Flachsee-Attraktion: Flamingo-Abschuss ärgert Zürcher Zoo
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Flachsee-AttraktionFlamingo-Abschuss ärgert Zürcher Zoo

Am Montagmorgen kurz nach 10 Uhr wurde der Chile-Flamingo vom Flachsee mit einem Gnadenschuss erlegt. Der Zoo Zürich bemerkte das Fehlen seines Vogels am Sonntag - und kam trotzdem zu spät.

von
Marius Egger
Da war die Welt noch in Ordnung: Der Flamingo vom Flachsee kurz vor dem Abschuss. (Bild: Leser-Reporter)

Da war die Welt noch in Ordnung: Der Flamingo vom Flachsee kurz vor dem Abschuss. (Bild: Leser-Reporter)

Flamingo 60481 ist seit Montagmorgen tot. Die Aargauer Fischerei- und Jagdverwaltung gab dem Flüchtling aus dem Zürich Zoo am Flachsee nur geringe Überlebenschancen und liess ihn kurz nach 10 Uhr erlegen. Keine Freude daran hat der Besitzer des Flamingos.

«Wollten ihn einfangen»

«Es ist ärgerlich, dass der Vogel jetzt geschossen wurde», sagt der Zürcher Zoodirektor Alex Rübel gegenüber 20 Minuten Online. Seine Mitarbeiter hätten am Sonntag auf Grund von Bildern festgestellt, dass der Flamingo vom Flachsee «uns gehören muss», so Rübel. Die Verantwortlichen versuchten darauf, die Aargauer Jagdverwaltung zu kontaktieren. Vergeblich. «Wir haben niemanden erreicht.» Das war das Todesurteil für den Vogel.

Denn gemäss Rübel war klar: Die Zürcher wollten ihren Vogel zurück. «Wir wollten ihn einfangen», so der Zoodirektor. Dies sei zwar kein einfaches Unterfangen, bestätigt er Expertenmeinungen. Aber Rübels Leute haben darin offenbar einige Erfahrung. «Wir haben schon mehrfach einen Flamingo eingefangen, der aus unserem Zoo ausgebüxt war», sagt Rübel. Und das geht so: «Man muss in der Nacht ausrücken, sich dann anschleichen und den Flamingo mit dem Netz einfangen.» Für die Aargauer Fischerei- und Jagdverwaltung stand diese Option nie ernsthaft zur Diskussion. Einen Flamingo einzufangen sei nahezu unmöglich, sagte Urs René Altherr von der Jagdverwaltung am Montag.

Wie fit war der Vogel?

Ernst Weiss, Hobby-Ornithologe und ehrenamtlicher Melder der Vogelwarte Sempach, der den Vogel als erster fotografiert hatte, reagiert ebenfalls mit Befremden auf das Vorgehen. «Wenn der Vogel schon geschwächt war, wie dies die Aargauer Experten sagten, wäre das Einfangen wohl einfacher geworden.» Er bezweifelt die Ansicht der Experten. «Er hat zumindest nicht den Eindruck gemacht, als wäre er geschwächt.»

Fraglich ist zumindest, wie die Behörden zu diesem Schluss gekommen sind. Adelheid Studer-Thiersch, freie Mitarbeiterin beim Basler Zoo und Flamingo-Expertin, sagt: «Den Zustand des Vogels aus der Ferne zu beurteilen, ist fast unmöglich.» Generell gelten Flamingos aber als zäh. Studer-Thiersch wurde von der Kantonalen Fischerei- und Jagdverwaltung telefonisch um eine Einschätzung gebeten. Sie bestätigte den Behörden, dass ein Überleben für Flamingos im Winter problematisch sein kann. Entscheidend sei hierbei das Nahrungsangebot. Doch darüber habe sie keine Einschätzung abgeben können. «Ich kenne das Angebot am Flachsee nicht. Ich war auch nicht vor Ort.» Mit dem Abschuss-Entscheid habe sie nichts zu tun.

Nicht vollständig glücklich

Die Frage drängt sich auf: Haben die Aargauer Behörden die Situation zu wenig genau abgeklärt und einen voreiligen Entscheid getroffen? «Wir hätten den Zoo Zürich selbstverständlich gebeten, den Vogel einzufangen», sagt Urs René Altherr, «aber wir hatten bis am Montag keine Rückmeldung von einem möglichen Besitzer». Der Zustand des Vogels sei vom Reservatsaufseher fast täglich beurteilt worden. Zudem habe die Jagdverwaltung gemäss Bundesrecht den Auftrag, den Schutz von einheimischen Tieren gegenüber fremden Arten zu sichern.

Dass der Chile-Flamingo keine Gefahr für die anderen Vogelarten am Flachsee darstellte, weiss auch Altherr. «Was war die Alternative?», fragt Altherr rhetorisch. «Hätten wir den Vogel als Attraktion im Flachsee behalten und ihn verhungern lassen sollen?» Auch das hätte einen Aufschrei nach sich gezogen, ist sich der Jagdverwalter sicher. «Aber klar», gibt Altherr zu, «wir sind auch nicht vollständig glücklich mit dem Ausgang».

«Unser Fehler»

Der Zoo Zürich will seinen Flamingo nicht ersetzen. Damit hat sich der Bestand auf 51 Vögel reduziert. Dass nicht zum ersten Mal ein Flamingo aus dem Zürcher Zoo ausgebüxt ist, habe mit der Tierhaltung zu tun, sagt Alex Rübel. Den Vögeln werden die Flügel nicht coupiert, sondern nur gestutzt. Die Federn wachsen allerdings wieder nach – und haben so dem Flachsee-Star zum Flug in die vermeintliche Freiheit verholfen. Der Zoo Zürich muss sich den Vorwurf gefallen lassen, seine Vögel nicht richtig gezählt zu haben. Selbst auf Nachfrage der Aargauer Behörde wurde das Fehlen nicht bemerkt. Rübel gibt zu: «Das ist unser Fehler, wir haben zunächst falsch gezählt.» Einen Vorwurf macht er der Aargauer Jagdverwaltung nicht. Vom Vorgehen zeigt er sich aber überrascht: «Der Abschuss kam sehr schnell.»

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