Personal-Experte: «Firmen akzeptieren WK-Absenzen nicht mehr»
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Personal-Experte«Firmen akzeptieren WK-Absenzen nicht mehr»

Eine Genfer Firma rekrutiert nur Mitarbeiter, die nicht militärdienstpflichtig sind. HR-Experte Thomas Bayer erstaunt das nicht.

von
P. Michel
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Eine Genfer Firma schreibt in einer Stellenausschreibung, dass sich nur Bewerber melden sollen, die nicht militärdienstpflichtig sind.

Eine Genfer Firma schreibt in einer Stellenausschreibung, dass sich nur Bewerber melden sollen, die nicht militärdienstpflichtig sind.

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Dabei handelt es sich um eine Stelle als Ölhändler.

Dabei handelt es sich um eine Stelle als Ölhändler.

«Das ist schon ein sehr offensiver Schritt. Aber das Beispiel zeigt, wie es um das Ansehen der Schweizer Armee bei den international ausgerichteten Firmen bestellt ist», erklärt HR-Experte Thomas O. Bayer.

«Das ist schon ein sehr offensiver Schritt. Aber das Beispiel zeigt, wie es um das Ansehen der Schweizer Armee bei den international ausgerichteten Firmen bestellt ist», erklärt HR-Experte Thomas O. Bayer.

PD

Herr Bayer, eine Genfer Firma wünscht sich in einer Stellenausschreibung nur Bewerber, die nicht militärdienstpflichtig sind. Warum ist die Armee-Erfahrung bei den Unternehmen nicht mehr gefragt?

Die Zeiten, als eine militärische Ausbildung noch ein Garant für eine steile Karriere etwa bei Banken oder Versicherungen war, sind längst vorbei. Während früher die Offiziersschule die nationale Politik- und Wirtschaftselite hervorbrachte, hat die Armee spätestens seit der Wende von 1989 und der damit einhergehenden weiteren Globalisierung bei den Unternehmen massiv an Nimbus verloren. Früher waren die Netzwerke, die in der Armee entstanden, sehr attraktiv.

Und heute?

Heute kann einem die Militärkarriere im Weg stehen: In international tätigen Firmen rümpfen die Kollegen die Nase, wenn jemand einen Wiederholungskurs absolvieren muss. Darum erstaunt es nicht, dass dieses Jobinserat von einem multinationalen Konzern stammt.

Ist es ein Tabubruch, dass nun gar in einem Stelleninserat Angehörige der Armee explizit nicht mehr erwünscht sind?

Das ist schon ein sehr offensiver Schritt. Aber das Beispiel zeigt, wie es um das Ansehen der Schweizer Armee bei international ausgerichteten Firmen bestellt ist. Viele Unternehmen halten es wahrscheinlich bei der Mitarbeiterauswahl ähnlich, auch wenn sie das niemals so explizit in die Stellenbeschreibung aufnehmen würden. Sie agieren subtiler: Da werden einfach andere Kompetenzen wie etwa Auslanderfahrung beim Studium oder im Beruf sowie Fremdsprachen höher gewichtet, und dann wird jenen Bewerbern, die «nur» über Führungserfahrung im Militär verfügen, abgesagt.

Wie störend sind heute die Abwesenheiten der Militärdienst leistenden Mitarbeiter für die Unternehmen?

Das ist neben dem Zuzug globaler Firmen der zweite wichtige Grund, warum der Glanz der Militärausbildung schwindet. Heute ist es für eine Firma nicht mehr akzeptabel, wenn ein Mitarbeiter drei bis vier Wochen pro Jahr fehlt, bei Kadern ist es gar noch mehr. Man will oder kann sich das schlichtweg nicht leisten.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, warum sich die Firmen das nicht mehr leisten können?

Stellen Sie sich vor, Sie sind Chef einer Firma und es bricht eine Krise aus: Dann können doch Mitarbeiter oder Manager, die eine wichtige Position besetzen, nicht unerreichbar in einem Bunker sitzen. Zudem ist die Abwesenheit auch eine Kostenfrage. Darunter leiden auch die KMU. Zwar ist in traditionell geprägten kleineren Firmen die Offiziersdichte oftmals noch höher als bei den Konzernen. Trotzdem: Ersatz für den Mitarbeiterausfall zu finden, kostet viel Zeit und Geld, und das haben KMU oft nicht.

Welche Vorteile brachten denn früher die Armee-Seilschaften?

Wurde etwa ein Offizier arbeitslos, beschafften ihm seine Kollegen innert 20 Minuten einen neuen Job. Bei der UBS kam man zum Beispiel kaum ins Management, wenn man nicht bis zum Offizier weitergemacht hatte.

Was müsste die Armee ändern, um für Firmen wieder attraktiver zu werden?

Die Schweizer Armee müsste sich mehr an den aktuellen Ansprüchen der im internationalen Kontext operierenden Firmen orientieren und ihre Ausbildung in den Rekrutenschulen, aber auch in der Führung darauf ausrichten.

Wie stellen Sie sich das vor?

Zum Beispiel müsste die Ableistung der Wiederholungskurse noch flexibler werden, damit den Firmen nicht wochenlang die Mitarbeiter und Manager fehlen. Und um die Attraktivität für die internationalen Konzerne nicht vollends zu verlieren, müsste man überlegen, ob die militärische Ausbildung auch vertiefte IT-Kenntnisse, fortgeschrittenes Englisch und beispielsweise auch Chinesisch umfassen sollte. Damit wären die Dienstleistenden auch für internationale Firmen wieder attraktiv, weil sie zeitgemässe Zusatzqualifikationen aus der Armee mitbringen würden.

Zur Person

Thomas O. Bayer ist Gründer und CEO der Bayerplus Executive Search Consulting in Küsnacht ZH.

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