Krebsgefahr: Zeitbombe Asbest tickt weiter – auch hierzulande

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KrebsgefahrZeitbombe Asbest tickt weiter – auch hierzulande

Asbestfasern sind lebensgefährlich, weil sie etwa unheilbaren Krebs verursachen. Ein Fachmann klagt nun, dass es auch heute noch Baufirmen und Private gibt, die ihre Angestellten oder Mitmenschen aus finanziellen Gründen dem tödlichen Material aussetzen.   

von
Daniela Gigor
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Zwei Männer sind dabei, ein Haus von Asbest zu befreien. (Symbolbild) 

Zwei Männer sind dabei, ein Haus von Asbest zu befreien. (Symbolbild) 

Tages Anzeiger
Sie müssen dabei jeweils von Kopf bis Fuss vor den unsichtbaren Fasern geschützt werden. (Symbolbild) 

Sie müssen dabei jeweils von Kopf bis Fuss vor den unsichtbaren Fasern geschützt werden. (Symbolbild) 

Tages Anzeiger
 In der Schweiz gibt es insgesamt 265 Asbestsanierungsunternehmen, welche von der Suva anerkannt sind. (Symbolbild)

 In der Schweiz gibt es insgesamt 265 Asbestsanierungsunternehmen, welche von der Suva anerkannt sind. (Symbolbild)

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Darum gehts

  • Auch 32 Jahre nachdem Asbest verboten wurde, gibt es noch viele Häuser, welche Materialien mit Asbest enthalten. 

  • Solange der unsichtbare Asbest nicht freigesetzt wird, besteht keine Gefahr für Menschen.  

  • Etwa bei Umbauten müssen vor den eigentlichen Bauarbeiten aber Spezialisten für die Sanierung ran.  

  • Weil Private und Bauunternehmer Kosten sparen wollen, kommt es immer wieder vor, dass die Spezialisten ausgelassen werden. 

  • Dieses Vorgehen gefährdet Menschen in der Umgebung und spätere Bewohner. 

Seit 1990 ist es verboten, asbesthaltige Produkte zu produzieren und zu verkaufen.  Stehen aber Renovationen oder Sanierungen in Bauten an, die vor dem Verbot erstellt wurden, muss in der Schweiz damit gerechnet werden, dass Asbest etwa in Faserzementplatten, Boden- und Wandbelägen zu finden ist. So schreibt etwa die Suva: «In der schwach gebundenen Form – wie bei Spritzasbest – genügt eine Berührung, und die Luft ist voll mit gefährlichen Asbestfasern, die den unheilbaren Brustfellkrebs oder Lungenkrebs auslösen können.» Darum müssen bei Verdacht auf Asbest die Bauarbeiten sofort unterbrochen und abgeklärt werden, ob vor den eigentlichen Bauarbeiten zuerst eine Asbestsanierung durch Profis durchgeführt werden muss. 

In der Schweiz gibt es insgesamt 265 Asbestsanierungsunternehmen, die von der Suva anerkannt sind. Ein Schadstoffexperte, der in einer dieser Firmen arbeitet, sagt: «Es kommt ein bis zweimal pro Monat vor, dass ich mir die Arbeit anschaue und dann höre, dass man es selber in Ordnung bringen will.» Doch oft würde dann schlicht auf eine Asbestentfernung verzichtet. Und weiter: «Solche Aussagen kommen nicht nur von Privatpersonen, sondern auch von renommierten Bauunternehmern, die sich nicht um die Folgen kümmern.» Dabei ist vorgeschrieben, dass jede Asbest-Sanierung der Suva gemeldet werden muss.

Mieterin findet asbesthaltiges Material nach Bodensanierung 

Der Fachmann kennt konkrete Beispiele und erzählt etwa von einem Fall einer Bodensanierung. Die Mieterin machte ihren Vermieter darauf aufmerksam, dass sich unter dem Belag noch Asbest befinden könnte. Der Vermieter verzichtete in der Folge aber aus Kostengründen auf eine Asbest-Sanierung. Die Mieterin übergab dem Spezialisten ein Stück des Bodens und eine Untersuchung brachte ans Licht, dass der entfernte Bodenbelag Asbest enthalten hatte. Die Frau wurde durch die unsachgemässe Arbeit gesundheitlich gefährdet, weil Asbest frei gesetzt wurde und in der Luft zirkulieren konnte. 

Eine Sanierung mit Asbestentfernung durch Spezialisten fällt deutlich teurer aus. Der Fachmann erklärt: «Wenn etwa die Wandplättli in einem WC erneuert werden, das vier Quadratmeter gross ist, kostet das etwa 500 Franken. Steht aber eine Asbest-Sanierung an, muss man mit Kosten bis 1800 Franken rechnen.»  Der Aufwand ist deutlich grösser. So müssen die Angestellten des Asbestsanierers Spezialanzüge von Kopf bis Fuss anziehen und mit Masken in kontaminierten Räumen arbeiten. Dort wird Frischluft zugeführt, sodass die unsichtbaren Asbestfasern nicht ausserhalb des Raumes gelangen. Sie könnten die Menschen in unmittelbarer Nähe gefährden. Verlassen die Sanierer ihren Arbeitsplatz, geht es zuvor durch eine Vierkammer-Schleuse. Dort werden sie von Kopf bis Fuss von den Fasern gereinigt und sämtliche Schutzkleidung bis und mit ihrer Unterwäsche muss weggeworfen und entsorgt werden. Das zuvor entfernte Material des Hauses wird dem Sondermüll zugeführt. 

70 Prozent aller Gebäude enthalten noch asbesthaltiges Material  

Kenntnis von unsachgemässen Sanierungen hat auch die Suva, wie Adrian Vonlanthen, Mediensprecher Arbeitssicherheit, auf Anfrage bestätigt: «Es ist keine Frage, dass es gemacht wird und wir erhalten in diesem Zusammenhang immer wieder Meldungen von Privaten oder Mitarbeitern auf dem Bau.» Die Suva geht solchen Fällen jeweils auch nach. Hinweise, die im Zusammenhang mit dem Gesundheitsschutz von Angestellten oder Privatpersonen stehen, können per E-Mail an bereich.bau@suva.ch geschickt werden. Laut Vonlanthen enthalten in der Schweiz noch etwa 70 Prozent von allen Gebäuden asbesthaltige Materialien. 

Von 1939 bis 2020 verzeichnete die Suva rund 6000 anerkannte asbestbedingte Berufskrankheiten und davon rund 2700 Todesfälle. Die meisten davon durch typische Asbest-Erkrankungen wie Rippen- oder Bauchfellkrebs, die allerdings erst nach vielen Jahren ausbrechen. Ausserdem sind die Fallzahlen nach dem Verbot von Asbest im Jahre 1990 nicht wie erwartet Mitte der 2010er-Jahre gesunken, sondern weiterhin hoch geblieben. Das kann laut Vonlanthen ein Hinweis dafür sein, dass auch nach dem Verbot Personen mit Asbest in Kontakt kamen.  

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