28.05.2020 11:45

Corona und die DetektiveFirmen lassen Angestellte im Homeoffice beschatten

Anstatt von zu Hause aus zu arbeiten, gehen manche Mitarbeiter lieber shoppen oder grillieren. Nun jagen erste Unternehmen die Blaumacher mittels Privatdetektiven.

von
Simon Ulrich
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Unzählige Beschäftigte in der Schweiz erledigen ihre Arbeit derzeit von zu Hause aus.

Unzählige Beschäftigte in der Schweiz erledigen ihre Arbeit derzeit von zu Hause aus.

Foto: Keystone
Doch nicht alle gehen verantwortungsbewusst mit dem Homeoffice um. Manche gehen shoppen statt zu arbeiten, …

Doch nicht alle gehen verantwortungsbewusst mit dem Homeoffice um. Manche gehen shoppen statt zu arbeiten, …

Getty Images/iStockphoto
… andere veranstalten eine Grillparty.

… andere veranstalten eine Grillparty.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Noch nie befanden sich so viele Schweizer im Homeoffice wie in der Corona-Krise.
  • Einige von ihnen arbeiten dort aber nicht, sondern machen blau.
  • Davon profitieren manche Detektivbüros: Sie werden von Firmen beauftragt, verdächtigen Mitarbeitern nachzuspüren.

Die Corona-Krise hat hierzulande Hunderttausende Arbeitnehmer ins Homeoffice befördert. Für die Vorgesetzten hat das Konsequenzen: Sie haben keine unmittelbare Kontrolle mehr über ihre Mitarbeiter. Während ein Grossteil der Beschäftigten verantwortungsvoll mit den neu gewonnenen Freiheiten umzugehen weiss, verstehen andere sie als Einladung zum Blaumachen. Das wiederum ruft Leute wie Erich Wunderli auf den Plan.

Wunderli führt seit 35 Jahren eine Privatdetektei mit eigener Schule in Dübendorf ZH. Zu normalen Zeiten spüren seine Mitarbeiter Wanzen auf oder entlarven Fremdgänger und Schwarzarbeiter. Seit Mitte April jedoch werden sie vermehrt auch auf potenzielle Homeoffice-Betrüger angesetzt. «Bisher haben wir elf solcher Aufträge erhalten, neun sind bereits abgeschlossen», sagt Wunderli. Unter anderem nahmen Beratungsfirmen, ein Pharmakonzern und ein Architekturbüro die Corona-Schnüffeldienste in Anspruch. In drei der neun abgeschlossenen Fälle bestätigte sich der anfängliche Verdacht der Firma.

Shoppingtour statt Homeoffice

Der Zürcher Privatdetektiv berichtet etwa von der Mitarbeiterin eines Beratungsunternehmens, die sich von morgens bis abends auf Shoppingtour begab. In einem weiteren Fall konnten die Detektive im Einsatz stehen immer mindestens zwei eine Pharma-Angestellte überführen, die sich ihre Arbeitszeit in Nachbars Garten vertrieb, wo gejasst und grilliert wurde. «Nur den Firmen-Laptop hat sie nie zur Hand genommen», erzählt der 61-Jährige. Teilweise seien die Verdächtigen ihren Vorgesetzten schon vor der Corona-Krise negativ aufgefallen, auch zu Streit sei es gekommen. «Manche Arbeitgeber vermuteten, dass sich die Person im Homeoffice rächt.»

Die Basilisk-Detektei mit Sitz in Reinach BL wurde immerhin zweimal beauftragt, Beschäftigte im Homeoffice zu beschatten. Auch hier wurde etwa ein Mitarbeiter einer Buchhaltungsfirma ertappt, wie er während der klar festgelegten Arbeitszeit zum Einkaufen ging. «Ein Angestellter hatte zuvor das Fehlverhalten seines Kollegen beobachtet und dies dem Chef gemeldet», sagt Geschäftsführer Max Steiner. Auch Steiner und seine Detektive sind stets zu zweit im Einsatz. «Das ist zum einen praktischer, wenn man zwecks Verfolgung zu Fuss das Auto stehen lassen muss und es keinen Parkplatz hat», erklärt der 44-Jährige. Zum anderen habe der Ermittlungsbericht mehr Gewicht, wenn die Beobachtungen unter vier Augen erfolgen.

Das Wohnzimmer ist tabu

Pro Tag kostet die Homeoffice-Überwachung bei den beiden Detekteien um die 1000 Franken. Damit die Beweislage ausreichend ist, empfehlen Wunderli und Steiner, zwei bis drei Tage zu investieren. Die Unternehmen geben demnach schnell einmal 3000 Franken und mehr aus. Doch das zahle sich längstens aus, sagt Steiner: «Der wirtschaftliche Schaden, den der fehlbare Mitarbeiter generiert oder weiter verursachen würde, wäre weit grösser als die Kosten für die Observation.» Neben den finanziellen Einsparungen sieht der Baselländer Privatdetektiv noch einen weiteren Vorteil: «Wenn sich der Fall in der Firma herumspricht, wissen die Mitarbeiter: Sie müssen sich an die Regeln halten.»

Klare Regeln gelten auch für die Detektive: So sind Beschattungen etwa nur an Orten erlaubt, die von der Strasse aus frei einsehbar sind, wie Balkone und Gärten. Von draussen ins Wohnzimmer zu blicken oder sogar zu filmen, ist verboten. «Solange sich eine Person in der Wohnung aufhält, können wir nicht feststellen, ob sie Homeoffice macht oder nicht», stellt Wunderli klar. Damit eine Person überhaupt erst beschattet werden darf, muss zudem ein begründeter Anfangsverdacht vorhanden sein. «Noch besser ist, wenn bereits einmal etwas vorgefallen ist», fügt Steiner an. Ob ein Verdacht tatsächlich begründet ist, könne man letztlich aber nicht überprüfen.

Nach Abschluss des Auftrags erhalten die Firmen einen Schlussbericht, der die gesammelten Daten und Beobachtungen der Ermittler enthält. Was danach mit den aufgeflogenen Blaumachern passiert, erfahren die Detektivbüros aus Datenschutzgründen nicht. Wunderli meint aber, dass es in den wenigsten Fällen zu einem Strafantrag kommt: «In aller Regel werden sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer im gegenseitigen Einverständnis trennen.»

Digitale Detektive

Spione, die Mitarbeiter im Homeoffice überwachen, gibt es nicht nur in menschlicher, sondern auch in digitaler Form. Sie heissen Hubstaff, Activtrak oder Time Doctor. Der Absatz solcher Programme zum Mitarbeiter-Tracking hat sich seit der Corona-Krise verdreifacht, wie etwa die «Süddeutsche Zeitung» oder die «New York Times» berichteten. «Spy-Software», wie Kritiker die Programme nennen, gewähren Vorgesetzten etwa Einblick in die Tastatureingaben und besuchten Websites ihrer Angestellten. In der Schweiz können die digitalen Überwachungsinstrumente nicht nach Belieben genutzt werden. Im Arbeitsgesetz heisst es dazu: «Überwachungs- und Kontrollsysteme, die das Verhalten der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz überwachen sollen, dürfen nicht eingesetzt werden.» Ausnahmen sind jedoch möglich, wenn etwa ein konkreter Verdacht auf Missbrauch besteht oder wenn die Observierung «aus anderen Gründen erforderlich» ist.

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169 Kommentare
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H. Acker

28.05.2020, 15:42

Das hat nichts mit Home Office zu tun. Die Überwachung findet auch im Office statt. Als Mitarbeiter erfährt man das nur nie.

Mimzl

28.05.2020, 15:37

Die MA zahlen Strom, Wasser, Miete und alles andere während des HO, trotzdem sind die AG undankbar und denken sie werden ausgenutzt und man arbeitet nicht. Es geht ihnen nur darum, dass sie die Kontrolle nicht verlieren, weil sie an das klammern.

KMU-Chef

28.05.2020, 15:33

Wir haben das ganz anders gelöst! Unsere Mitarbeiter arbeiten als Unternehmer im Unternehmen uns sind zu 80% auf ihren Erfolg entlohnt. Bei uns lohnt es sich erfolgreich zu sein, wann (zeitlich) gearbeitet wird ist völlig egal! Die Schweizer Wirtschaft muss endlich weg kommen vom "Stundenabsitzen" als Lohngrundlage, erst dann ist der Erfolg garantiert!