Kein Privatleben: «Firmen funktionieren heute wie Sekten»

Aktualisiert

Kein Privatleben«Firmen funktionieren heute wie Sekten»

Der Job als Lebensmittelpunkt: Gewisse Unternehmen arbeiten laut Experten aktiv darauf hin, dass die Angestellten ihre Freizeit zugunsten der Arbeit sausen lassen.

von
J. Büchi

In der Kaffeepause ein Schwätzchen mit der Chefin, nach Feierabend ein Bier auf der firmeneigenen Terrasse und dazwischen ein Abstecher ins Fitness-Center des Unternehmens: Was für manche Leute der Inbegriff eines erfüllten Berufslebens sein mag, ist laut Experten Ausdruck einer problematischen Entwicklung. «Die Grenze zwischen Privatleben und Arbeit ist in den letzten Jahren stark verwischt worden», sagt Olaf Geramanis, Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Früher galt der Ausspruch: Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps – heute funktioniert das nicht mehr.»

Paradebeispiel für diese Entwicklung seien Firmen wie Google, Apple, Microsoft oder Novartis: «Auf den Geländen dieser Konzerne ist alles vorhanden: Fitness, Wellness, Essensgelegenheiten, Disco. Man muss den Firmencampus eigentlich gar nicht mehr verlassen», sagt Geramanis. So gehe man mit Unterzeichnung des Vertrags nicht nur ein Arbeitsverhältnis ein, sondern werde gleich «als ganze Person mitsamt Privatleben» ins Unternehmen geholt.

Leidenschaft und Authentizität sind gefragt

Hauptgrund für diese Entwicklung sei, dass heute mehr Wert denn je auf persönliche Hingabe im Beruf gelegt werde, sagt Geramanis, der diese Woche eine Fachtagung zum Thema organisiert (siehe Box): «Es wird erwartet, dass man sich ‹leidenschaftlich› für seinen Job engagiert und ‹authentisch› agiert.» Vor 20 Jahren habe man sich allenfalls einen «engagierten» Mitarbeiter gewünscht – mehr aber nicht. Heute seien auch die Hierarchien flacher als damals, was die Arbeit nicht nur erleichtere: «Wenn die Chefin plötzlich auch eine gute Freundin ist, wird es umso schwieriger, ihr einen Wunsch abzuschlagen.»

Flexible Arbeitszeiten und moderne Kommunikationsmittel machen es schliesslich möglich, dass heute jedermann rund um die Uhr erreichbar ist. Viele Arbeitnehmer würden sich dadurch genötigt fühlen, auch in der Freizeit zu arbeiten, sagt Diplom-Psychologin Kristina Hermann, Mitorganisatorin der Fachtagung: «Der Druck ist gross, auch am Feierabend und sonntags noch Mails zu lesen – so beuten sich die Leute selber aus.»

Wie Sekte oder Mafia

Viele Firmen würden es heute geradezu darauf anlegen, dass Mitarbeiter Arbeits- und Freizeit verwechseln, so die These der beiden Experten. Dazu passe auch der Trend zu teambildenden Events. «Ausflüge im Stil von: ‹Wir gehen in den Klettergarten und fassen uns alle an› sind heute gross in Mode», sagt Hermann. Und Geramanis ergänzt: «In gewissen Unternehmen herrscht heute eine prekäre Verbundenheit, wie es sonst höchstens im Kloster, vielleicht noch in Sekten oder in der Mafia der Fall ist.»

Diese Entwicklung berge nicht zu unterschätzende Gefahren, warnen die Experten. Die eigene Familie und der Freundeskreis würden vernachlässigt, man identifiziere sich bis zur Selbstaufgabe mit dem Job. «Wenn es dann Probleme im Beruf gibt oder das Unternehmen gar pleitegeht, zieht es vielen Leuten den Boden unter den Füssen weg.» Dazu kommen die bekannten Folgen der ständigen Erreichbarkeit: Erschöpfungszustände, Burnouts, Depressionen.

Kristina Hermann fordert, dass Experten und Arbeitgeber nun die Diskussion um den richtigen Schutz der Privatsphäre führen: «Das Ziel muss sein, dass die Arbeitnehmer sich ihrer Grenze zum Privatleben bewusst sind und dafür auch einstehen können, auch wenn es unbequem ist.»

Bessere Arbeitszeitkontrolle gefordert

Thomas Zimmermann, Sprecher des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB), bestätigt, dass es für Arbeitnehmer zunehmend schwieriger wird, ihr Recht auf Freizeit geltend zu machen. Erst am Montag publizierte die Organisation eine Studie, die zeigt, dass die Arbeitszeiten in der Schweiz von den Firmen nur mangelhaft erfasst und von den Kantonen nur lasch kontrolliert werden. Die Folgen: «Überlange, allenfalls nicht einmal korrekt entschädigte Arbeitszeiten, Stress und Burnouts.»

Auch der SGB-Sprecher fordert deshalb, dass wieder mehr Wert auf die Trennung zwischen Arbeit und Privatem gelegt wird. Das Problem seien aus seiner Sicht jedoch nicht die Betriebsausflüge, sondern die Forderung nach ständiger Erreichbarkeit. Die wichtigste Massnahme sei deshalb eine bessere Erfassung und Kontrolle der Arbeitszeiten: «Es geht nicht um Stechuhren oder starre Arbeitsprozesse. Es gibt heute einfache Instrumente, die Arbeitszeit flexibel zu erfassen – wie etwa Smartphone-Apps.»

«Changetagung»

Am 30./31. Januar findet im Kollegienhaus der Universität Basel zum vierten Mal die sogenannte Changetagung statt. Die zentrale Fragestellung lautet: «Wie wird mit Nähe im organisationalen Alltag umgegangen?» Eingeladen sind rund 250 Personen, die Veranstalter erwarten hochkarätige Experten verschiedener Länder.

Prof. Dr. Olaf Geramanis und Kristina Hermann sind die Veranstalter der Changetagung (Bild: Fachhochschule Nordwestschweiz)

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