Geschäft mit der Angst: Firmen versichern sich gegen Geiselnahmen
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Geschäft mit der AngstFirmen versichern sich gegen Geiselnahmen

Private Sicherheitsfirmen bieten Versicherungen für den Fall einer Geiselnahme an. Die Nachfrage steigt - auch in der Schweiz.

Im Film «Captain Phillips» wird Tom Hanks von somalischen Piraten als Geiseln genommen.  Die United States Navy SEALs beendeten die Geiselnahme, wobei drei der vier Entführer ums Leben kamen. Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit.

Im Film «Captain Phillips» wird Tom Hanks von somalischen Piraten als Geiseln genommen. Die United States Navy SEALs beendeten die Geiselnahme, wobei drei der vier Entführer ums Leben kamen. Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit.

Wenn Kriminelle oder Terroristen Geiseln nehmen und mit dem Tod bedrohen, richtet sich der Blick meist auf die Regierungen der Entführten. Doch auch private Sicherheitsfirmen lösen Entführungsfälle - und setzen im Gegensatz zu gewissen Staaten Lösegeld ein, wenn es sein muss. Voraussetzung ist der Abschluss einer Entführungsversicherung.

Die Entführung von Personen zur Erpressung von Lösegeld (Kidnap for Ransom) hat derzeit Hochkonjunktur. Mit der Angst vor Geiselnahmen steigt auch das Interesse an solchen Entführungsversicherungen.

Kommt es zum Ernstfall, schaltet die Versicherung eine Krisenberatungsfirma ein. Diese kümmert sich darum, die Geisel zu befreien und heil nach Hause zu bringen - ohne Hilfe des Staats.

Auch Lösegelder werden rückvergütet

Die Versicherung bezahlt die professionelle Krisenberatung und erstattet dem Unternehmen zudem die Kosten zurück, die eine Entführung mit sich bringt - etwa für medizinische und psychologische Betreuung und Reisekosten.

Das Bemerkenswerte dabei ist: Auch Lösegelder werden rückvergütet. Und das wird explizit in den Werbeprospekten und Policen erwähnt. So verspricht etwa die Hiscox-Versicherung die «Erstattung von übergebenem Lösegeld, auch bei Verlust des Lösegelds auf dem Transportweg».

Steigende Nachfrage in der Schweiz

Die grössten Anbieter von sogenannten «Kidnap and Ransom»-Versicherungen (K&R) sind dort zu Hause, wo sich die Regierungen vehement gegen das Zahlen von Lösegeldern aussprechen: im angelsächsischen Raum. So etwa die britische Hiscox und die US-Versicherungskonzerne A.I.G. sowie Chubb.

Das globale Volumen des Marktes wird auf 250 Millionen Dollar geschätzt, wie das Branchenheft «Schweizer Versicherung» unter Berufung auf Analysten von Morgan Stanley schreibt. Andere Schätzungen gehen von einem Prämienvolumen von rund 300 Millionen Dollar pro Jahr aus.

Aber auch in der globalisierten Schweiz, die überdurchschnittlich von Kidnappings ihrer Bürger im Ausland betroffen ist, werden Entführungsversicherungen angeboten.

«Wir sehen eine verstärkte Nachfrage, gerade bei exportorientierten kleinen und mittleren Unternehmen. Diese setzen sich heute intensiv mit dem Thema Entführungs- und Erpressungsrisiken auseinander», heisst es auf Anfrage bei AGCS, der Spezialversicherung der Allianz. Sie bietet hierzulande seit 2010 solche Policen an.

Ein diskretes Geschäft

Genaue Angaben über die Verbreitung solcher Versicherungen in der Schweiz gibt es nicht. Denn Entführungsversicherungen sind ein Nischenprodukt und werden nicht separat erfasst, wie der Schweizerische Versicherungsverband auf Anfrage erklärt. Sie fallen unter die Rubrik «Spezialversicherungen».

Dazu kommt, dass niemand gerne über diese Sparte spricht. Das Business ist nicht ohne Grund sehr verschwiegen. Die Policen sind teilweise sehr umfangreich. Oft werden nicht nur die Mitarbeiter versichert, sondern auch ihre Lebenspartner, Kinder und Gäste.

Um den Appetit der Kidnapper nicht zusätzlich anzuregen und allfälligem Missbrauch vorzubeugen, achten die Versicherungen darauf, dass möglichst wenige Personen von diesen Policen wissen. Das geht soweit, dass in der Regel die Versicherten selbst nichts davon erfahren.

Lösegeld in 75 Prozent der Fälle

Doch wie steht es um das Zahlen von Lösegeld? «Wenn ich meinen Krisenberatern sagen würde, dass das nicht in Frage komme, dann würden die mich anschauen, als ob ich betrunken sei», sagt Jack Cloonan, ehemaliger FBI-Agent und heutiger Chef der Abteilung für Spezialrisiken bei red24, einer britischen Sicherheitsfirma, die mit verschiedenen Versicherungen zusammenarbeitet.

«Die meisten Geiselnahmen, die sich weltweit ereignen - ich würde sagen, mindestens 75 Prozent, möglicherweise auch mehr - werden durch das Zahlen von Lösegeld erfolgreich beendet», hält er fest.

Auch wenn die Entführer in erster Linie etwas anderes anstrebten als Geld, etwa die Freilassung von Gefangenen, könne es trotzdem zu einer finanziellen Einigung kommen. Die Entführer sprächen dann zwar vielleicht nicht von Lösegeld, sondern beispielsweise von einer Steuer, sagt Cloonan. (sda)

Widerspruch zur offiziellen Politik

Das Zahlen von Lösegeld steht im Widerspruch zur offiziellen Politik vieler westlicher Regierungen, die in den Lösegeldern eine der wichtigsten Finanzierungsquellen des Terrorismus sehen. «Der Bundesrat verfolgt eine klare Politik des Nicht-Lösegeld-Zahlens und engagiert sich auf internationaler Ebene dafür», hält etwa das Aussendepartement (EDA) in Bern auf Anfrage fest.

Der UNO-Sicherheitsrat hat dem Thema im Januar eine eigene Resolution (2133) gewidmet. Diese verlangt, dass kein Lösegeld mehr an terroristische Organisationen gezahlt wird. Der Sicherheitsrat ruft auch die «Partner aus dem privaten Sektor» dazu auf, auf das Zahlen von Lösegeldern zu verzichten. Doch das Dokument hat keinen rechtlich bindenden Charakter.

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