine gute Cybersecurity zu haben, um dem grossen Nachbarn die Stirn bieten zu können.

Der Winterkrieg spielt im finnischen Selbstverständnis nach wie vor eine wichtige Rolle.

Im Winterkrieg 1939 gegen die Sowjetunion gelang es Finnland zwar, die Unabhängigkeit zu wahren, dafür bezahlte das Land aber einen hohen Preis. Prägt die Erinnerung an diesen Krieg Finnlands Bild auf den heutigen Krieg?

Ja, der Winterkrieg spielt im finnischen Selbstverständnis nach wie vor eine wichtige Rolle. Die Parallelen zum heutigen Krieg machen auch Hoffnung: Auch damals hatte Moskau die Widerstandskraft und den Willen des angegriffenen Volkes unterschätzt. Es ist traurig, dass jetzt die Ukrainerinnen und Ukrainer den Kampf für Freiheit und Demokratie auf ihren Schultern und auf Kosten von Menschenleben und zerstörten Städten austragen müssen. Doch wir können daraus auch Hoffnung schöpfen: Die Ukraine kämpft stellvertretend für Europa und unterstützt von Europa für unsere Werte. Ich bezweifle, dass die russischen Streitkräfte eine vergleichbare Motivation haben.

Das Europa Forum

Sanktionen, Waffenlieferungen, finanzielle Unterstützung: Die Neutralität ist auch in der Schweiz derzeit ein viel diskutiertes Thema. Wie bewerten Sie die bisherige Haltung der Schweizer Regierung?

Neutralität und der Einsatz für zentrale Werte wie Freiheit und Demokratie schliessen sich nicht aus. Auch in einem neutralen Land muss man diese Werte verteidigen können. Die Sanktionen mitzutragen war der einzig richtige Weg für die Schweiz. Man kann aber nicht erwarten, dass in der Schweiz, wo die Neutralität so eine wichtige Rolle spielt, innerhalb von wenigen Wochen oder Monaten ein Entscheid über Waffenlieferungen in ein Kriegsgebiet gefällt werden kann.

Erhoffen Sie sich mehr Unterstützung von der Schweiz?

Zwischen Gleichgültigkeit, dem grössten Feind der Freiheit, und Waffenlieferungen ins Kriegsgebiet gibt es unzählige weitere Möglichkeiten. Die Schweiz kann auch als neutrales Land mehr machen, um in der Ukraine zu helfen: mit humanitärer Hilfe, finanzieller Unterstützung, dem Bau von Spitälern oder der Ausbildung von Fachkräften in verschiedenen Bereichen. Es gibt sicherlich noch Möglichkeiten, die Unterstützung auszubauen. Die Schweiz hat ausserdem über Generationen hinweg eine funktionierende Direktdemokratie gepflegt. Wenn es gelingt, dieses Wissen und die Erfahrungen in andere Länder zu exportieren, ist das auch ein grosser Beitrag zur Demokratie innerhalb Europas.

Der beste Weg, diesen Krieg zu beenden, ist eine starke, widerstandsfähige Ukraine.

Die Schweiz hat aufgrund ihrer Neutralität in vielen Konflikten ihre guten Dienste anbieten können. Glauben Sie an eine friedliche Beendigung dieses Kriegs am Verhandlungstisch?

Die Frage ist, was eine friedliche Lösung ist. War das Ende des Zweiten Weltkriegs friedlich, weil man verhandelt hat? Die Zerstörung war unfassbar und katastrophal und die Zerstörung ist jetzt auch in der Ukraine unfassbar und katastrophal. Moskau hat mehrere Angebote abgelehnt. Der beste Weg, diesen Krieg zu beenden, ist eine starke, widerstandsfähige Ukraine.

Die Angst vor dem Krieg geht wieder in Europa um – woraus schöpfen Sie trotz allem Zuversicht?

Aus der Solidarität, der Demokratie, der Einigkeit gegen diesen Krieg und die Regierung, die ihn verursacht hat. Aus dem Willen und der Widerstandskraft der Ukrainerinnen und Ukrainer, die nicht aufhören werden, ihr Land, ihre Unabhängigkeit und grundlegende europäische Werte zu verteidigen. 

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