Organraub: Finsterer Verdacht auf dem Balkan
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OrganraubFinsterer Verdacht auf dem Balkan

Erst war er auf der Suche nach CIA-Geheimgefängnissen, jetzt prüft Dick Marty einen Verdacht, der finsterer kaum sein kann: Haben Kosovo-Albaner zum Ende des Kosovo-Kriegs 1998/99 Dutzende Serben ermordet, ihnen Organe entfernt auf dem Schwarzmarkt verhökert?

Ermittler des UN-Kriegsverbrechertribunals fanden 2004 keine eindeutigen Beweise. Auch jüngste Nachforschungen der Nachrichtenagentur Associated Press führten zu keinem eindeutigen Ergebnis. Ihr liegen serbische und UN-Unterlagen vor, wonach in einem abgelegenen Gehöft in Nordalbanien unter anderem Blutflecken, Spritzen, leere Fläschchen eines Muskelrelaxans und andere Gegenstände gefunden wurden. Die Familie allerdings, die in den Bauernhaus in Rripe lebt, bringt für alles plausible Erklärungen vor.

Der grausige Verdacht wurde voriges Jahr von Carla del Ponte publik gemacht, der früheren Chefanklägerin des UN-Kriegsverbrechertribunals. In ihren Memoiren berichtete sie über Hinweise auf illegalen Organhandel. Die Informationen seien zwar interessant gewesen, doch letztlich hätten die Ermittler entschieden, dass die sie weitere Nachforschungen nicht rechtfertigten. Jetzt beschäftigt sich Marty im Auftrag des Europarats damit. Er will sich nicht äussern, so lange seine Erkundigungen nicht abgeschlossen sind.

Angeblich auch Empfänger aus Deutschland und der Schweiz

Die serbischen Behörden wollen neue Beweise entdeckt haben. Nach ihren Angaben zählten offenbar zwei wohlhabende Personen aus Deutschland und aus der Schweiz zu den Empfängern von Organen, die in Albanien entnommen und über Mittelsmänner verkauft worden sein sollen. Privatflugzeuge und zig Millionen Dollar sollen bei dem makabren Geschäft eine Rolle gespielt haben. Wer die angeblichen Empfänger waren, will Bruno Vekaric, Mitarbeiter des serbischen Kriegsverbrecher-Chefanklägers Vladimir Vukcevic, nicht sagen.

Die Informationen stammen nach seinen Angaben von Leuten, die mit der Sache zu tun hatten, darunter auch Angehörige der Kosovo-Befreiungsarmee (UCK). Vukcevic zeigt einen dicken blauen Ordner voller Unterlagen, die er kürzlich Marty übergeben habe. Einen Einblick in die Akten lehnt er mit der Begründung des Informantenschutzes ab.

Vorwürfe zurückgewiesen

Der angebliche Organraub soll sich in den Wirren der Nachkriegswochen 1999 abgespielt haben, als Hunderttausende ins Nachbarland geflüchtete Kosovo-Albaner zurückkehrten. Nach serbischen Angaben sind bis zu 400 Kosovo-Serben in dieser Zeit spurlos verschwunden. Manche befürchten, dass Dutzende von ihnen einem Organraub zum Opfer gefallen sind. Albanische und kosovarische Stellen weisen solche Verdächtigungen mit Nachdruck zurück. Der kosovarische Ministerpräsident und ehemalige UCK-Kommandeur Hashim Tahci nannte sie in einem AP-Interview «komplett erfunden».

Doch Serbien fordert, das fragliche Haus sowie Hinweise auf drei Massengräber in Nordalbanien noch einmal unter die Lupe zu nehmen, in denen möglicherweise die Überreste verschollener Serben liegen. Anders als eine Transplantation, die ein grosses OP-Team erfordert, ist eine blosse Organentnahme einfacher zu bewerkstelligen. Doch es muss schnell gehen. Und da wirft es doch Fragen auf, dass sich das ausgerechnet im abgelegenen Nordalbanien abgespielt haben soll, wo die die Strassen ungeteert und so holprig sind, dass es zur Fortbewegung einen Geländewagen oder einen Esel braucht. Entnommene Organe hätten also vermutlich per Hubschrauber nach Tirana und von dort weiter zur Verpflanzung ausgeflogen werden müssen.

Blutspuren im Bauernhaus

Im Februar 2004 untersuchten UN-Ermittler unter Leitung des Forensik-Experten Jose Pablo Baraybar das Bauernhaus in Rripe. Mithilfe von Chemikalien wiesen sie Blutflecken in der Küche und in einem Nebenraum nach. «Mein Bauch sagt mir, dass da etwas passiert ist», meint Baraybar. Doch die Blutspuren wurden nie daraufhin untersucht, ob sie von Mensch oder Tier stammen.

Vor dem Haus, an einem Abhang zum Fluss hinunter, fanden die Ermittler Spritzen, leere Behälter eines Mittels zur Muskelentspannung und von Antibiotika sowie ein Stück Mull. Beim Versuch, auf einem nahen Friedhof nach möglichen serbischen Opfern zu graben, wurden sie nach Baraybars Angaben von Dorfbewohnern vertrieben. «Die Stimmung war ziemlich feindselig», sagt er.

Das ist sie noch heute. Als AP-Journalisten kürzlich zu dem Haus kamen, empfing sie der Besitzer höchst unwirsch. Abdulla Katuci, ein älterer Mann mit Ledermütze, abgetragener Jacke und Schnurrbart, fuchtelte zornig mit den Armen: «Wie sollen wir denn hier operieren? Das sind alles Lügen!» Kein Kosovare, weder Serbe noch Albaner, habe je einen Fuss auf seinen Grund und Boden gesetzt. Die Spritzen und Medikamentenfläschchen habe seine Familie zur medizinischen Behandlung benutzt. Die Blutspuren seien bei Hausgeburten entstanden oder beim Schlachten von Hühnern und Lämmern. «Das Haager Tribunal soll doch kommen und das nachprüfen», ruft der Mann. «Die sollen uns alle als Zeugen aufrufen.» (dapd)

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