Aktualisiert 05.05.2015 11:13

Wenig KontrollenFirmen überwachen das Home-Office kaum

Schweizer Firmen setzen viel Vertrauen in ihre Mitarbeiter, die von zuhause aus arbeiten. Starre Kontrollmechanismen kennen die wenigsten.

von
Valeska Blank
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Kaffee trinken, Mails checken und bei schönem Wetter in die Badi? So lautet eines der häufigsten Vorurteile. Tatsächlich sind Menschen, die ab und an von zu Hause aus arbeiten können, produktiver, wie zahlreiche Untersuchungen belegen. Das bedeutet nicht zwingend, dass man zu Hause weniger arbeitet, als wenn man im Büro Dauerpräsenz markiert.

Kaffee trinken, Mails checken und bei schönem Wetter in die Badi? So lautet eines der häufigsten Vorurteile. Tatsächlich sind Menschen, die ab und an von zu Hause aus arbeiten können, produktiver, wie zahlreiche Untersuchungen belegen. Das bedeutet nicht zwingend, dass man zu Hause weniger arbeitet, als wenn man im Büro Dauerpräsenz markiert.

Tatsächlich ist Arbeiten von zu Hause aus bei den Eltern beliebt, weil es Nähe schafft zu den Kindern und den Koordinationsaufwand (Mittagessen, Hausaufgaben etc.) verringert. Dennoch ist ein Fakt, dass beides gleichzeitig nicht geht.

Tatsächlich ist Arbeiten von zu Hause aus bei den Eltern beliebt, weil es Nähe schafft zu den Kindern und den Koordinationsaufwand (Mittagessen, Hausaufgaben etc.) verringert. Dennoch ist ein Fakt, dass beides gleichzeitig nicht geht.

Keystone
Oft wird argumentiert, dass das Netz in den Zügen zu schwach sei. Eine Studie der Hochschule für Angewandte Psychologie an der FH Nordwestschweiz sagt aber, dass im Zug ganz anders gearbeitet und eine stabile Internetverbindung gar nicht immer zwingend ist.

Oft wird argumentiert, dass das Netz in den Zügen zu schwach sei. Eine Studie der Hochschule für Angewandte Psychologie an der FH Nordwestschweiz sagt aber, dass im Zug ganz anders gearbeitet und eine stabile Internetverbindung gar nicht immer zwingend ist.

Keystone/Martin Ruetschi

Flexible Arbeitsmodelle verbreiten sich in der Schweiz zunehmend. Dass sie aber auch ihre Tücken haben, zeigt ein Fall bei der Grossbank UBS: In einer Abteilung hatten sich Mitarbeiter im Home-Office offenbar zu viele Freiheiten herausgenommen, waren schlecht erreichbar oder meldeten sich nicht beim Chef ab. Ein UBS-Manager erinnerte seine Angestellten darum in einem E-Mail, Home-Office sei ein «Privileg» und dürfe «nicht missbraucht» werden.

Dass viele Schweizer das Home-Office ausnutzen, verneint der Arbeitspsychologe Hartmut Schulze aber (siehe Interview). «Ich kenne nur einige wenige Fälle», sagt er zu 20 Minuten. Mehrere Studien zeigten, dass Home-Office eher den gegenteiligen Effekt habe: «Die Mitarbeiter sind in den heimischen vier Wänden deutlich produktiver.»

Wann und wo ist zweitrangig

Eine Firma mit viel Home-Office-Erfahrung ist Microsoft Schweiz. Dort dürfen ausnahmslos alle Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten (siehe Box). Ausgenutzt werde diese Möglichkeit nicht, weil die Mitarbeitenden klare Zielvorgaben hätten, sagt Sprecherin Barbara Josef zu 20 Minuten: «Insofern kann man bei uns das Home-Office gar nicht missbrauchen.» Wann und wo die Angestellten arbeiten, sei zweitrangig. «Wenn ein Mitarbeiter an einem schönen Nachmittag mit den Kindern Fussball spielt und dafür am verregneten Sonntagmorgen arbeitet, ist das für uns in Ordnung», so Josef.

Trotz allem Vertrauen geht es aber nicht ganz ohne Kontrolle. Microsoft Schweiz stellt in regelmässigen Standortbestimmungen fest, ob der Mitarbeiter gut vorankommt oder ob er Unterstützung braucht. Diese Treffen zwischen Mitarbeiter und Manager finden in der Regel alle zwei Wochen statt – «und wann immer möglich persönlich», so Josef.

Keine starren Kontrollen

Auch die SBB fördert ortsunabhängige Arbeitsformen. Damit das Modell funktioniere, müsse die Erreichbarkeit der Mitarbeitenden gewährleistet sein, sagt Sprecherin Lea Meyer. «Wir stellen diesbezüglich aber keine Probleme fest.»

Wie bei Microsoft basiert das mobile Arbeiten auch beim Bahnbetrieb stark auf Vertrauen. Das funktioniere sehr gut, sagt Meyer. Starren Kontrollmechanismen unterliegen die SBB-Mitarbeiter im Home-Office nicht. Der Output wird ganz individuell kontrolliert, etwa in Telefonkonferenzen oder im persönlichen Gespräch. «Zudem gibt es die sogenannte soziale Kontrolle über die Teammitglieder – auch ihnen will man ja zeigen, dass man im Home-Office gut arbeitet», so Meyer.

Lockere Zügel sind besser

Dass Schweizer Firmen die Zügel bei den Home-Office-Mitarbeitern eher locker lassen, findet Arbeitspsychologe Schulze richtig. «Zu viel Kontrolle wäre nur ein Zeichen des Misstrauens.» Wichtig sei vielmehr, dass Chef und Mitarbeiter regelmässig in Kontakt seien und dass über Ergebnisse und die Wege dahin diskutiert werde – und weniger über den Zeitpunkt, an dem man gearbeitet habe.

Zudem müsse den Firmen klar sein, dass flexible Arbeitsformen letztlich auch flexible Regeln bedingen. «Was heute funktioniert, kann schon morgen nicht mehr sinnvoll sein», so Schulze. Da viele Unternehmen noch wenig Erfahrung mit Home-Office hätten, müssten sie die Regeln immer wieder neu anpassen. Diese Erfahrung macht derzeit auch die UBS: «Die Leitplanken müssen immer wieder neu definiert werden», so eine Sprecherin.

Home-Office: In der Schweiz verbreitet

Verschiedene Unternehmen wie Credit Suisse, Swiss Re, Swisscom, Migros Restaurants oder Microsoft Schweiz sowie einzelne Bundesämter bieten ihren Mitarbeitern die Möglichkeit zu Home-Office an. Microsoft gilt als regelrechter Pionier. «Die Arbeit im Home-Office ist ein Element der Arbeitskultur», sagt Mediensprecherin Barbara Josef. «Sämtliche rund 600 Mitarbeiter können einen Teil der Arbeit von zu Hause aus erledigen.» Im Schnitt seien das 1.5 Tage pro Woche im Home-Office.

Herr Schulze, warum missbrauchen gewisse Angestellte das Home-Office?

Hartmut Schulze*: Ein Missbrauch ist ein Zeichen dafür, dass in den Firmen etwas grundlegend schiefläuft. Das kann passieren, wenn zum Beispiel Home-Office aus den falschen Gründen angeboten wird – etwa nur, um Kosten zu sparen. Dann kann das Modell nicht funktionieren, weil Führungskräfte und Mitarbeitende unterschiedliche Erwartungen haben.

Sie sagen, dass nur ganz wenige Angestellte in der Schweiz das Home-Office missbrauchen. Ist das nicht etwas blauäugig?

Im Gegenteil: Die meisten Mitarbeitenden sind dankbar, wenn sie ab und zu von zu Hause aus arbeiten dürfen. Sie fühlen sich vom Arbeitgeber wertgeschätzt und zahlen es mit entsprechend hoher Leistung zurück.

Was muss ein Angestellter tun, damit er von zu Hause aus erfolgreich arbeiten kann?

Ein Home-Office-Tag muss gut vorbereitet und die Ziele klar definiert sein. Am besten spricht man die Aufgaben mit dem Chef ab und gibt regelmässig Feedback, wie man vorangekommen ist. Auch mit den Teamkollegen sollte man im Kontakt bleiben, damit sie wissen, woran der Kollege im Home-Office arbeitet. Das beugt letztlich auch Misstrauen vor.

Darf man Feierabend machen, wenn man im Home-Office schon um 15 Uhr mit der Arbeit fertig ist?

Tatsächlich sind Angestellte im Home-Office oft effizienter als im Grossraumbüro. Trotzdem sollte man nicht ohne Absprache früher aufhören zu arbeiten. Besser ist es, den Chef zu informieren, dass man schneller war als gedacht. Je nach Situation kann er einem neue Aufgaben erteilen – oder einen ausnahmsweise wirklich früher in die Freizeit entlassen.

*Hartmut Schulze, Arbeits- und Organisationspsychologe, Fachhochschule Nordwestschweiz

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