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Gammel-HäuserFixen, dealen, Sex – und das schon Jahrzehnte

Junkies und Dealer, Freier und Prostituierte: Die Wohnblocks an der Neufrankengasse in Zürich gelten seit Jahrzehnten als Brennpunkt. Nun werden sie angeblich totalsaniert.

von
rom

«Atemberaubende Bilder eines Latina-Hinterns haben mich diese Woche an die Neufrankengasse 6 zu Michelle gelockt», schreibt ein gewisser Bangmaster in einem Web-Forum für Freier. Und weiter: «Ziemlich abgefucktes Haus, die Absteige ein Zimmer mit Bett und vollgestopfter, heruntergekommener Dusche.»

Über die unhaltbaren Zustände in diesem Wohnblock und im benachbarten an der Neufrankengasse 14 in Zürich weiss spätestens seit Dienstag die ganze Schweiz Bescheid. Wegen Verdachts auf Wucher hat die Polizei in einer Grossaktion den Eigentümer Peter S. und drei Komplizen verhaftet. Dutzende Bewohner wurden befragt und ihre Wohnsituation dokumentiert.

Neu sind diese Zustände jedoch nicht: «Seit Jahrzehnten gelten die beiden Adressen als Brennpunkt», sagt Rolf Vieli. Er muss es wissen: Schon als Betreibungsbeamter seien ihm die Gebäude bekannt gewesen, später als Leiter des Aufwertungsprojekt Langstrasse Plus sowieso.

1974 als Bordell gebaut

Erstellt wurden die beiden Häuser in den 1970er-Jahren. «Die Appartements waren offiziell für die vielen Gastarbeiter gedacht, die damals in die Schweiz strömten», sagt Vieli. Doch von Anfang an nistete sich quartierbedingt auch das Rotlicht-Milieu ein. Ein Bauunternehmen brüstet sich auf seiner Website wie folgt: «1974, Bau des Bordells an der Neufrankengasse 14.»

«Richtig schlimm wurde es aber erst nach der Schliessung der offenen Drogenszene beim Bahnhof Letten 1995», sagt Vieli. Innert kürzester Zeit hätten sich die Zustände massiv verschlechtert. Bis heute wird in beiden Wohnblöcken gedealt, gefixt und Sex angeboten – die Polizei ist Stammgast. Schon der ursprüngliche Besitzer, eine Privatperson, habe weggeschaut.

Allen Mietern gekündigt

Das änderte sich auch nicht, als Millionär Peter S. im Juli 2002 zuerst das Haus mit der Nummer 6 und 2005 dann das Haus mit der Nummer 14 gekauft hatte: «Es gab immer mal wieder Bitten – etwa, dass er den Hauswart auswechseln soll. Viel passierte nicht», sagt Vieli. Dabei sei ein guter Hauswart Gold wert. «In anderen Liegenschaften im Kreis 4 mit vielen Randständigen geht es niemals so elend zu und her.»

Eine Sanierung kam für Peter S. bislang mit Verweis auf die Baulinien nie in Frage. Das bedeutet: Wollte die Stadt die Strasse für ein Tram verbreitern, müssten die Häuser weg und die Investitionen wären futsch. Nun ist aber plötzlich von einer Totalsanierung die Rede. Als Grund gibt der neue Verwalter Sherry Weidmann im «Tages-Anzeiger» die Europaallee an, die das Quartier aufwertet. Daher habe man sämtlichen Mietern per Ende 2016 gekündigt.

Jurist Weidmann ist laut eigenen Aussagen auf die «Säuberung von Liegenschaften» spezialisiert. Allerdings bringe eine kurzfristige Entschärfung der Zustände nichts: «Die Drogensüchtigen beschädigen und verdrecken die Häuser permanent.» Gegenüber 20 Minuten durfte er am Mittwoch keine Auskunft mehr geben – die Anwälte von Peter S. wollten es so.

Dusche und WC auf dem Gang

In den Kreisen 4 und 5 besitzt Peter S. mehr als ein Dutzend Liegenschaften, darunter auch eine einschlägig bekannte an der Klingenstrasse 33. Laut Homegate ist dort ein Einzelzimmer ab 1250 Franken monatlich zu haben. «Gepflegter Altbau, frisch renoviert, Dusche und WC auf dem Gang», heisst es dort.

Solche Häuser mit kleinen Appartements gibt es in diesen Quartieren viele. Vermietet werden sie meist zu happigen Preisen an Randständige (deren Miete teils das Sozialamt übernimmt) und ans Milieu. Nicht alle gehören Peter S. «Ich hoffe deshalb, dass die Aktion der Polizei vom Dienstag auch eine Botschaft an all die anderen Eigentümer ist», sagt Vieli.

Skeptisch ob der «Luxus-Sanierung»

Er ist allerdings skeptisch, ob eine «Luxus-Sanierung» an der Neufrankengasse den erwünschten Effekt bringt. «Luxuswohnungen gibt es in der Europaallee schon genug und Aparthotels, wie sie heute in Mode gekommen sind, werden meist auch wieder vom Rotlicht-Milieu in Beschlag genommen.»

Denn die Prostituierten werden im Kreis 4 auch künftig Räume benötigen. So wie Michelle von der Neufrankengasse 6, die sich wohl bald eine neue Bleibe suchen muss. Freier Bangmaster war nach seinem Besuch ohnehin enttäuscht: Die Bilder der Lady mit atemberaubenden Latina-Hintern stammten nicht von ihr.

Maximum fünf Jahre bedingt

Sollte Peter S. wegen Wuchers nach Artikel 57 des Strafgesetzbuches verurteilt werden, könnte er eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bedingt, bei gewerbsmässigem Wucher gar von bis zu fünf Jahren kassieren. Ins Gefängnis müsste er nicht, es gäbe aber eine Geldstrafe für den Millionär. Empfindlich treffen könnte ihn die Einziehung des unrechtmässigen Gewinns. Hierfür muss die Anklage die Differenz zwischen dem effektiv verlangten und dem angemessenen Mietzins darlegen und vor allem beweisen. Ob für Peter S. und seine Komplizen U-Haft beantragt wird, ist laut Oberstaatsanwaltschaft noch nicht entschieden.

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